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Christiane Pfützner Foto: privat
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Nachruf auf Christiane Pfützner Ich hab’ mir mein Leben eingerichtet“

Von der Tonlage her Sopran, von der Wesensart Mutti für alle: Der Nachruf auf eine Frau, für die der Chor weit mehr als eine Singstätte war

Diagnose: Krebs. Lebenserwartung: allenfalls noch ein Jahr. So die Prognose der Ärzte, damals, vor 23 Jahren. Jede Woche ging sie zur Chemotherapie seitdem. Nie war die endgültige Heilung in Sicht. Christiane hat den Krebs nicht besiegt, sie hat ihm getrotzt. Auf ihre beharrlich beherrschte Art, mit der sie alle Zumutungen des Schicksals zu ihrem Vorteil zu wenden wusste.

Als sie zwölf Jahre alt war, ließ der Vater die kleine Familie im Stich. Sie hörte nie wieder von ihm. Die Mutter arbeitete in einem Kinderheim als Köchin. Christiane fühlte sich allein inmitten all der anderen Kinder und entschied früh, auf eigenen Beinen stehen zu wollen. Von der Mutter hatte sie sich die nötigen Kochkünste angeeignet, in der Transvaalstraße in Wedding fand sie eine winzige Wohnung, und das nötige Geld verdiente sie im renommierten Blumengeschäft „Polz“, wo sich rasch herumsprach, dass sie ein Händchen für die schönsten Sträuße hatte.

Das Französisch-Abitur bestand sie als Beste ihres Jahrgangs, aber das rein Akademische war ihr zu abgehoben, also studierte sie Bibliothekswissenschaft. In der Humboldt-Bibliothek am Tegeler Hafen fand sie eine Anstellung, sie gönnte sich eine etwas größere Wohnung in der Müllerstraße und legte sich einen Schrebergarten zu, der dank ihres floralen Geschicks mehr Früchte und somit auch Marmelade einbrachte, als sie selbst je verzehren konnte. Was nicht weiter schlimm war, da sich immer dankbare Abnehmer fanden. Denn schon in jungen Jahren war sie in den Deutsch-Französischen Chor eingetreten, der sich 1965 auf Initiative des französischen Diplomaten Bernard Lallement gegründet hatte. Völkerverständigung durch Gesang. Inzwischen gibt es mehr als ein Dutzend Deutsch-Französischer Chöre in Europa, die miteinander in regelmäßigem Austausch stehen.

In Hosen wurde sie nie gesehen

Christiane war von der Tonlage her Sopran und von der Wesensart früh schon Mutti für alle. Vom Äußeren her ähnelte sie zum Verwechseln der guten Fee aus dem Film „Cinderella“, was noch dadurch betont wurde, dass sie sich all ihre Kleider selbst schneiderte. In Hosen wurde sie nie gesehen. Die Couture zeigte ihre deutliche Vorliebe für Spitzen und Rüschen an wallenden Gewändern, die sie angenehm altmodisch wirken ließen. In ihrem Tun allerdings war sie alles andere als rückwärtsgewandt, was alle Sänger sehr zu schätzen wussten, denn das Tun eines großen Chores erschöpft sich ja nicht im Singen. Jedes Jahr gab es ein Treffen mit befreundeten Chören, die sich in rascher Folge gegründet hatten, da musste stets ein Buffet gerichtet werden. Für die Weihnachtsfeier des eigenen Chores bereitete sie Körbe voll selbstgebackener Kekse und dachte auch gleich an ausreichend Tütchen, damit jeder noch welche mit nach Hause nehmen konnte.

