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Chantal Kull (1973-2019) Foto: privat
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Nachruf auf Chantal Kull (Geb. 1973) Mal wild, mal sanft

In Basel war die Technoszene.Und außerdem die Adoptivfamilie. Da musste sie weg. Neustart in Berlin: Projekte, Flomärkte und Kunst-Handwerk

All ihre Sachen sind noch da: die vielen kleinen Seemänner, die Vinyl-Platten, die schönen Stoffe und ihre Nähmaschine, der Streichholz-Automat, die ausgestopften Tiere und aufgepickten Schmetterlinge, auf ihrem Bett die Bettdecke. Als ob sie nur mal kurz Zigaretten holen gegangen wäre.

Wehe es waren keine Kippen im Haus, und wehe der Kaffee war alle. Alkohol trank sie ja keinen, niemals, ohne Ausnahme. Der Kaffee musste stark sein, am liebsten selbstgemacht in ihrer alten Olympia-Espressomaschine. Wenn Chantal wieder mal ins Spital musste, zur nächsten Chemo oder zur Stammzellentransplantation, nahm sie die Maschine mit. Sie zog regelrecht ein, brachte Fotos und Bilder mit, die sie aufhängte. Und das Zeug für ihre Projekte, zum Beispiel die Nähmaschine und die alten Luftmatratzen, um daraus ihre Gummitaschen zu nähen. Die Pfleger standen Spalier und riefen: „Frau Kull, schön, dass Sie wieder da sind!“ Für ihren Chemobeutel hatte sie eine schwarze Umhängetasche genäht mit einem Totenkopf drauf. Mit dem saß sie dann lachend und schwatzend im Raucherzimmer.

Doch Chantal ist nicht nur mal kurz Zigaretten holen gegangen. Deswegen sind jetzt die sechs Freunde hier, in ihrer Kreuzberger Wohnung. Um über sie zu erzählen. Enge Küche, schmaler Tisch, Wein und Zigaretten.

Chantal wurde zur Adoption freigegeben, gleich nach der Geburt in Basel. Einmal sah sie ihre Mutter, vor ein paar Jahren erst. Chantal hatte ihren Namen und ihre Adresse herausgefunden und klingelte nun an ihrer Tür, stellte sich vor. Das Treffen war keine große Freude. Chantal spürte Misstrauen und die unausgesprochene Frage, was sie denn von ihr wolle. Geld etwa? Hier war kein Platz für sie.

Die Adoptivmutter redete wie ein Wasserfall

Auch in der Baseler Adoptivfamilie fand sie nicht die Liebe, die jedes Kind so dringend braucht. Sie stotterte, als Kind stark und als Erwachsene noch, wenn sie aufgeregt war. Einmal, sie war noch klein, versuchte sie beim Familienessen, etwas von sich zu berichten. Sie begann und brach wieder ab. Begann erneut, wurde nervöser und nervöser. Doch schon fuhr ihr jemand über den Mund. Und Chantal verstummte wieder. Ihre Adoptivmutter redete wie ein Wasserfall.

Ihren Bruder aber liebte sie und blieb ihm verbunden. Er bekam auch eine der Silberdosen mit ihrer Asche drin. Und ihren Buick, 1937er Jahrgang, auf den sie so stolz war, mit dem sie gerne Ehrenrunden durch Berlin drehte.

Mit 17 zog Chantal in ein Baseler Besetzerhaus. Wurde erst ein Punk und dann ein Goth und dann ein Technomädchen. Mal trug sie ihre Haare mittellang und schwarz. Dann waren sie raspelkurz, mit schmalen, blonden Strähnen, kreisförmig geschnitten und hochtoupiert. Zwei Jahre lang leitete sie die Bar eines Technoclubs. Es gibt einen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1997, darin ist sie zu sehen, schwarzes Kleid, in jedem Ohr drei Ringe. Sie tanzt, mal wild und ausgelassen, dann wieder sanft und mit fließenden Bewegungen. Glücklich sieht sie aus, ganz bei sich.

Doch wenn die anderen Technofreunde frühmorgens noch zur nächsten Party zogen, machte Chantal Schluss. Nicht weil sie mehr Schlaf brauchte. Sie hatte nur noch ein Arbeitsleben am Tag. Buchbinderin war sie mit einem eigenen kleinen Geschäft. Überhaupt konnte sie mit ihren Händen arbeiten: ob Metall oder Holz, ob Pappe oder Stoffe, ob Licht oder Installationen. Später, in Berlin, verstand sie sich als Kunsthandwerkerin und arbeitete für Künstler oder für Filmproduktionen. Wenn sie einen Job annahm, dann war sie ganz dabei. Beutete sich regelrecht aus, traute sich dann nicht, die Rechnung zu stellen, weil sie ja noch gar nicht über den Lohn gesprochen hatten.

