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Nachruf auf Alfred Aulich „Der Weihnachtsmann führt sich auf wie ein kleines Kind"

Lehrer, Gesangstalent, Erfahrungen im Gabenverteilen - prädestiniert für den wichtigsten Job auf dem Großen Weihnachtsmarkt.

Heute soll er erscheinen, pünktlich um 14 Uhr. Begleitet von den Mahnrufen der Erzieherin, nicht ständig aus der Ordnung ihrer Zweierformationen auszubrechen, streben die Vierjährigen durch den Berliner Dezembermatsch in Richtung des langgestreckten Areals zwischen Jannowitzbrücke und Alexanderplatz, wo die Fahrgeschäfte und Buden des großen Ost-Berliner Weihnachtsmarktes aufgebaut sind. Die Kinder zeigen nach oben zu den Gondeln des Riesenrades, sie hören das Kreischen aus einem in die Tiefe stürzenden Wagen der Achterbahn. Da dürfen sie zum Glück nicht mitfahren, sie sind aus einem ganz anderen Grund gekommen. Weil er kommen wird. Sie glauben fest an ihn.

Punkt 14 Uhr erscheint er, so, wie angekündigt. Kommt aus einem Pappmärchenwald und betritt die Bühne, roter Mantel, rote Mütze, weißer Bart. „Der Weihnachtsmann!“, rufen einige der Vierjährigen. „Mein Papa!“, sagt ein Mädchen. Die anderen stocken. Blicken sie an. Auf ihren glatten Stirnen bilden sich zarte Falten des Zweifels. Wissen erschüttert Glauben, so schnell kann’s gehen.

Juliane hat ihren Vater erkannt, es war derselbe Weihnachtsmann, der ihr auch im letzten Jahr die Geschenke gebracht hatte. Da hatte sie bereits an seiner Echtheit gezweifelt.

Offizieller Weihnachtsmann des Großen Weihnachtsmarktes war Alfred Aulich durch einen Zufall geworden. Der vorherige Amtsinhaber hatte einen Unfall, der Direktor des Marktes suchte Ersatz. Alfred kannte jemanden, der jemanden kannte, der den Direktor kannte und erwies sich nach kurzem Gespräch als qualifiziert: Lehrer, Gesangstalent, Erfahrungen im Gabenverteilen.

Das Programm folgte einer festen Choreografie. Zuerst sang er Lieder, öffnete darauf das Fenster eines riesigen Adventskalenders und verteilte dann Bonbons und Geschenke, wobei er mit den Kindern ins Gespräch kam. Er stellte Fragen. Aber nie die Gängigste, ob sie auch immer brav gewesen seien. Denn die Antwort darauf, so Alfred, falle in einer Mischung aus angenommener Schuld und Hypokrisie stets gleich aus, mit einem wankenden, erbärmlichen Ja.

"Macht das nicht!"

Diese Druckserei, dieses Sich-Winden wollte er ebenso bei seinen Schülern vermeiden. Munter und offenen Geistes sollten sie vor ihm sitzen, sollten Freude am Erkennen haben und sich nicht ducken. Er machte es ihnen vor.

Aufgewachsen war er mit sechs Geschwistern im Berliner Arbeitermilieu. Er und seine ältere Schwester erkrankten an Tuberkulose, er überlebte, sie starb, was ihn nie losließ. Gegen Ende des Krieges kam er mit der Kinderlandverschickung nach Thüringen. Einige seiner Freunde wollten sich freiwillig zum Wehrdienst melden, und er redete auf sie ein: „Macht das nicht!“

Mitte der 50er Jahre begann er Journalistik in Leipzig zu studieren, schmiss das Studium aber hin, zu strikt erschienen ihm die Vorgaben der Partei, was zu denken, was zu meinen war. Zu wenig Welt entdeckte er in der vorgegebenen Weltanschauung. Er zog zurück nach Berlin und schrieb sich an der Humboldt-Universität für Chemie und Biologie auf Lehramt ein, obwohl er sich weder für Chemie noch für Biologie sonderlich interessierte. Da war er erfrischend pragmatisch: „Ich konnte das nie richtig, und so musste ich mich damit auseinandersetzen.“ Er arbeitete einige Jahre an einer normalen Zehnklassenschule, geriet jedoch mit dem Direktor in Streit, warum, weiß heute niemand mehr, und wechselte auf eine Berufsschule, wo er EDV-Unterricht gab. Er mochte das Programmieren, seine große Leidenschaft aber war es nie. Seine große Leidenschaft war das Singen.

Schon als Kind hatte er aus dem Wohnungsfenster heraus Operettenlieder geschmettert. War später mit seinen beiden Kindern, Ralf aus seiner ersten und Juliane aus seiner zweiten Beziehung, singend durch die Straßen spaziert. Hatte Gesangsstunden genommen und die offizielle „Einstufung“ absolviert, die in der DDR notwendig war, um öffentlich auftreten zu dürfen. Im Prater an der Kastanienallee, Prenzlauer Berg, trug er Schlager vor, die Begleitung kam vom Band.

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Und dann sang er auch auf dem Weihnachtsmarkt. Die Kinder mögen die Adventslieder gemocht haben, dann wollten sie aber doch zügig zur Hauptsache kommen, zum Geschenkthema. Sie nannten Alfred ihre Wünsche oder übergaben ihm, damit er sich das alles merken konnte, sorgsam bemalte Wunschzettel. Oft war das Begehren an eine implizit eingestandene Schuld gebunden, die mit einer Selbstverpflichtung einherging: „Wenn du mir ein Kranauto bringst, puller ich nicht mehr ein.“ Selbstverständlich gab es auch jene ohne jeden Zweifel an der eigenen moralischen Integrität, an der Rechtschreibung und an der Versorgungslage in der DDR: „Ich wünsch mir eine Autorennbahn, eine elektrische Eisenbahn, ein Fernror, ein elektrisches Auto, ein Telefon, eine Brieftasche, eine Spieluhr, ein großen Krahn, ein Plüschtier, drei Mätschboksautos, ein großen Bagger, ein großen Kipper, drei Bilderbücher, ein elektrisches Miksgerät und sonst weiter nichts.“ Das Sehnsuchtsdokument wird in einem Zeitungsartikel über den Weihnachtsdienstleister zitiert. Von dem Reporter befragt, was er selbst sich wünsche, antwortet Alfred: „Endlich einen neuen Trabi! Und einen Heimcomputer!“ Der Journalist kommentiert das wie folgt: „Der Weihnachtsmann führt sich auf wie ein kleines Kind – er überschätzt den Weihnachtsmann.“

Mit der angespannten Versorgungslage war es 1990 ebenso vorbei wie mit Alfreds Schullaufbahn. Er wurde Rentner. Seine zweite, sehr viel jüngere Frau aber wollte beruflich noch einmal richtig loslegen. Sie nahm eine Stelle im Allgäu an, und er und die gemeinsame Tochter zogen mit. Er kümmerte sich ums Kind, kochte, spielte mit ihm, half bei den Hausaufgaben. Doch hielt die Ehe nicht. 2004 zog er allein zurück nach Berlin. Und verdiente zur Weihnachtszeit wieder Geld in seiner alten Rolle – qua Alter und Glaubwürdigkeit weitaus mehr als die üblichen studentischen Hilfskräfte. Er sang in verschiedenen Chören Shanty-Lieder und deutsche Schlager, trat in Lokalen und Einrichtungen der Volkssolidarität auf, gewann mit 80 den „Grand Prix Goldener Herbst“ und sagte, er bedauere zutiefst, das Singen nie zu seinem eigentlichen Beruf gemacht zu haben.

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