Jahr für Jahr ging es zu Übungszwecken an ausgewählten Wochenenden auf Chorreise, und auch da musste vorbereitet werden, was dann jeweils in den Jugendherbergsküchen gekocht werden sollte. Das konnte unmöglich der Laune der einzelnen überlassen werden, denn dann hätte es nur Kekse und Nachttisch gegeben. Dieser kulinarischen Anarchie vorzubeugen hatte Christiane eine Buffet-Datenbank erstellt, wobei auf Karteikarten jeweils die nötige Menge der Zutaten vermerkt war, die es für das entsprechende Gericht brauchte. Vor jedem größeren Ereignis durften die Teilnehmer sich jeweils ein Kärtchen ziehen, so war ein harmonisches Zusammenspiel aller und die Sättigung, zuweilen auch Übersättigung der Chorsänger und Sängerinnen garantiert. Die Blumenarrangements bei größeren Auftritten übernahm selbstverständlich auch Christiane, sie band die Sträuße für die Dirigenten und Solisten, und in den kälteren Tagen häkelte und strickte sie Socken und Fäustlinge für alle Beteiligten. Das Spinnrad beherrschte sie so gut wie die Harfe.

Ob es angesichts all ihrer Vorzüge jemals einen stillen Verehrer gab, keiner weiß es, und sie selbst sprach nie darüber. Auf gelegentliche Nachfrage bekundete sie nicht ohne Stolz: „Ich hab’ mir mein Leben eingerichtet.“

Was sie selbst an Berührung vermisste, gab ihr das Reiki, das sie, nach Maßgabe des Begründers Usui Mikao, als die Kunst begriff, das Glück einzuladen. Durch Handauflegen. Durch Wahrnehmung der Lebensenergie, wo immer sie fühlbar wird. Durch Beherzigung der fünf einfachen Regeln, die auf Usui selbst zurückgehen: „Ärgere Dich nicht, sorge Dich nicht, sei dankbar, arbeite eifrig und sei freundlich zu allen.“ Christiane ließ sich zur Meisterin in der Kunst des Handauflegens ausbilden, fand viele Reiki-Freundinnen, aber ihre eigentliche Familie war und blieb der Chor.

Ihre Stimme litt nicht unter der Krankheit. Sie beherrschte das Krummhorn und diverse Flöten, hatte bei den Chorfestivals meist auch ein Tambourin dabei und versteckte in den Tiefen ihrer Röcke gelegentlich noch zwei Löffel, mit denen sie rhythmisch die folkloristischen Gesänge begleitete.

Im Selbstvergessen sich selbst erfahren, das gelingt nirgends so gut wie im Gesang und im Tanz, zu dem sie immer wieder gern aufforderte, sofern es sich um Volkstänze handelte, „Sozialtänze“, wie sie sie nannte, weil im Kreis ausgeführt, Hand in Hand, alle sich gegenüber sind und keiner verloren geht.

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„Die Krankheit hat mir neue Türen geöffnet“, gestand sie gelegentlich, denn ihre Dankbarkeit für jedes weitere Lebensjahr war spürbar für alle, und jeder mühte sich, ihr zu helfen, als es zu Ende ging und sie immer schwächer wurde. Sie wohnte bis zuletzt in ihrer Wohnung im vierten Stock ohne Fahrstuhl. Ihre Einkäufe stellte sie unten ab, unter der Treppe, und wer immer vorbeikam, trug ihr die Tüten hoch. Eine Freundin fuhr sie regelmäßig in den Schrebergarten, so dass sie bis zuletzt ihre Sträuße binden konnte.

Als Dank für ihre fast 50-jährige Mitgliedschaft im Chor erhielt sie die „Medaille De Gaulle-Adenauer“, und sie wusste, dass am Grab ihr Lieblingslied ertönen würde, „Chant de rencontre“, das sie selbst ins Deutsche übersetzt hatte, „Lied der Begegnung“. Sie ahnte wohl auch, dass weiße Rosen das Grab zieren würden, 50 an der Zahl. Und wenn der Chor sich bei der nächsten Probe ihrer erinnert, würden in aller Ohren ihre unausgesprochenen Abschiedsworte nachklingen, ein wenig zitternd vom leisen Zweifel: „Adieu, ihr schafft das auch ohne mich!“

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