Andreas Prüstel (1951-2019) Foto: Klaus Stuttmann
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Nachruf auf Andreas Prüstel (Geb. 1951) Die Allmacht der Albernheit

Karsten Krampitz

Ein Collagist, der sein Material in 350 Kategorien ablegte wie: Achselhaare, Kühe, Stahlhelme. Mit dem Computer mochte der Wendegewinner nie arbeiten

Ein Meter neunundfünfzig, und dennoch war Andreas Prüstel ein Großer. Als Kind aber, so erzählte er, habe er wie ein Hund an seinen körperlichen Maßen gelitten. Ausgleich suchte er beim Fußball, allerdings erst nachdem die Großmutter bei der Spielerkleidung Hand angelegt hatte. „Wenn ich mit BSG Lok Leipzig-Wahren auflief, gab es im Publikum ein großes Hallo wegen der Strickstutzen und des abgenähten Trikots.“

Kriki, sein Freund und Kollege, der auch für die Satirezeitschrift „Eulenspiegel“ arbeitet, ist von ähnlichem Wuchs und betont: „Ein richtiger Collagist wird nie größer als 1,66 Meter. Außerdem wächst er an seinen Aufgaben.“ Eine Weisheit des Andreas Prüstel lautete: „Der gemeine Collagist hat nimmermüde Scherenhände und glaubt an die Allmacht der Albernheit.“

„Sein Material“, sagt Kriki, der eigentlich Christian Groß heißt, „lagerte in geordneten Schubladen, sortiert in 350 Kategorien wie Achselhaare, Kühe oder Stahlhelme.“ Ein Grund, weshalb Prüstel der DDR nie nachtrauerte: Er wollte schöne, bunte Collagen machen, aber die tristen Zeitschriften und Kataloge im Osten taugten kaum als Materialspender.

Auf seinem Arbeitstisch stand ein Schild: „Lerne klagen, ohne zu leiden!“ Womöglich hat er sich deshalb mit ehernen Regeln die Arbeit schwerer gemacht: keine Bearbeitungen der Fotos durch Vergrößern oder Verkleinern, keine Retuschen und vor allem kein Computer! Andreas Prüstel war ein Handwerker mit Schere und Kleber. Robert Gernhardt nannte ihn einen „Wendegewinner“, weil zur DDR-Zeit keine seiner Arbeiten veröffentlicht wurde, obwohl er seit ’88 Mitglied im Verband Bildender Künstler war. „Als die Mauer kippte, schnippte es bei mir aus. Ich arbeitete wie ein Verrückter“, erzählte Prüstel. In manchen „Eulenspiegel“-Ausgaben hatte er zehn Veröffentlichungen. Seine Bildmontagen erinnerten ein wenig an die Arbeiten von John Heartfield; nur hat Prüstel sein Publikum nie agitiert.

Vor Jahren hatte er eine Ausstellung im Brandenburger Landtag. Da fragte Robert Gernhardt in seiner Laudatio, ob es sich der Bildsatiriker nicht sehr leicht mache, wenn er statt zum Stift zur Schere greift, um das Foto seines Opfers auszuschneiden und es auf einen ebenfalls bereits von fremder Hand fotografierten Hintergrund zu kleben: „Ist das Kunst? Oder nicht vielmehr ein arbeitsscheues Vorgehen?!“ Nein, lautete die Antwort, weil der Künstler es sich schwer mache. „Andreas Prüstel führt auf seinen Blättern das Zusammentreffen scheinbar disparater Materialien gezielt herbei – das macht sie zu erkenntnisfördernden und komischen Collagen. Aus den gelungensten aber scheint auch etwas von jener unkalkulierten Schönheit auf, nach der die Surrealisten gesucht haben.“

Die Berliner Seiten der „FAZ“ schrieben damals in ihrem Bericht zur Ausstellung, Andreas Prüstel unterscheide sich in seinem schlichten Äußeren nur wenig vom Redakteur der Obdachlosenzeitung, für die er lange Zeit die Titelseiten lieferte. Ja, und? Ornithologen können nicht fliegen. Außerdem ist ein prekäres Leben für viele Kulturschaffende der Normalfall. Sie leben nicht von, sondern für die Kunst. Und nicht alle schaffen es, wie Andreas Prüstel, auch noch eine Familie zu gründen und Großvater zu werden. Bescheiden war er sowieso, jegliches Bedürfnis nach Distinktion war ihm fremd. Man übersah ihn nicht nur wegen seiner kleinen Größe, und das war ihm recht: Lieber selbst beobachten als beobachtet werden.

