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Im Brauereimuseum in Fürstenwalde gibt es einiges an Bier zu sehen.  Foto: Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

„Mord und Totschlag“ im Glas „Brandenburg ist eben ein Bierland“

Anja Reinbothe

Viele Orte in Brandenburg haben lange Bierbrautraditionen. In Kyritz oder Fürstenwalde wird das Erbe erhalten: mit süffigem Craftbeer.

„An unserem Stand gibt es Mord und Totschlag“, sagt Doreen Wolf von der Tourismusinformation in Kyritz. Dieser kleinen Fachwerkstadt im Nordwesten von Brandenburg. Wolf meint damit glücklicherweise keine handfesten Raufereien, sondern das historische Schwarzbier, das sie jährlich mit ihren Kollegen am Messestand der Knatterstadt während der Internationalen Hansetage ausschenkt.

Es ist eine der vielen, kleinen Craftbeer-Sorten, die in der Mark gebraut werden – ob in Kyritz, Fürstenwalde oder Bernau. Mindestens 27 unabhängige Kleinbrauereien existieren derzeit in Brandenburg – einige sind ganz neu, andere alteingesessen.

In den vergangenen Jahren kamen die Kyritzer um Doreen Wolf mit ihrer süffigen Ware aus dem Landkreis Ostprignitz-Ruppin ordentlich herum: Sie reisten schon ins norwegische Bergen, nach Pärnu und Viljandi in Estland, nach Kaunas in Litauen, Rostock oder Lübeck. „Vor allem im Baltikum stehen die Menschen immer Schlange.“

Rund 1000 Liter gingen auch beim Volksfest „Sim-Jü“ in der westfälischen Partnerstadt Werne an der Lippe über den Tresen. Das Bier selbst hat eine bewegte Geschichte.

Schon im tiefsten Mittelalter haben sich Trunkenbolde beim Genuss des dunklen Gebräus in die Haare gekriegt, weiß Angela Städeke vom Heimatverein Kyritz: „In seinem Buch Bierstudien von 1872 schreibt Historiker Dr. J. G. Theodor Gräße über ein Kyritzer Bier namens ’Mord und Totschlag’, welches wegen des ungesunden Wassers, das man dazu verwendete, wenn man auch noch so wenig trank, doch stark berauscht und zu Streit anregte.“

Das Wasser hätte damals – anders als heute – eine schlechte Qualität gehabt. „Durch den Brauakt wurde es genießbar“, erklärt die Hobbyhistorikerin. Die Kyritzer Ackerbürger verarbeiteten vermutlich schon vor Hunderten von Jahren ihr Getreide zu Bieren. „Die Kyritzer verkauften es in Fässern bis nach Hamburg und Lübeck. Durch seinen hohen Alkoholgehalt war es länger haltbar.“

Und den schmeckt man nicht mal. Die starke „Mord und Totschlag“-Rezeptur trinkt sich gut weg. Heutzutage ist es ein Porter mit 7,2 Prozent Alkohol, süffig, erfrischend, süßlich.

Wer das Bier erfunden hat, ist unklar

Wer genau das Urbier im 17. Jahrhundert zuerst gebraut hat, ist nicht klar, bedauert Angela Städeke: „Jede Hofstelle hatte im Mittelalter Braurecht für den eigenen Hausgebrauch. An die 300 gab es allein in Kyritz.“ Hopfen und Malz zu nehmen, wäre nicht üblich gewesen, sagt sie. „Eher Hopfen und Grut, also Kräuter, die vorhanden waren.“

Auch in Fürstenwalde, Kreis Oder-Spree, ist „Kyritzer Mord und Totschlag“ in Spätis zu haben. Dabei hat die Domstadt ihr eigenes Craftbeer und eine fast 500 Jahre lange Brautradition. Im Mittelalter besaßen von den 300 Häusern über 100 das Braurecht. Damals war Fürstenwalde nach Bernau der zweitgrößte Brauereistandort in Brandenburg. Nachdem 1936 der letzte Betrieb seine Tore schloss, setzte etwa 75 Jahre später die Rathausbrauerei wieder das erste Bier an.

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Dort im alten Gewölbekeller des Rathauses können Gäste im Brauereimuseum die Biergeschichte der Stadt an der Spree nacherleben. „Rund 2000 Besucher haben wir im Jahr“, sagt Bernd Norkeweit von der Rathausbrauerei. Wer eine Führung mitmacht, erfährt, dass jährlich 300 Hektoliter ungefiltertes Bier in den Kupferkesseln produziert werden.

„Pils, Roggenbier, das dunkle Craftbeer Krüger Kersten, benannt nach dem berühmtesten Fürstenwalder Braumeister oder das saisonale Weihnachtsbier. Rund 3000 Liter allein davon gehen über den Tresen.“ Ihre frisch-spritzigen Sorten in den 1-Liter-Bügelflaschen verkaufe die Fürstenwalder Kleinbrauerei selbst und über das Tourismusbüro der Stadt, erzählt Norkeweit.