Warum sie nach Berlin kam? Es war wieder mal ein Streit mit der Familie. Diesmal ging es um eine Oma, um ein Haus und um Schulden, für die sie sich verantwortlich fühlte. Eine komplizierte Geschichte, traurig und verletzend für Chantal. Sie musste weg aus Basel.

Berlin. Alles auf Start. Sie sammelte gerade Flaschen, das machte sie oft nebenbei, war ja bares Geld, da kam sie am „Haus des Lehrers“ am Alexanderplatz vorbei. Anfang der 2000er waren hier Projekträume drin, Tonstudios und Galerien. Sie ging rein und traf im Fahrstuhl einen jungen Mann. Er war sofort verliebt und spielte auf seiner Melodica „O Tannenbaum“ für sie, mitten im Sommer. Sie lachte ihn an, drei Tage später zog sie bei ihm ein. Doch es wurde nichts aus den beiden. Beziehungen hielten bei Chantal eh nicht lange. Entweder war sie den Männern zu selbstbewusst. Oder aber sie überrollte sie mit ihrer Liebe und ihrer Aufmerksamkeit. Andere wieder konnten mit ihrer Krankheit nicht umgehen. Oft aber wandelte Chantal die Beziehung in eine lange und tiefe Freundschaft um. Im Freundschafthalten war sie gut.

Das mit der überbordenden Liebe und Aufmerksamkeit wiederum war so eine Sache. Wenn Chantal eine SMS schrieb, schrieb sie nicht „Hallo“, sondern „Guten Morgen, mein lieber Sonnenschein“. Wenn der Sohn einer Freundin im Nebensatz darüber sprach, dass er eine Satteltasche mit Werkzeugen gut gebrauchen könnte, besorgte sie ihm eine, inklusive der Werkzeuge und einem kleinen Schloss gegen die Diebe.

Für all ihre Freunde nähte sie wollene Winterüberzüge für die Fahrradsattel. Aber nicht in Standardgröße. Nein, jeder Sattel bekam seinen genau passenden Überzug. Einmal nahm eine Freundin sie mit zum Familien-Weihnachtsfest. Chantal saß keine Minute still, half in der Küche und beim Auftragen und brachte selber viele, viele Geschenke mit, selbstgemacht oder auf dem Flohmarkt gekauft.

Flohmärkte liebte sie. Hier verkaufte sie am Wochenende ihre Lavendelduftkissen oder ihre Puppenpärchen Lotte und August, oder ihre Luftmatratzentaschen, Reflektorbuttons, Schals, Mützen, Kleider, Unterwäsche, alles selbst gemacht. Das lief gut. Auf den Märkten fand sie aber auch die Seemänner, ausgestopften Tiere und Schmetterlinge, mit denen sie sofort Mitleid hatte. Die konnte sie doch nicht stehen lassen. Wenn es mehrere Exemplare gab, nahm sie mehrere mit, denn eins alleine könnte sich langweilen oder einsam sein.

Einmal stand ein betrunkener Mann in ihrem Hauseingang und pinkelte in die Ecke. Sie tippte ihm auf die Schulter. Er drehte sich um und pinkelte ihr auf die Schuhe. Da haute sie ihm eine runter. Er war ganz perplex und sagte: „Das kannst du doch nicht machen, wenn man einmal angefangen hat zu pinkeln, kann man nicht gleich wieder aufhören!“ Daraufhin fragte sie alle Männer, die sie traf, ob das so stimmt.

So wie sie den Männern vom Morseverein Löcher in den Bauch fragte, so lange, bis sie selber morsen und die nächsten Postkarten im Morsecode schreiben konnte. Es gab kaum etwas, das Chantal nicht als wissenswert empfand.

Der Blutkrebs war einer, den eigentlich nur alte, trinkende Männer bekommen. Ein seltener Fall. 15 Jahre Leben trotzte Chantal der Krankheit ab. Hoffte, hielt aus, kämpfte sich zur nächsten Ecke, von der aus sie die nächsten Dinge sah, die noch zu tun waren. Informierte sich über neue Therapien, klagte nie. Wenn sie sagte, dass sie müde sei, hieß das eigentlich, dass es ihr hundeelend ging. Bis es irgendwann wirklich nicht mehr ging. Sie rief ihre Freunde ins Spital nach Basel. Wartete, bis alle da waren, verabschiedete sich von jedem Einzelnen, dann gewitterte es heftig, und Chantal schloss ihre Augen.

Fünf Kapseln mit ihrer Asche, eine steht in Berlin bei einer Freundin, die andere beim Bruder, eine wird noch dem Meer übergeben, die andere dem Rhein, eine steht in einer Bar in Basel.

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