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Dieter Scholz Foto: privat
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Nachruf auf Dieter Scholz Es kam halt immer was dazwischen

Als Schrauber und als Weihnachtsmann war er super, auch wenn er zuverlässig zu spät kam

Der König der Schrauber ist tot. Dieter, gerufen „der Chef“. Oder Dieten, Diddi, Scholzi. Aber meist nannten ihn alle „Chef“, weil er das Sagen hatte, bei sich im Hinterhof.

Dieter und die Motorräder. Da gab es eigentlich nur eine Marke für ihn, BMW, es konnte auch mal eine Moto Morini dazwischen stehen oder ein Mofa von einer Bekannten oder Mopeds von den Jungs aus dem Kiez, denen er haarklein zeigte, was nicht erlaubt war an Tuning. Er selbst hatte nie eine eigene Maschine, da war immer der Traum von einer R100, aber wenn er auf Tour gehen wollte, lieh er sich eine, oder fuhr Vespa, aber meist hat er ohnehin mehr neben den Motorrädern gelegen als drauf gesessen. Oft bis in die Nacht hinein, denn wenn er was machte, dann richtig. Auch wenn seine Mutter da ganz anderer Meinung war.

Dieter und die Familie. Der Schraubenschlüssel war ihm nämlich nicht in die Wiege gelegt worden, damals in Bayreuth. Die Eltern stammten aus Schlesien, Schlawienchen, ein schwer auffindbarer Ort, wo es einen Schatz gab, von dem alle immer redeten, Gold und Silber, vergraben vor der Flucht, aber keiner hat ihn je gefunden, auch Dieter nicht. Er sollte Vermesser werden wie sein Vater, ein respektables Leben führen, wie seine Brüder, und am Anfang sah es gar nicht schlecht aus. Er machte eine Ausbildung in Wesel, studierte dann Stadt- und Regionalplanung in Berlin, aber ließ die Karriere prompt pausieren, als er Valerie traf, in Irland, und sie auf dem Mofa als Paar nach Berlin heimkehrten.

Valerie lockte ihn nach Kreuzberg

Dieter und die Liebe. Das war eine einfache und charmante Sache. Er konnte richtig gut mit Frauen, außer mit seiner Mutter, vor der hatte er lebenslänglich Muffe, weil sie ihn immer rüffelte. Die große Liebe hatte er gefunden, aber leider auch wieder verloren. Er wohnte erst gutbürgerlich am Holsteiner Ufer, doch Valerie lockte ihn nach Kreuzberg, und ab da waren die Nächte länger als die Tage, weil die Tür immer offenstand. Und wenn es nicht gerade Nick Cave war, der hereinspazierte, dann war es ein anderer Musiker, der von einem guten Kumpel den Tipp bekommen hatte, dass bei Valerie und Dieter immer ein Bett frei war, solange die Party halt dauerte und das Irish Stew noch köchelte.

Dieter und die Ordnung. Da gab es seine Ordnung, und die Ordnung der anderen. Seine war die verbindliche, sonst hätte er ja nie sein Werkzeug parat gehabt, und da er lieber schraubte als kochte, war der Küchentisch auch Werkzeugtisch, und die Zahnbürste war perfekt für die Zündkerze zum Bürsten. Pech nur, dass es Valeries Zahnbürste war. So ging irgendwann zu Ende, was von Dieters Seite eigentlich für die Ewigkeit gedacht war. Denn auch wenn er keine Kinder kriegen konnte, da hatte er früh vorgesorgt, wollte er doch Familie, wozu all seine Kumpels zählten.

