Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Dieter Teschendorf Foto: privat
© privat

Nachruf auf Dieter Teschendorf Die Sache mit der Privatwirtschaft

Vor dem Mauerfall verdiente er gut mit seiner Druckerei. Danach kamen die Zeugen Jehovas und bezahlten ihre Rechnung nicht.

Dieter gehörte zur Gruppe der warmen Farben. Sahniges Gelb, Sienarot, der Schimmer auf einer Messingplatte. Denn Dieter war freundlich, zugewandt, er machte ihr nicht im Geringsten Angst. Im Vergleich zu den Menschen, die sie den kalten Farben zuordnete, dem Dunkel einer Gewitterwolke, dem Grün eines unreifen Apfels. Nein, von diesem Mann mit Elvistolle ging keine Gefahr aus, wie Heidi auf der riesigen Familienfeier, damals in den 60ern, feststellte. Sie waren über ein paar Ecken verschwägert, und Heidi verliebte sich in Dieter und Dieter in Heidi, obwohl sie unter den Leuten durchaus Verwunderung hervorrief. Sie sah Farben, auch wenn sie in ein vollkommen blasses Gesicht schaute; sie hörte Dinge, auch wenn die leblos in der Gegend herumlagen. Synästhesie: Zwei oder mehrere Sinne, die eigentlich getrennt funktionieren, werden aneinander gekoppelt. Dieter machte diese Besonderheit nichts aus, im Gegenteil. Er sah eine Welt, die nicht seine war, verspielt, expressiv, in die er sich hineinziehen ließ, in der er ein bisschen versinken konnte.

Die Welt, aus der er kam, war keineswegs ungenügend, aber ein wenig übersichtlicher. Er wuchs im Bezirk Friedrichshain auf, seine Mutter arbeitete als Köchin, sein Vater als Chauffeur. Er lernte Galvaniseur, präparierte Schreibfedern für Füller und im Anschluss bei RFT, „Rundfunk- und Fernmeldetechnik“, in Adlershof, Leiterplatten, auch für den Fernsehturm. Nur ein Kittel war sein Arbeitsschutz, mit dem stand er über den giftigen Dämpfen. Außerdem rauchte er ein bis zwei Schachteln „Cabinet“ pro Tag. Ihre Lunge ist schwach, sagten die Ärzte, und verboten ihm die Zigaretten. Doch da er noch nicht unter Luftknappheit litt, zündete er sich weiter eine nach der anderen an. Zumindest ersparte ihm das Lungenleiden die Armee. Während der Ausbildung, so mit 18, 19, überlegte er, über den Schrebergarten seiner Tante, der direkt an der Mauer in Baumschulenweg lag, in den Westen abzuhauen. Aber seine Mutter bat ihn zu bleiben, und er blieb. Die beiden hatten ein äußerst enges Verhältnis, der Vater war im Krieg und lange in der Kriegsgefangenschaft gewesen.

Ein Arm, der durch die Decke kommt

Dieter und Heidi also heirateten. Sie bezogen eine Wohnung in der Neuen Schönhauser: drei weitläufige Zimmer mit Holzschiebetüren, eine Dienstbotenkammer, ein Erker, ein Flur mit Fenster und viele Einschusslöcher in der Fassade, das ganze Gebäude alles in allem eher bröcklig. In einer Ecke des Küchenbodens klaffte ein Loch. Die Nachbarn in der Wohnung eine Etage tiefer hatten an exakt dieser Stelle ihren Kühlschrank stehen, und auf dem Kühlschrank eine Schale mit Äpfeln. Manchmal legte sich Heidi flach auf den Bauch und langte durch das Loch. Die Leute von unten sahen dann einen Arm, der aus der Decke kam, einen Apfel griff und wieder verschwand. Sie ist wunderbar, dachte Dieter und liebte Heidi noch ein wenig mehr.

