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Bernhard Barz Foto: privat
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Nachruf auf Bernhard Barz Kein einfacher Mensch

Früher war er jähzornig. Dann begriff er, dass es besser war, erstmal eine Runde um den Block zu gehen.

Seine jüngste Tochter ging nach vorne, in der Hand einen Zettel, darauf stand ihre kurze Rede über sein kompliziertes Leben. Sie blickte auf die wenigen Menschen, die zur Beerdigung gekommen waren. „Lieber Vater“, begann sie vorzulesen.

Bernhard war ein wilder Junge. Berlin in Trümmern war sein Abenteuerspielplatz. Einmal kletterte er auf das Dach einer Ruine, seine Mutter stand unten und bat ihn mit zuckersüßer Stimme, abzusteigen. Als er endlich vor ihr stand, setzte es ein paar deftige Ohrfeigen. Bernhard, seine drei Schwestern und die Mutter lebten in einer Zweizimmerwohnung in Wedding. In einer Ecke regnete es rein. Selten, dass sie satt ins Bett gingen.

In der Schule prügelte er sich öfter vor dem Tor. Ein Wort ergab das andere, dann flogen die Fäuste. Drinnen stand er oft in der Ecke, weil er etwas witzig fand, seine Lehrer aber nicht so. Einmal musste er in ein Heim für schwer erziehbare Kinder, monatelang. Vielleicht schaffte es seine Mutter nicht, sich alleine um alle vier zu sorgen, vielleicht war das Essen knapp, vielleicht hatte Bernhard irgendeinen Mist gebaut. Im Heim musste er arbeiten, es gab die Prügelstrafe, „ein schrecklicher Ort“, genaueres sagte er nicht.

Mit 13 fing Bernhard mit dem Rauchen an, schmiss die Schule, ging arbeiten. Geld verdienen, Verantwortung für die Familie, das steckte auch in ihm. Auf dem Markt schleppte er Kisten, baute Stände auf, räumte den Müll zusammen. Später begann er eine Bäckerlehre. Von seinem ersten Gehalt kaufte er den drei Schwestern jeweils eine Handtasche. Zu Ende gemacht hat er die Lehre nie, weil er sich die Kleidung der Bäckerzunft nicht leisten konnte. So erzählte er es später. Er arbeitete dann als Bauarbeiter, Wagenwäscher bei der BVG, Gartenarbeiter für die Stadt. Hauswart war er auch mal. Da durfte er mit seiner Familie umsonst in den jeweils freien Wohnungen leben. Sicher 20 mal sind sie umgezogen. Manchmal hatten sie Glück, und sie konnten in derselben Straße, im selben Kiez bleiben.

Mehr Ahnung als die anderen Händler

Am liebsten aber war er Flohmarkthändler. Schon am Abend alles aus dem Keller räumen, es sicher auf dem blauen Anhänger verstauen, den er hinten an das Moped schnallte. Früh morgens dann zum Markt, den Stand aufbauen, den Krimskrams ausbreiten, mit den Leuten quatschen, lachen, feilschen, selber losziehen, Schätze suchen, Schnäppchen machen, denn manchmal hatte er mehr Ahnung von den Sachen als die anderen Händler. Seine Tochter war oft mit dabei, hatte ihre Ecke, in der sie ihrs verkaufte.

Mit seinen Kindern war es so eine Sache. Mit seiner ersten Partnerin war er auf eine Schule gegangen. Sie bekamen Zwillinge, heirateten, bezogen eine Wohnung. Bernhard begann zu trinken, sie ließen sich scheiden, doch da war sie schon wieder von ihm schwanger. Aus irgendeinem Grund beantragte er aber das Sorgerecht für die beiden ersten Kinder. War das diese Verantwortung, die er verspürte? War es der Unterhalt, den er nicht zahlen wollte?

Auf jeden Fall war er nun alleinerziehender Vater zweier Kinder, seine Mutter und Schwestern halfen. Überfordert war er dennoch. Einmal wollte er die Kinder in ein Heim bringen, weil er nicht mehr weiterwusste. Da weinten die beiden so sehr, dass er wieder umkehrte. Immerhin, er schlug sie nicht, und Essen stand immer auf dem Tisch.

Sein letztes Kind, die Tochter, war auf gewisse Weise ein Wunschkind. Sprich: er hatte nichts gegen sie, als sie auf die Welt kam. 47 war er da, seine vierte und letzte Partnerin neun Jahre jünger. Sie hatten sich auf dem Friedhof kennen gelernt. Er war am Grab seiner Mutter, sie an dem von ihrem Mann. Da fielen ihr die Blumen runter, er hob sie auf.

Sie haben sich richtig geliebt, haben einander richtig geärgert, konnten nicht miteinander, konnten nicht ohne einander, sagt die Tochter. Er war sorglos, seine Frau die sorgenvolle. Immerhin war er nicht mehr so jähzornig wie früher. Hatte begriffen, dass es besser war, erstmal eine Runde um den Block zu gehen, um runter zu kommen.

„Ich weiß, dass viele von Deinen Kindern, Partnern und vielleicht auch von Deinen Freunden auch schmerzhafte, komplizierte Erinnerungen mit Dir verbinden. Du warst kein einfacher Mensch. Dein Leben war nicht einfach“, sagt seine Tochter in ihrer Abschiedsrede.

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Und dann war da wieder eine Leichtigkeit an ihm, wenn er sich unbeschwert fühlte; er nahm die Dinge nicht so ernst, zerbrach sich nicht den Kopf, machte doofe Witze, über die er selbst am lautesten lachte, hatte viel zu erzählen. Seine Kumpels in der Kneipe waren erstaunt, wie viel er über die Welt wusste und wie sehr er sich für die Geschichte interessierte, die Mauer, das geteilte Deutschland.

Regeln gab es für seine Tochter kaum. Sie konnte machen, was sie wollte. Das war natürlich spannend, aber auch schwer zu überschauen. Einmal gab er ihr fünf Mark, als sie ausnahmsweise mal mit einer fünf aus der Schule nach Hause kam: „Jetzt weiß ich, dass du meine Tochter bist!“ Natürlich war er stolz auf sie, dass sie so viel besser war. Dann wieder war er gemein und verletzte sie mit seinen gedankenlos hervorgebrachten Worten. Manchmal sprach er von seinem Traum, für alle seine Kinder ein Haus zu bauen, in dem sie zusammenleben könnten. „Du warst ein Träumer, dem die Mittel fehlten, seine Träume umzusetzen“, heißt es in ihrer Trauerrede.

Krebs hatte er, zuletzt musste er sein Bier aus der Schnabeltasse trinken, „Unkraut vergeht nicht“, sagt er, nahm einen Schluck und zündete sich eine Zigarette an. Drei Wochen war er im Hospiz, fabulierte schon, dass er hier noch hundert würde. Dann starb er.

„Heute beginnt ein Nach-Dir. Ich will uns, insbesondere uns Kinder daran erinnern, dass wir schon früh gelernt haben, trotz dir zu leben und so werden wir auch im Leben trotz deines Todes weiter machen. Alter Mann, ich werde jedes Jahr ein Bier auf dich trinken.“

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