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Barbara Hörschelmann Foto: privat
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Nachruf auf Barbara Hörschelmann Aber es muss ja weitergehen...

Lauter Schicksalsschläge, aber standhaft hielt sie die Ordnung beisammen. Der Nachruf auf eine, die durchkam, irgendwie

Barbara putzte für ihr Leben gern. Diese Zeit musste einfach sein, trotz oder vielleicht sogar weil sie alleinerziehend war, drei Kinder, und im Schichtdienst arbeitete. Die Putzerei war dagegen eine klare Sache, sie hatte einen Anfang und ein Ende. Am liebsten putzte sie die Fenster, vor allem diese Kunststoff-Fenster, die es in den Plattenbauten der DDR gab. Am Ende eines jeden Putzsamstags, wenn die Wohnung picobello war, stand Barbara in der Küche, mit einem Pott Kaffee in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand und war zufrieden. Dann schaute sie in die Ferne und hatte so einen Frieden in ihrem Blick – so erinnert sich ihre Tochter. Die Ordnung, die innere wie die äußere, war wiederhergestellt.

Barbara war 16, als ihre Mutter starb. In der Wohnküche war sie zusammengebrochen, von jetzt auf gleich. Barbara schickte die jüngere Schwester ins Dorf, den Vater suchen, und bettete die Mutter auf das Sofa.

Bis zu diesem Tag war das Leben schön gewesen in Thüringen, in der Nähe von Eisenach. Die Mutter war Krankenschwester, der Vater arbeitete in der Landwirtschaft. Sie hatten ein Landhaus mit einem alten Eisenherd in der Küche, den man befeuern musste. Dazu Schweine und auch Kühe, die die beiden Schwestern auf die Weide trieben. Hinter dem Haus war ein kleiner Bach, da spielten sie. Die Schwestern lachten, die Eltern waren liebevoll, Weihnachten und Geburtstage waren wunderschöne Feste.

Nach dem Tod der Mutter wurde Barbara still, zog sich zurück, meldete sich nicht mehr in der Schule. Die Lehrer drückten alle Augen zu und halfen ihr durch die Prüfungen der Abschlussklasse. In Betragen und Ordnung hatte Barbara eine Eins. Eine Ausbildung zur Krankenschwester brach sie nach einem Jahr ab. Sie war noch nicht soweit.

Als ihr Mann vom Dach stürzte und starb, war Barbara 28. Ein Sturm war durchs Dorf gezogen und hatte ein paar Ziegel gelöst. Da war er raufgeklettert, um die Stelle zu reparieren.

Zehn Jahre waren sie ein Paar gewesen, acht davon verheiratet. Vielleicht hatten sie sich auf dem Dorftanz kennen gelernt, vielleicht bei einer Spritztour mit dem Moped. Auf jeden Fall tat er ihr gut. Verliebt war sie, über beide Ohren. Fotos zeigen sie als stolze Blondine mit modischem Kurzhaarschnitt und einem schönen Lächeln. Fotos zeigen ihn, wie er mit der Tochter kuschelt, wie er den Sohn auf dem Arm hält, ein herzliches Lachen im Gesicht. Horst hieß er, war vier Jahre älter als sie, arbeitete als Werkzeugmacher. Barbara passte auf die Kinder auf, arbeitete ein paar Stunden im Kosmetikstudio und machte den Haushalt. So war das Leben gut für sie.

„Nicht schon wieder!“

Nach Horsts Tod ging Barbara wieder länger arbeiten, machte im Krankenhaus die Betten, teilte das Essen aus, kümmerte sich um die Wäsche. Wenn sie am Wochenende Schicht hatte, nahm sie die Kinder mit. Hier schlugen sie sich den Magen mit Puddingsuppe voll und halfen der Mutter dabei, die gewaschenen Mullbinden zusammenzurollen.

