Christel Diler Foto: privat
© privat

Nachruf auf Christel Diler Und so ist das Herz zerrissen

Das Fernweh trieb sie nach Burma, in die Türkei. Dort tat sich das Heimweh auf. Was immer half: die Verbindlichkeit der Reime.

Je schräger der Reim, desto klarer das Nein zu einer Welt, in der sich nur schwer leben lässt, wenn die Sehnsucht einen weit, weit wegtreibt. Nur wusste sie nicht wohin, denn in der Ferne wird das Heimweh stärker, und so ist das Herz zerrissen zwischen dem Hier und dem Dort, und es hilft auch kein Versmaß, diesen Zwiespalt zu ermessen. „In der Hoffnung, hier zu reimen, / schreib ich ein Gedicht. / Diese Hoffnung lass ich keimen, / denn sie hat Gewicht. / Verse kann ein jeder schreiben, / aber Poesie?“

Trostlos die Zeit nach dem Krieg. Der Vater hatte die Familie im Stich gelassen, die größere Schwester war früh gestorben, und die Mutter grämte sich, allein für die Tochter sorgen zu müssen. Ein wildes Kind war sie, mit einer unbändigen Liebe für Mozart und einem starken Gerechtigkeitssinn, der sich wieder und wieder empörte, wenn ihre Mutter die Lehrer in Schutz nahm und nicht ihr eigenes Kind. Das würde sie später anders machen, schwor Christel sich, und anderswo leben wollte sie auch, raus aus der grauen Stadt, denn fast schlimmer noch als der alte Mangel war die neue Spießigkeit der Wirtschaftswunderzeit.

Flucht nach Burma

Ihren ersten Fluchtversuch unternahm sie, als Maung Maung U in ihr Leben trat, der junge Mann aus Burma, sie wollte für immer fort mit ihm, in seine Heimat, aber in der Fremde blieb sie eine Fremde, für ihren Mann und mehr noch für seine Familie. Ihren Sohn brachte sie dort zur Welt, doch leben wollte sie in Burma nicht länger als ein Jahr. Die Frau eines britischen Diplomaten half der völlig Mittellosen zurück in die Heimat. Sie begann Jura zu studieren, aber der lange Atem fehlte ihr, zumal sie alleinerziehend war, und so suchte sie sich eine Stelle als Bürokraft. Die Sehnsucht nach dem Exotischen aber blieb, und so war es ein Glück, dass sie Himmet traf, der aus der Türkei stammte und Maschinenbau studierte. Er war fünf Jahre jünger und fasziniert von der hellhäutigen Frau mit den blassblauen Augen. Sie heirateten, er adoptierte den Sohn aus erster Ehe, sie zogen in die Türkei, wo er seinen Wehrdienst ableisten musste, und sie traf seine große Familie. Die Mutter, eine tief religiöse Frau, hatte früh ihren Mann verloren und setzte nun alle Hoffnung auf Himmet. Der war folglich sehr streng und fordernd zu sich und zu seinen Kindern, vor allem zu dem ersten Sohn, dem eine Tochter vorangegangen war und ein weiterer Junge folgte. Christel konnte mit dieser Strenge nur schwer umgehen, sie wollte ihn immer weicher stimmen als Mann wie als Vater. Vor allem aber wollte sie nach fünf Jahren in der Türkei wieder zurück nach Berlin, denn das Heimweh hatte ihr das Herz schwer werden lassen.

Christel Diler Foto: privat Vergrößern
Christel Diler © privat

Himmet fand Arbeit als Ingenieur bei Siemens, sie suchte sich eine Stelle in der städtischen Verwaltung, gemeinsam bezogen sie eine große Wohnung im Märkischen Viertel, Luxus damals, Neubau, zwei Balkone, ausreichend Raum und Licht für die sechsköpfige Familie. Er hat sich wohlgefühlt unter den Deutschen, und sie war glücklich, wenn sie im Schrebergarten war. Im nahen Grün fand sie das Glück, das sie in der Ferne vergeblich gesucht hatte. „Flora ist auf dieser Welt / das, was mir so gut gefällt.“ Immer wenn sie einen Baum, eine Pflanze sah, blühte sie auf. „Hock mich auf die Füße nieder, / prüfe Sträucher, riech am Flieder, / all das gibt's im Winter nicht, / und das heißt für mich Verzicht.“ Also pendelten sie, kaum da sie in Rente waren, zwischen der Türkei und Deutschland, zwischen dem Haus am Meer nahe Istanbul, und ihrer Wohnung im Märkischen Viertel.

Die Ehe hielt, auch wenn sie nicht immer glücklich war, aber sie stand zu ihm, und er zu ihr, denn sie hatte sich etwas Freies, Ungebundenes bewahrt. Sie sang gern, Chansons vor allem, aber nach einer schweren Krankheit versagte ihre Stimme, und auch ihre Beine trugen sie nicht mehr so weit, wie sie gern gewollt hätte. Sie wäre jedoch jederzeit bei einer Demonstration mitmarschiert, wenn ihre Enkelin sie an die Hand genommen hätte, denn in politischen Fragen war sie sehr resolut, insbesondere wenn es um die Menschenrechte in der Türkei ging. Ihre äußerliche Ähnlichkeit mit Angela Merkel verdross sie, allerdings nur politisch, weil sie viel, viel linker war, was sie auch lautstark zum Ausdruck brachte.

[Die anderen Texte unserer Nachrufe-Rubrik lesen Sie hier,
weitere Texte des Autors, Gregor Eisenhauer, lesen Sie hier]

Aber mit den Jahren wurde sie müder, sie hatte über ihre körperlichen Verhältnisse gelebt, sie wollte alles ein wenig harmonischer, mehr Miteinander. „Richtig glücklich ist man dann, / wenn man Familie haben kann. / Eine Mutter will in Frieden / ihre Lieben lieber lieben, / und sie fühlt, wie schön es wär, / kämen alle zusammen zu ihr her.“ Es gelang ihr nicht immer, den Frieden in der Familie herzustellen, aber ihre Sehnsucht danach, die ließ sie alle spüren, vielleicht weil sie hoffte, dass Sehnsucht etwas Ansteckendes sei. Denn wer sollte ihre Lebensfreude weitergeben, wenn nicht ihre Kinder und Enkel, und auch wenn diese Freude von Zeit zu Zeit melancholisch eingetrübt war, sie hat ihnen doch Verse auf den Weg gegeben, in denen klar gesagt und verbindlich gereimt wurde, worauf es im Leben ankommt. „Fehler, die man mal gemacht, / manche waren auch nur erdacht, / doch sie sind unwiederbringlich, / und es wäre doch so dringlich / gutzumachen, was man kann, / auf den Wunsch aber kommts nicht an, / wirklich tun, das ist wichtig.“

[Wir schreiben regelmäßig über nicht-prominente Berliner, die in jüngster Zeit verstorben sind. Wenn Sie vom Ableben eines Menschen erfahren, über den wir einen Nachruf schreiben sollten, melden Sie sich bitte bei uns: nachrufe@tagesspiegel.de. Wie die Nachrufe entstehen, erfahren Sie hier.]

Zur Startseite