Eine Schülerin Foto: Getty Images
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Mobbing an Berliner Schulen "Du bist Kacke!"

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Jeden Tag werden Schüler diskriminiert – oft geschieht nichts. Wir haben drei Fälle aufgeschrieben. Familienministerin Giffey fordert mehr Transparenz von den Schulen.

Über Mobbing wird wieder viel diskutiert, denn zu Beginn der Osterferien hatte ein Tempelhofer Vater öffentlich gemacht, dass seine Tochter mehrfach von muslimischen Schülern unter Druck gesetzt worden war. Das Echo war groß, weil Antisemitismus in den Fall hineinspielte.

Plötzlich war in einem Elternbrief des Schulleiters auch von weiteren diskriminierten Schülern die Rede. Wenn an diesem Montag die Ferien zu Ende gehen, wird die Öffentlichkeit abermals auf die betroffene Schule schauen: Wie werden die Schüler reagieren? Was haben die Eltern ihren Kindern erzählt, von dem, was bundesweit und sogar international über ihre Schule zu lesen war?

20 Millionen Euro und 170 „Anti-Mobbing-Profis“

Die Bildungsverwaltung will jetzt nichts verkehrt machen und schickt die ganze Woche über Vertreter der Schulaufsicht zusammen mit der Antidiskriminierungsbeauftragten und weiteren Mitarbeitern der Verwaltung in die Schule. Zudem wird „die Schulleitung mit Unterstützung der Schulaufsicht selbstverständlich viele Gespräche führen und stark informieren“, kündigte Verwaltungssprecher Torsten Metter gegenüber dem Tagesspiegel an. In der Schule werde dann „das weitere Vorgehen geklärt“.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey appellierte an Schulen, jeden Fall von Antisemitismus, Radikalisierung, Rassismus und offenem Hass den Schulbehörden zu melden und aufzuarbeiten. „Viele Schulen scheuen davor zurück, weil sie eine Stigmatisierung fürchten, wenn sie mit vielen Fällen in der Statistik auftauchen.“

Davon müsse man wegkommen. „Eine Schule, die Gewaltvorfälle meldet, ist eine Schule, in der damit konsequent umgegangen wird und in der die Probleme aufgearbeitet werden“, sagte die frühere Neuköllner Bürgermeisterin der „Passauer Neuen Presse“. Schulen bräuchten Unterstützung. Dafür stünden in diesem Jahr 20 Millionen Euro und mehr als 170 „Anti-Mobbing-Profis“ für Schulen mit Problemen zur Verfügung.

Betroffene berichten

Die meisten Fälle geraten nicht an die Öffentlichkeit. Manchmal gelingt es Pädagogen, die Lage zu entschärfen, manchmal hört das Mobbing irgendwann von selber auf, manchmal müssen Eltern nach monatelangen vergeblichen Hilferufen erkennen, dass nur noch ein Schulwechsel helfen kann.

Zur Vielfalt des Themas gehört auch, dass die Grenzen zwischen Tätern und Opfern mitunter verschwimmen und dass Schüler sich nicht selten von ihren Lehrer gemobbt fühlen. Alles kommt vor auf dem weiten Feld des Mobbings. Hier schildern Betroffene ihre Erlebnisse:

Rassistisches Mobbing in Kreuzberg

Zu Beginn der Schulzeit lief alles gut. Ich hatte für meinen Sohn eine Schule ausgesucht, die von sich behauptete, sich gegen Rassismus starkzumachen, denn wir sind schwarz. Als er in der dritten Klasse war, begannen die Bemerkungen. Er wurde als „Affe“ bezeichnet, und es kamen Sprüche wie: „Du schmilzt bestimmt in der Sonne“, „Du bist Kacke“. So in der Art.

Diese Bemerkungen wurden in der Schule nicht thematisiert und darum auch nicht geklärt: Ich erfuhr davon nur zufällig, denn die Schule hat mich nicht benachrichtigt – und auch dann nicht eingegriffen, als die Handgreiflichkeiten anfingen. Ich hatte den Eindruck, dass das Schulpersonal alle meine Beschwerden abblockte.

Irgendwann hat mein Sohn angefangen, sich zu wehren, und dafür wurde er dann bestraft, indem man ihn in eine andere Klasse stecken wollte. Er bekam zudem die Diagnose, dass er verhaltensgestört sei. Das nennt sich offiziell „emotional-sozialer Förderbedarf“. Ich habe das nicht verstanden, weil es nicht zu meinem Sohn passte.