Seine Erscheinung hat sich über die Jahre kaum verändert. Vom „wehenden grauen Resthaar“ war die Rede bei seiner Trauerfeier. Außerdem sei Prüstel ein „freundlicher sächsisch-berlinischer Zeitgenosse“ gewesen, ein „borstiger Stadtindianer zierlicher Statur“, stets auf der Suche nach Material. Einmal sei er, so der Trauerredner, im nächtlichen Prenzlauer Berg in einen Papiercontainer gestiegen, welcher nicht voll genug für seine begrenzte Armlänge gewesen sei. „Er wühlte raschelnd darin herum, um sich von zwei Vorübergehenden im schönsten Schwäbisch anhören zu müssen, diese Penner würden auch vor gar nichts zurückschrecken.“

Ein „Eulenspiegel“-Titel machte ihn 1996 berühmt. Die Fotomontage zeigt Helmut Kohl und Bärbel Bohley beim ungezügelten Sex, dazu der Kommentar „Kohls Neue: Ist es mehr als Freundschaft?“ Seine Tochter Maria sagt, sie habe ihrem Lehrer an der Staatlichen Ballettschule ein signiertes Exemplar mitbringen müssen. Bärbel Bohley verklagte die Zeitschrift. Für sein „ATA-DDR Gedächtnisspiel“, das sich über 20 000 Mal verkauft hat, erhielt Andreas Prüstel 1998 die Bronzemedaille des „Art Directors Club“. Doch ein jegliches hat seine Zeit. Mit den Nullerjahren ging die Nachfrage nach seinen Collagen zurück. Andreas Prüstel sattelte um, nahm wie in frühen Jahren den Zeichenstift zur Hand und belieferte die Redaktionen fortan mit Cartoons.

Auf der Trauerfeier spielten sie „Paint It Black“ von den Rolling Stones. Er aber verehrte Randy Newman – ob nun trotz oder wegen dessen Song „Short People“ ist unbekannt. Darin heißt es, dass die Kleinen eigentlich keinen Grund zum Leben hätten, dafür aber kleine Augen und kleine Nasen, und außerdem erzählten sie vor allem große Lügen. Seine Tochter, die Schauspielerin Anna Prüstel, beobachtete Randy Newman bei einer Probe im Münchener Prinzregententheater. Mit dem Handy am Ohr, sodass ihr Vater live dabei sein konnte, schlich sie sich auf die Hinterbühne. Der Sänger bemerkte das, ließ sich von ihr in die Kantine mitnehmen und schrieb dort einen kleinen Brief an Andreas. Der hing fortan gerahmt in dessen Arbeitszimmer an der Wand.

Eines seiner Motive war der Sensenmann. Eine Zeichnung zeigt ihn in einer öffentlichen Toilette, wie er sich vom Urinal abwendet. Auf den Fliesen darüber in Schreibschrift: „Verpiss dich!“

Der Tod war ihm gegenüber nicht barmherzig. Fünf quälende Monate verbrachte Andreas Prüstel im Krankenhaus nach einem Schlaganfall und einem Herzinfarkt. Er konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr schreiben oder zeichnen.

Als sich der Trauerzug von der Kapelle aus in Bewegung setzte, über den Friedhof in Pankow, nahm das „Marielche“, wie Andreas Prüstel seine jüngste Tochter gern nannte, die bunt bemalte Urne an sich, hielt sie mit beiden Armen fest umschlossen und trug sie zum Grab. Es war wie eine letzte Umarmung.

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