Nachruf auf Carola Gerlach (Geb. 1943) Alles neu mit Mitte 40

Sie durfte reisen! Ein Leben, von dem die meisten nur träumen konnten. Das Ende der DDR war das Ende ihrer blühenden Karriere.

Der Garten Eden der drei Schwestern lag in Rangsdorf, südwestlich von Berlin. Zeit ihres Lebens fühlten sie sich ganz nah, selbst in den Jahrzehnten der Trennung. Der Garten also: Obstbäume, Gemüsebeete und Blumen gab es dort, dazu Ziegen und Katzen, Carolas Lieblingstiere. Mittendrin das ebenso geliebte Haus, eigentlich nur eine bessere Baracke.

Die Vertreibung aus dem Paradies, sie kommt mit dem Erwachsenwerden und mit der Politik. Das Land geteilt, die drei Schwestern auseinandergerissen. Erst flieht Bärbel, die älteste, vor den Schikanen in der Schule in den Westen. Dann, die Mauer ist schon gebaut, haut auch Antje ab.

Carola bleibt. Schon, weil sie die Eltern nicht alleinlassen will. Und ist der Sozialismus nicht eine große Idee, an der man eben arbeiten muss? In Greifswald studiert sie Deutsch und Französisch. Es folgen zwei Jahre als Lehrerin und zehn als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Uni. Die moderne französische Literatur wird ihr Spezialgebiet.

Carola Gerlach macht Karriere, findet ihren Platz und ihre Freiräume. Kommt sie nicht in die Welt hinaus, kommt die Welt eben zu ihr. Mit ihrem damaligen Freund Khaled veranstaltet sie ein Irak-Fest in Rangsdorf, kocht arabisch, kümmert sich um seine Söhne. 1979 fängt sie bei „Volk und Welt“ an, dem wichtigsten DDR-Verlag für internationale Belletristik. Die Arbeit ist mit einem ungeheuren Privileg verbunden. Als leitende Lektorin, zuständig für französische sowie frankophone Literatur aus Afrika und dem arabischen Raum, kann, ja muss sie reisen. Als so zuverlässig schätzt man sie ein, dass sie sogar nach Paris darf. Ohne ausreichend Francs in der Tasche zwar, aber dennoch: ein Leben, von dem die meisten DDR-Bürger nur träumen können. Warum sollte sie ihrem Land den Rücken kehren?

Sie publiziert die Gedichte des afrokaribischen Franzosen Aimé Césaire und Romane des Kameruners Mongo Beti. Sie besucht die Anti-Apartheidskonferenz im Kongo, fährt nach Algerien, trifft in Frankreich Vertreter der Unesco und von Verlagshäusern wie „Gallimard“ und „Grasset“. Privilegiert ist sie, eine Dogmatikerin ist sie nicht. In einem Aufsatz wird sie sich später daran erinnern, wie die Mitarbeiter von „Volk und Welt“ immer wieder versuchten, ungewöhnliche und kritische Texte zu veröffentlichen. „Die strafversetzte Revolution“ des Kongolesen Henri Lopès etwa beschreibt sie als „tolle Geschichte über einen Lehrer, der zwischen Gewissen und Karriere entscheiden soll, eine DDR-Geschichte … ,Revolution ohne tam-tam’ hieß das Buch bei uns. Auf das Nachwort konnte verzichtet werden, das Buch verstand jeder.“

Das Ende der DDR muss sich wie eine Katastrophe für Carola Gerlach angefühlt haben. Mitte 40 ist sie, als ihre blühende Karriere ihr abruptes Ende findet. Sie wird arbeitslos, schlägt sich als freie Übersetzerin durch, hangelt sich von einem Projekt zum nächsten.

Sie organisiert jetzt Ausstellungen über die jüdische Schriftstellerin und Salondame Rahel Varnhagen und über die romantische Dichterin Sophie Tieck. Beim Kulturring erforscht sie die Verfolgung Homosexueller in der Nazi-Zeit – mit solcher Leidenschaft, dass sie als Rentnerin einfach weitermacht. 2007 wird sie dafür mit der Ehrennadel des Berliner Senats ausgezeichnet. In der Wohnung stapeln sich die Bücher, Mappen und Ordner bis unter die Decke.

Den Ausgleich findet sie im Garten. Immerhin ist die Familie dort nun wiedervereint. Jedes Wochenende verlässt Carola Gerlach ihre Plattenbauwohnung in Friedrichshain und fährt raus nach Rangsdorf. Meist sind ihre Schwestern wieder dabei, gemeinsam schuften sie im Garten. Gegessen wird viel bei diesen Zusammenkünften, und als die Mutter es nicht mehr kann, übernimmt Carola die Rolle der Küchenchefin. Sie macht Mango mit Fisch, Kaninchenbraten und die weltbesten Buletten. So eigensinnig, auch einzelgängerisch sie manchmal erscheint, so sehr liebt sie die Geselligkeit ihrer Familie.

Die politischen Meinungsverschiedenheiten sind nicht weg. Carolas Erinnerung an die DDR wirkt nostalgisch auf ihre Schwestern, verklärt. Aber das soll die Familie kein zweites Mal auseinanderreißen. „Man muss über so was nicht streiten, wenn man sich lieb hat“, sagt Antje.

Für ein Buch hilft Carola Gerlach, die Flucht der mittleren Schwester minutiös nachzurecherchieren, bis hin zum Bahnhof Friedrichstraße, wo die Schwester, zu der sie im Anschluss zwölf Jahre keinen Kontakt haben sollte, am 9. Dezember 1961 die Seiten wechselte. „Zu dritt sind wir mit dem Fahrrad den ganzen Fluchtweg abgefahren“, erinnert sich Antje. „Und das, obwohl sie mir meine Flucht nie verziehen hat.“

Nachdem das Familiengrundstück verkauft werden musste, ist Carola oft zu Besuch bei Antje, die jetzt nur 100 Meter weiter in Rangsdorf wohnt. Zusammen blicken sie auf die Wildblumen im Garten, freuen sich über eine Glanz-Melde, die eine Sonnenblume umarmt, und schimpfen über Pflanzen aus dem Discounter. Carola Gerlach stirbt im September 2018 an einer Blutvergiftung. Sie ruht in einem Friedwald, unter einer Winterlinde. Der Baum hätte ihr gefallen, da sind sich alle sicher.

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