Vor einem Jahr – in der fünften Klasse – wurde es immer schlimmer. Er war durch das Mobbing der Schüler so belastet, dass er nicht mehr zur Schule gehen wollte, aber auch das hat niemanden interessiert. Inzwischen waren psychosomatische Beschwerden hinzugekommen wie Bauchschmerzen, Erbrechen in der Schule. Darum begannen wir die erste Therapie, bei der klar wurde, dass er keine „Verhaltensstörung“ hat, sondern eine Lernbehinderung.

Diese Lernbehinderung – ein sehr schwacher IQ – war all die Jahre ein weiterer Grund dafür, dass er unter der Schule gelitten hat: Er konnte dem Unterricht nicht folgen, und das hat ihn traurig und wütend gemacht, weil ihm keiner geholfen hat, weil er diesen Stempel „verhaltensgestört“ hatte. Was sind das für Pädagogen, die jahrelang das Falsche tun, weil einer von ihnen eine falsche Diagnose gestellt hat?! Inzwischen ist mein Sohn auf einer anderen Schule. Es geht ihm besser.

Religiöses Mobbing unter Mädchen in Neukölln

Ich bin gern zur Schule gegangen. Meine Eltern stammen aus der Türkei, und ich hatte viele Freunde, die auch türkisch waren. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, wer türkisch und wer kurdisch war oder Sunnit oder Alevit. Diese Sorglosigkeit dauerte bis zur vierten Klasse.

Da fragte plötzlich eine Klassenkameradin, was für eine Wurst ich auf meinem Pausenbrot hätte. Ich habe die Frage gar nicht verstanden. Aus irgendeinem Grund hatten meine Klassenkameradinnen Verdacht geschöpft – Verdacht, dass ich vielleicht nicht so bin wie sie. Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass sie auf der Lauer lagen, um mich bei einem Verstoß gegen ihre Glaubensregeln zu ertappen.

Als wir älter wurden, wurde es noch schlimmer. Es ging um den Ramadan, und sie hatten sich vorgenommen, zu fasten. Sie ließen die Deutschen in Ruhe, aber wir drei oder vier Aleviten, die den muslimischen Regeln nicht folgen wollten, gerieten ins Kreuzfeuer.

Außerhalb des Ramadan war es leichter, aber nur bis zur Oberschule: Da begann dann der Druck, weil ich kein Kopftuch trug. Meine Sitznachbarin war fest davon überzeugt, dass die Haare verbrennen würden. Ihre Tante hatte ihr das erzählt. Meine Eltern sagten zwar, dass ich mich darum nicht kümmern sollte, aber das war schwer für mich, denn ich war ja viele Stunden am Tag mit diesen Mädchen zusammen.

Im Grunde hörte dieses Gefühl des Überwachtwerdens nie auf, und für mich selbst wurde es in dem Moment unerträglich, als ich meinen ersten Freund hatte. Immer wieder wollten sie wissen, ob ich mit ihm schlief. Von da an habe ich das Wort „Schlampe“ öfter gehört. So ging es auch den deutschen Mädchen, die einen Freund hatten. Wir waren immer irgendwie unter Druck.

Lehrer gegen Geflüchtete in Marzahn-Hellersdorf

Wir sind eine Beratungsstelle für Opfer von Diskriminierung. Im Januar meldete sich eine Sozialarbeiterin aus einer Notunterkunft bei uns. Eine Gruppe geflüchteter syrischer Kinder hatte sich an sie gewandt. Sie berichteten, dass sie immer wieder von der Lehrerin ihrer Willkommensklasse abfällig behandelt und beleidigt wurden.

Sie sagte, dass sie nur wegen des Geldes nach Deutschland gekommen seien, dass alle Muslime schlecht über Deutschland redeten, hier das Geld nähmen und sich dann dem Islamischen Staat anschließen würden. Sie machte den Schülern auch dadurch Angst, dass sie ihnen immer wieder vermittelte, dass sie nach drei Jahren wieder in ihre Heimat zurückmüssten.

Diese Haltung erzeugte zwischen den Schülern der Willkommensklasse eine Hierarchisierung zwischen den verschiedenen Gruppen – je nach Aufenthaltsstatus. Einige Schüler übernahmen die diskriminierenden Äußerungen der Lehrerin gegenüber den geflüchteten Schülern und mobbten sie mit ähnlichen Sprüchen. Die syrischen Schüler fühlten sich in der Schule nicht mehr sicher und wollten die Schule wechseln.

Auch ein Gespräch mit der Schulleitung brachte keine Besserung: Die Lehrerin stellte es so dar, dass die Schüler wegen mangelnder Sprachkenntnisse alles missverstanden hätten. Die Bitte um einen Schulwechsel wurde nicht erfüllt.

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