Die Ladenstraße im U-Bahnhof vor dem Brand. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

Nach dem Feuer im U-Bahnhof Onkel Toms Hütte Was die „Ladenstraße“ schon immer besonders für Zehlendorf machte

Trotz Brandschäden lebt die geschichtsträchtige Einkaufspassage wieder auf. Sie ist einzigartig in Zehlendorf – wie auch die ganze Siedlung rundum.

Die Eingänge des Zehlendorfer U-Bahnhofs Onkel Toms Hütte sind seit Freitag weihnachtlich beleuchtet, und auf dem westlichen Vorplatz wurde eine Tanne aufgestellt. Normalerweise wäre das kaum erwähnenswert – doch nach dem Brand in der „Ladenstraße“ des Bahnhofs am Sonntagabend der vorigen Woche markiert der Adventsschmuck eine gewisse Rückkehr zur Normalität.

22 Geschäfte haben geöffnet, die Züge der U-Bahn-Linie 3 halten wieder. Andererseits hat das Feuer auch schwere Folgen. Dies gilt besonders für den lebensgefährlich verletzten 32-jährigen Wirt des vietnamesischen Imbisses, in dem es zu einer Explosion gekommen war.

Über den Gesundheitszustand des Gastronomen wurde noch nichts Neues bekannt. Für ihn und seine Familie sowie für die Inhaber weiterer ausgebrannter Läden hat die Ernst-Moritz-Arndt-Kirchengemeinde ein Spendenkonto eingerichtet.

Außerdem will die Vermieterfirma den betroffenen Händlern möglichst Ersatzverkaufsflächen anbieten, bis die zerstörten Räume im nördlichen der zwei Gänge wieder aufgebaut sind. Eine andere Hilfe sicherten die Steglitz-Zehlendorfer Bürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski und andere Bezirksamtsvertreter dem seit 1953 bestehenden „Coiffeur Raguse“ bei einem Besuch im U-Bahnhof zu.

Eine Filiale des Friseursalons am S-Bahnhof Nikolassee darf länger öffnen, um den Umsatzverlust etwas zu kompensieren und dort auch Kunden aus dem geschlossenen Hauptgeschäft zu bedienen, falls diese die Fahrt auf sich nehmen.

Die „erste Shopping-Mall mit U-Bahn-Anschluss“

Die denkmalgeschützte Ladenstraße ist nicht vergleichbar mit den oft gesichtslosen Einkaufspassagen in neueren Bahnhöfen. Ihr Bau begann 1931, zwei Jahre nach der Eröffnung des U-Bahnhofs Onkel Toms Hütte. Beiderseits des Bahnsteigs entstand Berlins „erste Shopping-Mall mit U-Bahn-Anschluss“, wie es ein heutiger Verein der Händler ausdrückt.

Doch es kam nicht zu einer Ansammlung von Filialisten – auch weil die meisten Räume dafür zu klein waren. Bis heute sind fast alle Geschäfte inhabergeführt oder gehören zu mittelständischen Berliner Betrieben – abgesehen von zwei Supermärkten, von denen einer ein ehemaliges Kino nutzt.

Jetzt gibt es Absperrungen und Weihnachtssterne am Eingang des U-Bahnhofs. Foto: Cay Dobberke Vergrößern
Jetzt gibt es Absperrungen und Weihnachtssterne am Eingang des U-Bahnhofs. © Cay Dobberke

Der ausgebrannte Asia-Imbiss „Mai 88“ wechselte in den vorigen Jahren mehrmals den Namen und den Betreiber, wurde aber stets von vietnamesischen Familien geführt. Bis zu dem Brandunglück servierte der 32-jährige Wirt dort zuletzt ganz alleine leckere Speisen zu niedrigen Preisen – auch der Autor dieses Berichts zählte häufig zu den Gästen.

So luxuriös wie in Dahlem ist es hier nicht

Die Reihenhaus-Siedlung rundum stammt aus den Jahren 1926 bis 1931 und heißt eigentlich „Waldsiedlung Zehlendorf“, ist aber unter anderen Bezeichnungen bekannter. Viele nennen sie wegen der bunten Fassaden „Papageiensiedlung“.

Andere sprechen von der „Onkel-Tom-Siedlung“ oder von der „Bruno-Taut-Siedlung“ – weil sie überwiegend vom Architekten Bruno Taut entworfen wurde (andere Teile gestaltete Otto Rudolf Salvisberg).

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Das ursprüngliche Ziel der Wohnungsbaugesellschaft Gehag lautete, bezahlbaren Wohnraum für Arbeiter und andere Geringverdiener zu schaffen. Heute gehört die Gehag mehrheitlich dem Konzern Deutsche Wohnen, was zu Mieterhöhungen und teilweise zur Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen führte.

Die Sozialstruktur hat sich verändert. Dennoch hat die Siedlung nach wie vor einen ganz anderen Charakter als das angrenzende Dahlem, das zu Berlins vornehmsten Wohngegenden gehört.

Kurze Wege für die Anwohner

Die Bahnhofsläden haben große Bedeutung für den Kiez und vor allem für Senioren, weil es außer einer italienischen Feinkosthandlung keine weiteren Geschäfte in der Nachbarschaft gibt. Die nächstgelegenen anderen Einkaufsmöglichkeiten befinden sich mehr als einen Kilometer entfernt in Zehlendorf-Mitte sowie in der Umgebung der U-Bahnhöfe Oskar-Helene-Heim und Krumme Lanke.

Trotz ihrer besonderen Stellung in der Nahversorgung hat die Ladenstraße auch schwere Zeiten hinter sich. Jahrzehntelang blieben Innovationen aus, während in Berlin und dem Umland reihenweise Shoppingcenter eröffneten und vor allem Autofahrer anlockten.

Erst ab 2013 brachte das Projekt „Zukunftskiez Onkel Toms Hütte“ frischen Wind. Das Bezirksamt gewährte EU-Fördermittel und beauftragte die Projektmanagerin Heide Wohlers. Zusammen mit der Eigentümerfirma Ansorge Immobilien treibt sie die Entwicklung auch jetzt noch voran.

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Unter anderem eröffnete im Sommer 2015 ein Wochenmarkt auf dem Vorplatz an der Onkel-Tom-Straße. Die erfolgreiche Buchhandlung Born konnte in größere Räume umziehen. Zu den neuesten Geschäften gehören ein italienisches Bistro und Eiscafé sowie eine Macaron-Bäckerei – diese musste jetzt aber wegen Brandschäden vorerst schließen.

Weitgehend zerstört sind unter anderem auch der Kieztreff „Bruno Taut Laden“ der gemeinnützigen Nachbarschafts-Initiative „Verein Papageiensiedlung“ und das traditionsreiche Geschäft „Elektro Schäffler“, das Verena und Bernd Charnow in dritter Generation führen.

Der Wiederaufbau solle „möglichst schnell“ erfolgen, verspricht die Vermietergesellschaft. Vielleicht könne dann auch Elektro Schäffler sein 80. Firmenjubiläum im kommenden Jahr „in einem neuen Geschäft feiern“.

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