Im alten Gewölbekeller des Rathauses von Fürstenwalde können Gäste mehr über die lange Braugeschichte der Spreestadt erfahren. Nachdem 1936 der letzte Betrieb seine Tore schloss, setzte etwa 75 Jahre später die Rathausbrauerei wieder das erste Bier an.  Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Im alten Gewölbekeller des Rathauses von Fürstenwalde können Gäste mehr über die lange Braugeschichte der Spreestadt erfahren. Nachdem 1936 der letzte Betrieb seine Tore schloss, setzte etwa 75 Jahre später die Rathausbrauerei wieder das erste Bier an.  © Kitty Kleist-Heinrich

In Kyritz ist man auf Schwarzbier spezialisiert

Schon seit 1788 existiert diese Spreewälder Privatbrauerei. Gäste können in der Gaststätte mit direktem Blick auf die Produktionsstätte Pils, Dunkel, Zwickel, Hefeweizen, Maibock, Oktoberbier und andere Saisonbiere zu deftigen Spreewaldspezialitäten genießen. Ein anderes Lokal mit Schaubrauerei befindet sich in Wittenberge in der Prignitz.

In der denkmalgeschützten „Alten Ölmühle“ direkt an der Elbe wird das Herzbräu hergestellt und gezapft, benannt nach dem Erbauer der Ölmühle, Salomon Herz. „Brandenburg ist eben ein Bierland“, sagt Bernd Norkeweit von der Rathausbrauerei Fürstenwalde.

In Kyritz etwa entwickelte sich einst durch die Poststraße von Hamburg nach Berlin die Braukunst als Wirtschaftszweig und wurde eines der wichtigsten Gewerke. Die Rezeptur des Kyritzer „Mord und Totschlag“ wurde über die Jahrhunderte überliefert. Richtig weg war das Bier nie, doch zeitweise etwas in der Versenkung verschwunden.

Aus dieser hervor holte es zu DDR-Zeiten der Betreiber des Lokals „Seekiste“, das es mittlerweile nicht mehr gibt. „Peter Wegerich hatte die Idee, das Schwarzbier in Kyritz neu aufzulegen“, sagt die Kyritzer Hobbyhistorikerin Städeke.

Brandenburg hat eine lange Brautradition, die auch das Museum in Fürstenwalde zeigt. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Brandenburg hat eine lange Brautradition, die auch das Museum in Fürstenwalde zeigt. © Kitty Kleist-Heinrich

Neuauflage von „Mord und Totschlag“ 1996

Dafür hätte der Gastronom das bunte Etikett mit den zwei Raufbolden, das bis heute auf den Flaschen prangt, entwerfen lassen: „Da es in Kyritz keine Brauerei mehr gab, ließ er sich das Urbräu aus der nahe gelegenen Brauerei in Dessow liefern, aber ohne Etikett, und klebte seine eigenen drauf.“ 1987 zur 750-Jahr-Feier der Stadt wollte er das Bier ausschenken. „Die Staatsmacht verbot es ihm wegen des unordentlichen Namens.“

Heute wird Bier in solchen Tanks gebraut. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Heute wird Bier in solchen Tanks gebraut. © Kitty Kleist-Heinrich

Nach der Wende legte die Stadt Kyritz selbst das „Mord und Totschlag“ wieder neu auf. 1996 wurde bei einer örtlichen Gewerbemesse das erste Fass angestochen. Gebraut wurde das Schwarzbier in Dessow, bis der Brauereibetrieb dort 2008 eingestellt wurde.

Nach diversen Verkostungen entschied man sich in Kyritz, es in der Klosterbrauerei Neuzelle im Landkreis Oder-Spree produzieren zu lassen. Wasser, Hopfen und viel Gerstenmalz stecken in dem heutigen Porter. „Wir orientieren uns an der alten mündlich überlieferten Rezeptur“, sagt Maria Schiller von der Klosterbrauerei.

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Handwerklich hergestellt fernab der Massenproduktion sei es. „Wir brauen in kleinen Mengen, haben Kontakt mit den Rohstoffen und keine großen Sude“, erklärt die Fachfrau. „Wenn man unsere Halle betritt, riecht man das Malz.“ Daher habe ihr Bier auch viel Profil.

Auch die Stadt profitiert vom Bier

Etwa 350 Hektoliter „Mord und Totschlag“ verkauft die Klosterbrauerei Neuzelle pro Jahr als Flaschenware, dazu circa 20 Hektoliter im Fass. Die meisten Abnehmer kommen aus Berlin und Brandenburg. „Es wird aber auch in die USA, das Baltikum, die Ukraine und nach Dänemark exportiert“, sagt Schiller. Der Tourismus oder auch die „Handmade in Germany“-Ausstellung, bei der Produkte auf Weltreise geschickt werden, machten das Bier bekannt.

Mittlerweile ist die Stadt Kyritz auch Eigentümerin der Marke und profitiert vom Verkauf. Etwa 800 Euro jährlich nimmt die Stadt aus den Lizenzgebühren ein. Die Gastronomiebetriebe der Stadt unterstützen das Bier ohnehin.

Vor allem in den warmen Monaten käme es gut an, meint eine Mitarbeiterin von „Bluhms Hotel“: „In manchen Wochen verkaufen wir drei Kästen. Vor allem auswärtige Gäste fragen viel danach, wenn sie es auf der Karte lesen.“ Ein örtlicher Supermarkt und Getränkehändler bieten den lokalen Braustoff ebenfalls an. Im Nachbarort Wusterhausen drapiert sogar ein Blumenladen seine Gebinde mit dem Schwarzbier.

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