Dann, inzwischen hatten sie Ellen und Peer bekommen, mussten sie aus der Wohnung raus und zogen in einen Plattenbau in Königs Wusterhausen. Alles war neu, das Wasser immer warm, und Heidi mochte die ländliche Umgebung. Vier Jahre darauf beschloss sie, ein Einfamilienhaus zu kaufen. Dieter nickte, wie er meist zu Heidis Einfällen nickte. Zur Besichtigung in Mahlow, ein sehr nebeliger Tag, begleitete er Heidi nicht, die begeistert war von dem Haus und noch an Ort und Stelle den Vertrag unterschrieb. Zum Umzug, an einem sehr klaren Tag, stellte sich heraus, dass die Mauer nur ein paar Meter entfernt lag. Immerhin konnte man die Haustür sperrangelweit offen stehen lassen, da die Grenzer zu jeder Uhrzeit die Straße entlang patrouillierten.

Im Keller des Hauses richtete Dieter eine Siebdruckerei ein, Siebdruck hatte ihn von jeher angezogen, vor allem alte Kupferstiche, die er mit dieser Technik neu zu Papier bringen wollte. Wozu es nicht kam, denn es gab anderes zu drucken. Allerdings unter strengen DDR-Bedingungen. Da war zuerst die Sache mit der Privatwirtschaft. Selbstständige Unternehmen wurden nur selten erlaubt. Da der Druckbedarf jedoch hoch war, stimmten die Genossen der Kellermanufaktur schließlich zu. Zweiter Punkt: Allein staatlich genehmigte Produkte, Firmenschilder, Hinweisschilder, durften hergestellt werden. Denn die Obrigkeit fürchtete sich vor der ungehinderten Vervielfältigung kritischer Texte. Aber Ende der 80er, als der marode Zustand der DDR selbst von den Treuesten nicht mehr übersehen werden konnte, und die Zügel gelockert wurden, begannen Dieter und Heidi Aufkleber mit nichtsozialistischen Motiven zu drucken. Garfield, Roger Rabbit, so was. Für die Ost-Kinder waren West-Sticker ein Heiligtum. Der Verkauf fand unter der Hand statt oder auf einem Markt vorm „Zentrum Warenhaus“ am Ostbahnhof. Ein Aufkleber kostete zwischen drei und fünf Mark, an manchen Tagen gingen Dieter und Heidi mit 1000 Mark nach Hause. Um Lizenzen kümmerte sich niemand.

Nach der Wende bescherten die Zeugen Jehovas den beiden einen Großauftrag, Flyer und Informationsschreiben sollten gedruckt werden. Dieter besiegelte die Sache wie gewohnt mit Handschlag und begann. Als alles fertig war, kamen die guten Christen, nahmen das Material, sagten, sie würden später zahlen und meldeten sich nie wieder.

[Die anderen Texte unserer Nachrufe-Rubrik lesen Sie hier,
weitere Texte der Autorin, Tatjana Wulfert, lesen Sie hier]

Davon erholte sich die Siebdruckerei nie mehr richtig. Dieter und Heidi verkauften das Haus und richteten eine neue, kleinere Druckerei in einer Baracke an der Warschauer Straße ein, da, wo heute die Mercedes-Benz-Arena steht. Unter der Baracke befand sich das „Non Tox“, ein Technoclub. Und während in der Tiefe die Bässe hämmerten, bewegten sich über ihnen die Maschinen im selben Rhythmus, was einen Rausch erzeugte, in den sich besonders Heidi fallen ließ.

Langsam lief es aus mit der Druckerei. Sie zogen zurück in die Stadt, nach Friedrichshain. Dieter beschäftigte sich mit den Hortensien und Orchideen auf seiner kleinen Terrasse und baute erzgebirgische Weihnachtspyramiden.

Beide wurden krank, Heidi kämpfte mit Parkinson, Dieter litt zunehmend unter den Folgen seiner Lungenschwäche. Er ging immer zeitiger ins Bett, bis er irgendwann ganz liegen blieb. Bis er keine Luft mehr bekam.

[Wir schreiben regelmäßig über nicht-prominente Berliner, die in jüngster Zeit verstorben sind. Wenn Sie vom Ableben eines Menschen erfahren, über den wir einen Nachruf schreiben sollten, melden Sie sich bitte bei uns: nachrufe@tagesspiegel.de. Wie die Nachrufe entstehen, erfahren Sie hier.]

Zur Startseite