Hinweisschild zum Corona-Behandlungszentrum Jafféstraße auf dem Berliner Messegelände in Westend. Foto: Hannes Heine
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Mix aus „Krankenhaus und Feldlazarett“ Umbau einer Messehalle zu Berlins Covid-19-Zentrum gestartet

550 Ärzte meldeten sich bereits, um in der Coronavirus-Krise auszuhelfen. Zum ersten Ad-hoc-Zentrum soll ein weiteres hinzukommen.

Einige Handwerker schrauben schon, Stapelfahrzeuge, Vermesser und Wachleute sind auch da – aus Halle 26 auf dem Messegelände wird tatsächlich Berlins erste Klinik für Covid-19-Erkrankte. Die Stadt bereitet sich auf Tausende mit dem Coronavirus infizierte Patienten vor, wenn nötig sollen 500 von ihnen in dieser offiziell „Corona-Behandlungszentrum Jafféstraße“ genannten Halle versorgt werden.

Wann genau die Ad-hoc-Klinik eröffnen werde, sagte Projektleiter Albrecht Broemme bei einem Ortstermin am Mittwoch nicht, er blieb vage: „Im April“.

Mix zwischen "Krankenhaus und Feldlazarett"

Broemme war lange Zeit der Berliner Landesbranddirektor, danach für Jahre der Präsident des Technischen Hilfswerks – in der jordanischen Wüste hat er Flüchtlingslager aufbauen lassen. In Halle 26 soll ein Mix aus „Krankenhaus und Feldlazarett“ entstehen, wie Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) bei der Begehung am Mittwoch sagte.

Dieses Corona-Behandlungszentrum sei als Reserveklinik gedacht, sollten die regulären Krankenhäuser überlastet sein. Von den circa 20.000 Berliner Klinikbetten waren 2019 im Schnitt mehr als 80 Prozent dauerhaft belegt – eine Quote von 85 Prozent gilt medizinisch im Normalfall als Grenze guter Versorgung.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) und der frühere Landesbranddirektor Albrecht Broemme. Michael Kappeler/AFP Vergrößern
Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) und der frühere Landesbranddirektor Albrecht Broemme. © Michael Kappeler/AFP

Das zuständige Robert-Koch-Institut sieht einen exponentiellen Anstieg der Fallzahlen und warnt vor Überlastung des Gesundheitssystems. Angesichts der fortschreitenden Pandemie möchte der Senat vorbereitet sein. Noch in den ersten Märzwochen wirkte die rot-rot-grüne Koalition unentschlossen, sowohl interne als auch externe Abstimmungen betreffend. Zumindest im Gesundheitswesen läuft es nun besser.

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Senatorin Kalayci setzt dabei nicht nur auf Ex-Feuerwehrchef Broemme, sondern auch auf die Vorstandsvorsitzende der landeseigenen Vivantes-Kliniken, Andrea Grebe. Wie berichtet hatte die Internistin Grebe im Mai ihren Posten verlassen wollen, nun wird sie dem Senat an entscheidender Stelle durch die Krise helfen: Grebes Stab betreibt das Covid-19-Zentrum an der Messe, wird das Personal, die Arzneien und den Technikeinsatz koordinieren. Die Vivantes-Kliniken können eigene Mitarbeiter und Material nicht entbehren. Schon für die reguläre Versorgung sucht der kommunale Konzern selbst nach Pflegekräften.

Hunderte neuer Intensivbetten mit Beatmungsgeräten

Doch der öffentliche Druck zeigt offenbar Wirkung: Auch Berlin hat nachbestellte Beatmungsgeräte erhalten, zudem haben sich stadtweit 550 Ärzte und auch einige Pflegekräfte für Covid-19-Einsätze gemeldet – darunter Teilzeitkräfte, Rentner, selbstständige Niedergelassene. Ob das ausreichen wird, ist aber unklar. Kalayci, Broemme und Grebe sagten, man suche weiter. Berlins Krankenhausgesellschaft hat davor gewarnt, aus den anderen Kliniken dringend nötiges Personal abzuziehen. Nahezu alle Krankenhäuser haben zu wenig Pflegekräfte zur Verfügung.

Vivantes verfügte in seinen regulären Kliniken im Januar über 215 Intensivpflege-Betten mit Beatmungsgeräten, nun gibt es 300 solcher Spezialplätze. In den Kliniken der Stadt waren es insgesamt 1045 derartiger Betten, inzwischen gibt es unbestätigten Angaben zufolge 1500; mindestens 2000 solcher Betten sollen es werden. Entscheidend für die Zahl der Todesfälle wird sein, wie viele solcher Behandlungsplätze für Covid-19-Betroffene verfügbar sind.

Noch ist die Messehalle fast leer, bald werden Fertigbauwände eingezogen. In zehn Tagen könnte es im Gebäudeinneren schon wie einer Klinik aussehen, sagte Broemme. Jedes Bett bekomme eine Sauerstoffversorgung, 100 Betten auch die eingangs erwähnten Beatmungsgeräte. In der Ad-hoc-Klinik sollen vor allem leichtere Krankheitsverläufe versorgt werden; die schwersten Fälle kommen in die Charité.

„Wenn ein Bundesland intensivmedizinisch vorbereitet ist, dann Berlin“

„Was wir hier aufbauen“, sagte Broemme, „klappt weder in Containern noch in Zelten. Wir brauchten ein Gebäude.“ Auf dem Messegelände soll bald eine zweite Halle umfunktioniert werden, ebenfalls für bis zu 500 Betten. Nach Tagesspiegel-Informationen hatte der Senat auch andere Standorte für zusätzliche Covid-19-Stationen geprüft: Dabei wurde kurz erwogen, das Hotel „Estrel“ in Neukölln zu nutzen. Dies werde nun nicht erfolgen. Vivantes aber baut in seiner Klinik in der Pankower Fröbelstraße neue Betten auf, in denen infizierte Patienten behandelt werden sollen.

„Wenn ein Bundesland intensivmedizinisch auf die Corona-Pandemie vorbereitet ist, dann ist es Berlin“, sagte Ärztekammer-Präsident Günther Jonitz. Mediziner hatten zuletzt auch dem Tagesspiegel gesagt, die Corona-Spezialzentren würden am Ende nicht gebraucht – man solle lieber die regulären Kliniken aufrüsten. Jonitz sagte dazu, selbst wenn die Pandemie weniger gravierend verlaufen und Halle 26 nicht belegt werden sollte, sei es wichtig, diese Reserve gehabt zu haben.

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