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Kabarettistin Idil Baydar bei einer Kundgebung gegen Rechtsruck 2018. Nun entschuldigte sie sich für eine Debatte über Clans und die Shoa. Christoph Soeder/dpa
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Exklusiv Nach „Clubhouse“-Talk mit Holocaust-Verharmloser Berlins Grüne wollen vor weiterer Kooperation mit Kabarettistin Baydar reden

Die Kabarettistin Idil Baydar moderiert Events der Berliner Grünen – und stimmt bei „Clubhouse“ dem Shoa-Vergleich in Sachen Clan-Kriminalität zu.

Nach der bei "Clubhouse" vorgetragenen Behauptung, der Umgang mit Clan-Kriminellen ähnele der Judenverfolgung, hat sich die Berliner Grünen-Fraktion geäußert. "Wir verurteilen eine Verharmlosung des Holocausts in jedweder Form", teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit. Wie berichtet, hatte die Kabarettistin Idil Baydar in der Talk-App vor vielen Zuhörern verschwörungsideologischem Geraune einer Berliner Clan-Größe zugestimmt.

Baydar hatte vor einigen Tagen eine übertragene Veranstaltung der Grünen-Fraktion moderiert, an der auch Spitzenkandidatin Bettina Jarasch teilnahm. Komikerin Baydar war zuvor auf Events der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung und der Linkspartei aufgetreten. Die Grünen im Abgeordnetenhaus teilten nun mit: "Vor einer möglichen zukünftigen Zusammenarbeit würden wir das Gespräch mit ihr zum Thema suchen."

Baydar distanzierte sich zuvor via Twitter: Sie habe Clan-Debatte und Shoa nicht vergleichen wollen. In der Audio-App Clubhouse hatte ein Teilnehmer in der Nacht zu Donnerstag zum Umgang mit mutmaßlichen Clan-Kriminellen gesagt: "Das erinnert mich ganz stark an, wie heißt das noch mal, Zweite-Weltkrieg-Geschichte, hier, wo sie auf die Juden geritten sind."

Die bekannte Kabarettistin Idil Baydar reagierte: "Das ist die gleiche Story!" Später sagte Arafat Abou-Chaker, der bekannteste Mann seiner Großfamilie, alle Journalisten hätten Angst vor dem Axel-Springer-Verlag. Er widersprach aber ausdrücklich, dass es um die Leugnung des Holocausts gehe.

Neuköllns Bürgermeister: "Ohne Respekt für demokratischen Rechtsstaat"

Der Bürgermeister von Berlin-Neukölln hatte den Auftritt scharf kritisiert. „Wer auf den Zug von Antisemiten und Verschwörungstheoretikern aufspringt, fährt ins Verderben – übrigens ganz unabhängig davon, wie der Nachname lautet", sagte Martin Hikel (SPD) dem Tagesspiegel. "Wenn ich über Clankriminalität rede, dann spreche ich von Tätern ohne jeden Respekt vor unserem demokratischen Rechtsstaat. Ich spreche von Menschen, die familiäre Strukturen als Schutzschild dafür nutzen, um weiter schwerkriminellen Geschäften nachzugehen."

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Ein Mann des berüchtigten Remmo-Clans wiederum hatte sich mit einem Holocaust-Vergleich an Neuköllns Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) gerichtet: "Die uns heute verfolgen, sind die Nachkommen, die damals unsere jüdischen Mitbürger verfolgt und vernichtet haben!"

Am Freitag legte der Remmo-Mann nach. Im Netz kommentierte er die Tagesspiegel-Berichterstattung und verglich die Lage seiner Großfamilie mit der Judenverfolgung im NS-Faschismus.

[Organisierte Brutalität: Warum in Berlins Clan-Milieu öfter Schüsse fallen als bei anderen Kriminellen – weiterlesen bei Tagesspiegel Plus]

Liecke sagte dem Tagesspiegel: "Es ist die ultimative Opferrolle, in diese sich diese Kriminellen mit absurden Shoa-Vergleichen begeben. Sie tun das mit Kalkül. Weil sie wissen, dass solche Erzählungen leicht verfangen." So offenbar auch bei Idil Baydar, die sich für jede ernsthafte Debatte disqualifiziert habe.

Stadtrat Liecke sagte auch, dass er konkretere Drohungen gewohnt sei. "Hurensohn" sei fast üblich geworden, zudem sei ihm aus dem Milieu gedroht worden: "Pass gut auf Deine Kinder auf!"

- Klarstellung: Die Aussagen von Arafat Abou-Chaker in der früheren Version dieses Beitrags sind konkretisiert worden. Abou-Chaker war zunächst missverstanden worden, weil er pauschal von "Sippenhaft" sprach. Wir haben seine Aussagen präzisiert und deutlich gemacht, dass er den angeblichen Kampf gegen Clankriminelle nicht mit dem Holocaust verglichen hat und sich in dem Clubhouse-Talk ausdrücklich dagegen ausspricht, den Holocaust zu leugnen oder mit dem Kampf gegen die Clankriminalität zu vergleichen. Die Redaktion

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