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Duska Dragun Foto: BIH/Thomas Rafalzyk
© BIH/Thomas Rafalzyk

Nachruf auf Duska Dragun Sie musste doppelt so gut sein

Judka Strittmatter

Denn sie kam aus Kroatien und war eine Frau. Und wurde zur anerkannten Spezialistin für Nierenheilkunde.

Ein wacher Blick durch eine feine Brille, so schaute sie von ihren Fotos. Oft so, als würde sie fragen: „Was willst du wissen, was kann ich dir erzählen?“ Auf eine Art, die Wissenschaftler haben, die immer weitermüssen, die getrieben sind. Die keine Zeit verschwenden können, denn ihre Forschungen bringen die Menschheit weiter – und sie selbst natürlich auch.

Eine renommierte und hochgeschätzte Nephrologin war Univ.-Prof. Dr. med. Duska Dragun, eine Expertin für Nierenkrankheiten, weltweit unterwegs, bedacht mit Preisen und Auszeichnungen en masse. Etliche Patente in der Nierenforschung gehen auf sie zurück. Aus Zagreb kam sie Anfang der Neunziger nach Berlin, das Medizinstudium hatte sie absolviert, in Berlin-Buch wollte sie promovieren. Ihre Stipendiumsbewilligung für Deutschland ging in Zagreb aber angeblich verloren, Freunde vermuten, Duska Dragun war den kroatischen Behörden nicht rein genug: Die Familie hatte neben ihren kroatischen auch serbische, slowakische und österreichische Wurzeln, das passte nicht ins Bild. So sprang ihr Doktorvater von der Franz-Volhard-Klinik für sie ein, bezahlte das Stipendum aus eigener Tasche, die Vita der jungen Ärztin überzeugte ihn sofort.

Als talentiertes Einzelkind zu Hause in Kroatien hatte Duska Dragun auch Sprachen und Literatur als Berufswunsch im Sinn gehabt, wurde dann aber Medizinerin, die Eltern freute es. Eine ungewöhnlich enge Familie waren sie, Duska Dragun selbst gründete keine eigene; die Arbeit kam zuerst. Ihr Vater war in Jugoslawien ein bekannter Politiker gewesen, die Mutter in der Zahnheilkunde beschäftigt.

Australien?

Duska Dragun befasste sich auf ihrem Gebiet sowohl mit der Forschung, der Lehre wie auch mit der ganz konkreten Arzttätigkeit. Immer hundertprozentig engagiert, beflissen, konzentriert. Die Charité und das Virchow-Klinikum wurden ihre berufliche Heimat. Dort ging sie ihren Weg und überstand auch Ausbremsung und Arroganz. Als Frau und Ausländerin musste sie doppelt so gut sein, um anerkannt zu werden. Krankenhäuser unterscheiden sich da nicht vom Rest des Landes. In ihren ersten Jahren war sie auch Bereitschaftsärztin in der Philharmonie, saß mit ihrem Arztkoffer in den Konzerten, um zur Stelle zu sein, für den Fall, dass jemand im Orchester oder im Publikum kollabierte. Sie liebte diese Schichten.

Viel war sie im Ausland unterwegs, gute zwei Jahre etwa in Houston, Texas. Eine Zeit, die sie begeisterte, und in der sie mehrere Angebote bekam zu bleiben. Auch in Australien wollte man sie halten, dort fiel es ihr besonders schwer, Nein zu sagen. Sie liebte das Land, die Leute, das Leben, alles. „Wenn die Eltern nicht in Europa wären“, sagte sie, „dann würde ich bleiben.“

Also Berlin. Und dafür Reisen in die Fremde, wann immer es die Zeit erlaubte. Zur Ayurveda-Kur nach Indien, nach Boston oder San Francisco, nach Istrien oder Frankreich.

Schönes für sich fand sie auch in Berlin. Am Wochenende war sie Stammgast auf dem Wochenmarkt am Karl-August-Platz oder in der Markthalle Kreuzberg, hatte ein Faible für gutes Essen, für Scampi, Avocado oder die Pavlova-Torte ihrer Mutter, ein mit Sahne und Früchten gefülltes Baiser-Ungetüm. Zu einer guten, freien Zeit gehörten auch die Musik von Gustav Mahler, ein Film der Coen-Brüder, sonntags der „Tatort“. Weniger Genuss als Muss waren politische Diskussionen, die sie nicht kaltließen, an denen sie sich in Internetforen beteiligte. Freunde von ihr hatten einen jüdischen Hintergrund, der immer wieder aufkommende Antisemitismus ließ ihr keine Ruhe. Flüchtlingsschicksale ebenso. Zu oft schauten die Deutschen noch herab auf jene, die aus dem Osten kamen oder sonst woher. Da nutzte den Fremden selbst ein Ingenieursdiplom oder ein Doktortitel wenig. Wenn sich selbst die Ostdeutschen noch beschwerten, nicht dazuzugehören, wie ging es dann erst den anderen?

Pläne für die Zeit danach

„Duska war ihre Arbeit, aber sie war auch jemand, der immer Sehnsucht hatte nach Austausch und Kultur“, sagt Lidija Klasic. Über die kroatische Botschafterin in Deutschland hatten sich beide Frauen kennengelernt und sich schnell angefreundet. Später wohnten sie in einem Haus in Charlottenburg und waren auch mit anderen Nachbarn eng. Freunde waren Duska Dragun sowieso heilig. Die Kontakte hielt sie aufrecht, und wenn es nur nachts, per E-Mail nach dem Dienst, noch möglich war. Selbst Schulfreunde in Zagreb verlor sie nicht aus den Augen, bekräftigte sie in Kriegszeiten, hatte größtes Verständnis für all jene, die wie sie fortgegangen waren, in die Schweiz, nach Holland.

Überall auf der Welt sitzen heute Leute, die um sie trauern und nicht glauben können, dass diese engagierte Medizinerin mit nur 51 Jahren nicht zu retten war. Eine, die für die Rettung anderer zeit ihres Lebens alles gegeben hatte. Und die noch so viel schaffen wollte für die Nierenkranken dieser Welt.

Die ersten Anzeichen ihrer eigenen Krankheit übersah sie, oder wollte sie nicht sehen. Als der Krebs dann diagnostiziert wurde, unternahmen die Charité-Kollegen alles, was in ihrer Macht stand. Nichts half, nicht die modernsten Apparate, auch alte Heilmethoden nicht. Doch die Hoffnung ziehen lassen? Sie, Duska? Das ging nicht. Immer gab es Pläne für die Zeit danach. Ein Buch würde sie schreiben, über ihr Leben, und wie sie den Krebs besiegt haben würde. Ein anderes zum Thema Gendermedizin: wie unterschiedlich Nierentransplantationen bei Männern und Frauen funktionieren. Die Bücher wird es nicht geben. Duska Dragun starb Ende des letzten Jahres in der Charité, die für sie so etwas wie eine Heimat war.

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