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Nachruf auf Annette Maria Möllers So viele Möglichkeiten, feindlich und verführerisch

Sie studierte, sie brach ab. Sie arbeitete in einer Anwaltskanzlei, aber wollte sie das wirklich? Sie sagte: „Ich brauch’ nicht viel.“

Auf dem Marheinekeplatz blühte eine gelbe Rose. Jahrein, jahraus lief Annette zu ihr, um sie ganz von nah zu sehen. Eines Tages war die Rose weg. Jemand hatte grob ihren Stiel gegriffen, an ihm gerissen und ihn gebrochen. Annette stand vor der leeren Stelle und fragte ihren Freund Taki: „Warum machen Menschen sowas? Warum zerstören wir die Schönheit um uns herum?“

Am 17. März steht Taki an Annettes Bett im Hospiz. Er hält 27 gelbe Rosen im Arm. Annette hat bis zu diesem Tag durchgehalten. An diesem Tag, vor 27 Jahren, waren sie und Taki zusammengekommen. Endlich zusammengekommen, in einem zweiten Anlauf. Der erste war so verlaufen: Sie war mit Freunden ins „Bermuda-Dreieck“ in der Gneisenaustraße gegangen, er ebenso. Sie redeten lange miteinander, sie gefielen einander außerordentlich, aber waren beide nicht frei. Der Abend endete, sie verloren sich aus den Augen, Jahre verstrichen, bis zu diesem Tag im März, ein erneutes, zufälliges Treffen in derselben Kneipe, beide waren inzwischen ungebunden. Am Ende diesen Abends hatte er auf dem Weg zur Bushaltestelle ihre Hand genommen. „Wir waren sowieso schon verliebt“, sagt er.

Annette liegt in diesem Bett und kann nicht weiter. Seit Jahren schon fühlt sie sich erschöpft. Dabei begann alles so munter und froh, alles flog ihr zu, die Zukunft schien bis in alle Ewigkeit offen. Sie verbrachte ihre Kinder- und Jugendzeit in Rheine in Westfalen als Jüngste von vier Schwestern. Der Vater war Technischer Oberamtsrat, die Mutter blieb bei den Töchtern zu Hause. Mit 15 wurde Annette Tennismeisterin in ihrer Altersklasse, mit 17 bestand sie ihr Abitur. Sie trat am Schultheater als Gretchen auf, spielte die Szene im Garten, durch den sie mit Faust spazierte, währenddessen sie die Blätter einer Blume abzupfte und halblaut murmelte: „Er liebt mich – liebt mich nicht. Er liebt mich!“ Worauf Faust ihre Hände nahm: „O schaudre nicht! Lass diesen Blick, lass diesen Händedruck dir sagen, was unaussprechlich ist: Sich hinzugeben ganz und eine Wonne zu fühlen, die ewig sein muss! Ewig! – Ihr Ende würde Verzweiflung sein. Nein, kein Ende! Kein Ende!“

Die Stadt funktioniert nach ihren eigenen Gesetzen

Theater, dachte Annette, Theaterwissenschaften und Germanistik, das ist es. Sie zog nach Berlin und begann zu studieren. Aber die Stadt funktioniert nach ihren eigenen Gesetzen, saugt manchen auf, der von der Provinz aus in sie kommt, ist voller Möglichkeiten, feindlich und verführerisch. Annette stürzte sich in diese Möglichkeiten und verpasste immer häufiger die Vorlesungen. Bis sie endgültig hinschmiss. Eine ihrer Schwestern hatte eine Anwaltskanzlei in Wilmersdorf. Warum nicht diesen Weg einschlagen? Bei der Schwester einsteigen. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten. Widerstand den Verlockungen der Stadt. „Sie war eine Entweder-Oder-Person“, sagt eine Freundin. Annette arbeitete in dieser Kanzlei und in jener, auch bei einigen ganz großen. Vergrub sich tief in die Fälle, blieb bis weit nach Feierabend, trank danach zwei, drei Gläser, um sich zu entspannen, begleitete Prozesse, in denen es um sehr viel Geld ging, die Anwälte waren begeistert von ihr. Aber wollte sie das tatsächlich? Aus Unmengen von Geld noch mehr herausholen? Das kratzte an ihrem Gerechtigkeitssinn. Ein Fall führte sie zu einer Entscheidung: Hausbesitzer gegen Mieter. Sie stellte sich mehr und mehr auf die Gegenseite, die der Mieter, gab ihnen anwaltliche Tipps. Es kam zum Bruch mit ihrem Arbeitgeber.

Eigentlich hatte sie ohnehin andere Träume: um die Welt reisen zum Beispiel. Doch dazu fehlte nun das Geld. Sie hangelte sich von einem zum anderen Minijob, die unablässigen behördlichen Auflagen ermüdeten sie. Sie trank. Die prekäre Situation schien ihr nichts auszumachen. Sie sagte: „Ich brauch’ nicht viel.“ Stolperte durchs Leben. Zog sich ein bisschen nachlässig an, magerte ab. „Was soll das?“, fragte eine ihrer Schwestern. „Du bist so talentiert und hübsch. Warum machst du so wenig aus dir?“ Ja, warum? Sie wusste es nicht zu sagen. Und mit der Trinkerei wurde ihr Kopf auch nicht klarer. Obwohl doch so viel Schönes in ihm war.

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Sie besaß keinen Fernseher, hörte dafür ständig Radio. Vergrub sich in ihrer Wohnung und las. Am Tag nach einer Wahl setzte sie sich mit einem Packen Zeitungen hin und analysierte präzise jedes Ergebnis in jedem Bezirk. Sie spazierte durch ihr Kreuzberger Viertel, besah die Blumen, bepflanzte Baumscheiben. Unterstützte die Heilig- Kreuz-Kirche am Blücherplatz ab und an in Rechtsfragen. War immer großzügig. Redete und lachte. Doch wenn die Dämonen, angefeuert vom Alkohol, die Oberhand gewannen, „wenn sie glaubte“, wie die Freundin in einem Nachruf schrieb, „jemand habe ihr Unrecht getan, schlug die Empathie mitunter in eine mitleidlose Antipathie um. Es war, als wäre sie von einer guten, aber manchmal auch von einer unbarmherzigen Fee verzaubert.“ Die gute zeigte sich in kleinen, fast kindlichen Gesten. Auf der Straße lag ein Plüschtier. Ein riesiger, weißer, ramponierter Hund mit schwarz-braunen Ohren. Sie trug ihn nach Hause, wusch ihn gründlich, stopfte alle seine schadhaften Stellen und gab ihm den Namen Ulrich.

Taki steht an diesem 17. März mit den 27 gelben Rosen vor Annette. Sie liegt regungslos im Bett des Hospizes. Ihr Arm umschlingt den Plüschhund. Auch Annettes Freundin ist gekommen. Sie betrachten ihr Gesicht. Die Freundin sagt zu Taki: „Sie ist noch da. Man hat das Gefühl, dass sie noch atmet.“ Und Taki antwortet: „Das könnte Annettes letzter Streich sein: aufwachen und weiterreden.“ Während er das sagt, hält er ihre Hand.

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