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Zwei Brüder sitzen wegen der Tötung ihrer 34 Jahre alten Schwester auf der Anklagebank des Kriminalgerichts Moabit. Foto: Jörg Carstensen/dpa
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Update Mord im Namen der Ehre? Brüder von Maryam H. schweigen vor dem Berliner Landgericht

Nach dem Tod einer jungen Afghanin sind zwei ihrer Brüder angeklagt. Sie sollen sie ermordet und die Leiche in einem Koffer nach Bayern gebracht haben.

Sie wollte ein anderes Leben, ein selbstbestimmtes. Maryam H. ließ sich scheiden von dem Mann, mit dem sie als 16-Jährige in Afghanistan zwangsverheiratet worden war, kleidete sich modern, machte einen Deutschkurs, die zweifache Mutter verliebte sich in einen anderen Mann. Doch zwei ihrer Brüder sollen sie furchtbar bestraft haben. Wegen Mordes stehen Sayed Yousuf H. und Seyed Mahdi H. seit Mittwoch vor dem Berliner Landgericht.

Die afghanischen Brüder, nach eigenen Angaben 26 und 23 Jahre alt, schweigen vor Gericht. Sie werden von jeweils zwei Anwälten vertreten. Die Verteidiger hatten Anträge vorbereitet. Es ging um einen Dolmetscher, um den Anwalt der Nebenklage, um die Frage, ob Angaben des einen Angeklagten gegenüber der Polizei verwertet werden dürfen.

Nebenkläger sind die Kinder von Maryam H., 14 und zehn Jahre alt. Rechtsanwalt Roland Weber vertritt die Geschwister. Vor Gericht erschienen nicht sie, sondern ihr Vater. Maryam H. hatte sich scheiden lassen von ihm. Er soll sie geschlagen haben.

Die Staatsanwaltschaft geht von einem Mord aus niederen Beweggründen aus. Sie hätten ihre 34 Jahre alte Schwester am 13. Juli 2021 unter einem Vorwand aus dem Haus gelockt. Sie hätten Maryam H. gedrosselt, gewürgt, ihr schließlich mit einem wuchtigen Schnitt die Halsschlagader durchtrennt. Sie hätten ihre Schwester getötet, weil sie „entgegen der Moralvorstellungen der Angeklagten eine teilweise moderne Lebensführung verfolgte“, sich Anweisungen der Brüder widersetzt und eine Liebesbeziehung geführt habe, heißt es in der Anklage.

„Wir wollen mal sehen, wie groß und schwer ihr seid“

„Koffer, bis 70 kg, Berlin“ – so soll Seyed Yousuf H. im Internet nach einem Gepäck gesucht haben. Ein paar Tage zuvor sollen er und sein Bruder ihrer Schwester und den Kindern ein scheinbar harmloses Spiel vorgeschlagen haben: „Wir wollen mal sehen, wie groß und schwer ihr seid.“ So soll es der Junge später in einer richterlichen Vernehmung geschildert haben. Die Kinder sollen auch berichtet haben, dass die Brüder ihre Mutter kontrolliert hätten, dass es auch Schläge gegeben habe.

[Mehr zum Thema: Ein sogenannter Ehrenmord? Der Tod einer jungen Afghanin in Berlin – eine Rekonstruktion (T+)]

Die Leiche legten sie laut Anklage in einen großen Rollkoffer, den sie kurz zuvor gekauft hatten. Damit ließen sie sich laut Ermittlungen im Taxi zum Bahnhof Südkreuz bringen. Um 16.33 Uhr seien sie angekommen – gefilmt von Überwachungskameras.

Das Video zeige, wie die Männer einen vermutlich von schwerer Last ausgebeulten Koffer durch die Bahnhofshalle schleppten. Um 17.52 Uhr hievten sie den Koffer in den Zug nach Donauwörth in Bayern, wo der ältere Bruder lebte.

Laut Ermittlungen fuhr der jüngere Bruder am nächsten Morgen zurück nach Berlin. Yousuf H. habe sich von seiner Freundin ins 30 Kilometer entfernte Holzkirchen fahren lassen. Der Koffer sei mit im Wagen gewesen. Es habe einen Unfall gegeben, sie solle ihm vertrauen, soll Yousuf H. der Frau erklärt haben. Dann sei er mit dem Koffer und einem Spaten in ein Waldstück verschwunden.

Ihr Freund ging kurz nach dem Verschwinden zur Polizei

Weil er Maryam H. nicht auf ihrem Handy erreichen konnte, ging ihr Freund kurz nach ihrem Verschwinden zur Polizei. Ermittlungen begannen. Die Brüder wurden erst als Zeugen vernommen, dann als Beschuldigte. Auch die Freundin des Älteren wurde befragt. Sie habe sich in Widersprüche verwickelt, dann die Ermittler zur verscharrten Leiche geführt.

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Der Fall hatte eine Debatte um den Begriff „Ehrenmord“ ausgelöst – und um gescheiterte Integration von Flüchtlingen. Es handelt sich bei den Angeklagten um zwei Männer, die als Jugendliche eingereist waren, ohne je anzukommen. Sie seien den Moralvorstellungen ihrer erzkonservativen Familie aus Afghanistan, den archaisch-patriarchischen Strukturen verbunden geblieben.

Viele Indizien führten zur Festnahme der Brüder am 3. August. Videoaufnahmen, Handydaten, an der Leiche ein Stück von einem Gummihandschuh mit DNA des jüngeren Bruders. Im Ermittlungsverfahren sollen sie die Vorwürfe bestritten haben – es hätten sich Kleidung, Sportsachen, Glas im Koffer befunden.

Ehrenmord als Motiv sei „Lyrik“, sagte Anwalt Mirko Röder als Sprecher der Verteidigung von Mahdi H. am Rande. Es habe Vorverurteilungen gegeben durch die Politik. Das Verfahren werde lange dauern und „möglicherweise auch von Konflikten geprägt sein“. Fortsetzung ist am Freitag.

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