Den nächsten Mann stellten ihr wohlmeinende Kolleginnen vor, ein Witwer mit einer Tochter. Sie zogen zu ihm nach Eisenach, die drei Kinder teilten sich ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer. Wie es Barbara damit ging? Einmal weinte ihre Tochter, weil sie ihren Vater vermisste. Da sagte Barbara: „Ich weiß, es ist traurig, aber es muss ja weitergehen.“ Nach kaum zwei Jahren kam die Tochter von der Schule. Barbara öffnete ihr die Tür, ganz in Schwarz. Die Tochter sagte: „Nicht schon wieder!“ Es war das dritte Grab, um das Barbara sich kümmern musste. Für das dritte Kind in ihrer Obhut beantragte sie das Sorgerecht.

Standhaft hielt sie die Ordnung aufrecht. Die Kinder versorgte sie so gut es ging mit Liebe, Kleidung und Essen. Wann wer welche Hausaufgaben hatte oder Arbeiten schrieb, das zu verfolgen, schaffte Barbara einfach nicht. Im Sommer kamen die Kinder erst zum Großvater, dann für vier Wochen ins Ferienlager. Und wieder lernte Barbara über ihre Kolleginnen einen Mann kennen, wieder war es nicht die beste Partie. Er saß auf dem Sofa, trank und kommandierte die Kinder umher. Vor allem der Sohn musste leiden.

Barbara war hin und her gerissen, wem ihre Loyalität gehören sollte. Im Krankenhaus stand der Medikamentenschrank immer offen, auch die Kolleginnen bedienten sich. Eine Tablette für die Arbeit, die andere fürs Wieder-Runterkommen… Drei Monate dauerte die Entziehungskur. Als sie zurück kam, hatte sie ihre innere Ordnung wiederhergestellt. Den Taugenichts setzte sie vor die Tür, die Tabletten warf sie in den Müll.

1992 nahm sich ihr Sohn das Leben. Was Barbara durchgemacht hatte, war auch an ihm nicht spurlos geblieben. Depressionen, die Orientierungslosigkeit nach der Wende. Barbara war 46 und musste sich um vier Gräber kümmern.

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2007 zogen Barbara und ihr Rauhaardackel nach Berlin. Bei ihrer Tochter wollte sie sein, bei ihrem Enkelkind. Außerdem hatte sie genug vom Dorf und der Enge in den Köpfen. Sie wollte sich nicht mehr um alle kümmern, auch nicht um ihren letzten neuen Mann, dessen Mutter sie erst pflegte, deren Grab sie dann in Ordnung hielt, das fünfte. Barbara hatte genug. Sie war jetzt 61 und wollte endlich nur für sich da sein.

Sie zog nach Weißensee, in eine Wohnung mit schönen Fenstern, die sie nach Herzenslust und ganz für sich allein putzen konnte. Einmal in der Woche war Oma-Tag, was ihr eine Freude war. Einmal in der Woche kam ihre Tochter sie besuchen. Außerdem gab es da diese Frau, die sie beim Gassigehen kennen gelernt hatte; mit der traf sie sich zweimal in der Woche. Grüßen hier, quatschen da, die Stadt bestaunen, ansonsten ein ruhiges, geordnetes Leben: Für Barbara war Berlin das Paradies. Unangekündigte Besuche mochte sie nicht, sonstige Überraschungen erst recht nicht. Wenn der Schwiegersohn zu Besuch kam, musste sie darauf achten, dass der Kamillentee ausreichend zog, das war ihr Aufregung genug.

Kleiner und kleiner wurde sie, am Ende maß sie nur noch 1,52 Meter. Ihr Enkel wurde immer größer und größer. Erst einen Kopf, dann zwei, dann drei überragte er seine „beste Oma der Welt“.

Ende Januar starb Barbara, von jetzt auf gleich. Sie wurde unter einem Spitzahorn begraben, so wie sie sich’s gewünscht hatte. Kein Grabstein, nur ein Namensschild. Kein Grab, das jemand pflegen muss.

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