Dieter und die Freundschaft. Er nahm ja alles persönlich, also in dem Sinn, dass ihn alles anging. Er spazierte nicht zu „Lidl“, er ging „zu Onkel Lidl“. Und wenn die Kids aus dem Kiez Fragen hatten, dann gab er Antworten, weil, er wusste über alles ganz gut Bescheid, aber das ließ er nicht raushängen. Für regelmäßige Arbeit anderer Art war er nur schwer zu begeistern. Er übernahm mal den Schneeräumdienst für eine Saison, aber ausgerechnet im schneereichsten Winter seit Menschengedenken. Da wäre jeder andere auch überfordert gewesen. Als Weihnachtsmann war er unübertroffen und wurde gern gebucht, auch wenn sein Erscheinen manchmal wirklich wie ein Wunder wirkte, denn er kam zuverlässig zu spät.

„Geld ist kein Thema“

Dieter und die Zeit. Das war so ein relatives Ding, weil, seine Zeitplanung deckte sich selten mit den Vorgaben der anderen, einfach weil da immer was dazwischenkam. Freund Karl erinnert sich: „Chef fährt mit seiner Vespa von Berlin nach Friedberg in Hessen zur Hochzeit eines Freundes und bleibt dann abends vor Butzbach in einer zweispurigen Autobahnbaustelle liegen, 20 Kilometer vor dem Ziel. Die Polizei entdeckt ihn und eskortiert Vespa und Chef aus der Gefahrensituation heraus. Chef repariert auf dem Standstreifen von der Polizei ausgeleuchtet die Vespa. Gegen 23 Uhr erreicht er die Veranstaltung, reichlich verölt. Flirt mit Tante Ilse, der 70-Jährigen, bis in die Morgenstunden. Wobei beide viele Gemeinsamkeiten entdecken: „Ne Ziggi und Danziger Goldwasser ist ganz was Feines.“ Was braucht es mehr im Leben?

Dieter und das Geld. „Geld ist kein Thema“, bekräftigte er immer, „überhaupt kein Thema, verstehst Du?“ Aber nur bei Leuten, die Geld hatten, bei ihm war Geld schon ein Thema, ein ganz dringliches zuweilen. Aber, er hatte da etliche Erfolgsmodelle aus dem Erwerbsleben der anderen, der Erfolgreichen, eruiert und sortiert, und sich Diverses angelesen, und die Sache war ja noch lange nicht ausgekämpft, weil, er bekam ja immer etliche Angebote als Geschäftsführer dubioser Klitschen. Die nahm er auch gern an, nur profitierten da immer die anderen, und er stand dann mit leeren Händen da. Oder mit einem Farblaserdrucker, den er aus der Konkursmasse retten konnte, aber auch nur, weil er kaputt war.

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Dieter und die guten Absichten. An seiner Tür klebte ein Schild „Prokrastinatorische Aktion“. Denn er wusste ja, dass er an sich arbeiten musste. „Therapie ist eine gute Sache“, gestand er einer besorgten Freundin zu, „aber dafür bleibt auch später noch Zeit.“ Denn neben den Motorrädern gab es ja noch jede Menge Waschmaschinen zu reparieren. Von Kleingeräten gar nicht zu reden. Stress ohne Ende, bis er die Hand hob: „Jetzt machen wir erstmal ein Päuschen, und die Welt ist danach auch noch in Ordnung.“ Was zählt, ist der Moment. „Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“, das war seine Bibel, und der Ratgeber „In 30 Tagen zum finanziellen Erfolg“ auch, aber mehr so fürs nächste Leben.

Dieter und der Tod. Er hatte Schwierigkeiten beim Wasserlassen, so ab 60, und das ließ er dann einige Jahre unter eigener Beobachtung ruhen, bis er endlich operiert wurde, aber da war es zu spät. Unter einem Baum wollte er gern begraben werden, aber dazu kam es dann doch nicht, es wurde die Ostsee, auf Wunsch des Bruders, aber da ist noch ein Teil Asche in einer Filmdose, die soll nach Irland gebracht werden, demnächst. Was bei Dieter ja eine sehr variable Zeitspanne sein konnte, aber nun ist es an seinen Freunden zu sagen: „Mach Dir keine Sorgen, das kriegen wir schon!“

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