Matze Hielscher, Gründer vom Blog „Mit Vergnügen" beim Kiezspaziergang in Berlin. Thilo Rückeis
© Thilo Rückeis

„Mit Vergnügen“-Gründer im Interview „Am meisten lerne ich durch die Geschichten der Anderen“

Mathias Hielscher spricht in seinem Podcast mit Promis über ihr Leben. Nun hat er ein Buch über deren Erfolgsrezepte geschrieben.

Seit Ende 2016 betreibt Mathias Hielscher, Mitbegründer des digitalen Stadtmagazins „Mit Vergnügen“, seinen eigenen Podcast „Hotel Matze“. Darin unterhält er sich mit Künstlern, Unternehmern und anderen interessanten Persönlichkeiten über ihre Geschichte, ihre Erfolge und Misserfolge. Ihn interessiert dabei, was seine Gesprächspartner bewegt und wie sie ihr Leben gestalten. Nach mehr als hundert Folgen hat der 40-Jährige in seinem Buch „Die Schule meines Lebens“ die besten Ratschläge seiner Gesprächspartner gesammelt. Der gelernte Lampenverkäufer und ehemalige Bassist der Band „Virginia Jetzt!“ kommt gebürtig aus dem Süden Brandenburgs und lebt mit seiner Familie in Prenzlauer Berg.

Herr Hielscher, in Ihrem Buch erzählen Sie, dass Sie schlecht in der Schule waren und gerade noch die mittlere Reife geschafft hast. Was hat Ihnen in der Schule gefehlt?
Schule war damals nicht inspirierend, bei mir auf jeden Fall nicht. Ich bin am Anfang in der DDR zur Schule gegangen und da gab es sowieso keine Augenhöhe. So ging es aber nach der Wende erst mal weiter, denn die Lehrer sind ja geblieben. Die Schulzeit war mit vielen Konflikten behaftet, ich hatte keinen Spaß am Lernen.

Vor allem gab es nicht das Gefühl, dass man zusammen mit den Lehrern und Eltern versucht, etwas zu schaffen, nämlich mich zu bilden. Ich hatte ziemlich schlechte Noten, mich deswegen oft zu doof dafür gefühlt. Es ist nicht so, dass ich nicht gelernt habe. Irgendwie hab ich die Sachen nicht so gut behalten können. Ich hatte sehr lange ein schlechtes Bild von der Schule und erhalte jetzt viele Nachrichten von Leuten, die das ähnlich empfunden haben.

Wie sind Sie damit umgegangen, als Ihr Sohn eingeschult werden sollte?
Mein Sohn geht auf eine Schule, die er sich mit ausgesucht hat, wo er sich wohl fühlt. Das ist auch für mich ein Stück weit Heilung. Ich sehe, dass sich wirklich was verändert hat. Ich erinnere mich an einen Satz, den die Lehrerin zu Beginn gesagt hat: „Wir reden miteinander, nicht übereinander!“ Das war wie ein heilender Balsam für mich.

In der letzten „Hotel Matze“-Folge erzählen Sie, dass sich die Lehrerin sogar mal bei Ihrem Sohn entschuldigt habe.
Ja, da war ich sehr beeindruckt. Hätte zu meiner Zeit niemals ein Lehrer oder eine Lehrerin getan. Da merke ich, dass Sachen aus der Vergangenheit positiv überschrieben werden.

Was würden Sie am heutigen Unterricht verändern wollen?
Ich erfahre die Schule als relativ praxisfern. Sie sollte aber viel näher am Leben sein. Es sollte viel mehr geübt werden, zwischenmenschlich mit Leuten klar zu kommen, zu diskutieren, auch mit Menschen, mit denen man nicht auf einer Wellenlänge ist. Ich finde es wichtig, dass wir viel mehr lernen, zu wissen, was wir eigentlich selbst wollen. Das sind Dinge, die mir in der Schule nicht beigebracht wurden.

Ich habe durch „Hotel Matze“ gelernt, dass ich am meisten durch die Geschichten von anderen Menschen lerne, durch ihr Erlebtes. Sie haben erzählt, wie sie Probleme angegangen sind. Daraus hab ich sehr viel gezogen. Wir stellen uns vor, der Sternekoch Tim Raue würde mal in die Schule gehen und ein bisschen was erzählen, wie ihn seine schwierige Kindheit geprägt hat und er sich trotzdem gefunden hat. Das geht vielleicht eher durch Menschen, die nicht den ganzen Tag in der Akademie verbringen, sondern die draußen im Leben sind und daraus erzählen können.

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Wie wählen Sie die Gäste für Ihren Podcast aus?
Ganz nach Interesse. In einem Jahr hatte ich mal viele Unternehmer, jetzt mehr Künstler, dann gibt’s mal mehr Politiker. Ich freu mich, wenn jemand zu mir kommt und sagt, ich hab Lust zu reden. Meine Lieblingsabsage kam von Wolfgang Joop: „Ich hab heute keine Lust.“ Manchmal ist das so, dann sollte man doch bitte kein Interview führen. Lieber eine Woche oder in dem Fall ein Jahr warten und dann macht man’s irgendwann und es wird großartig.

Sie schreiben im Buch, dass Sie manche Folgen wieder vergessen hatten. Welche haben Sie dagegen nicht mehr losgelassen?
Drei Gespräche: Die Schauspielerin Nora Tschirner sagte im Interview: „Man kann sich auch mit den guten Sachen übernehmen“. Das steht total für mich. Mein Vater arbeitet auf dem Bau und der hat am Ende des Tages ein Dach fertig gestellt. Aber ich hab nur das Internet vollgeschrieben. Danach kommt man nach Hause und hat nicht das Gefühl, was gemacht zu haben. Oder man macht das, was einem Spaß macht, also muss man viel davon machen. Das stimmt aber nicht, und das hab ich durch Nora gelernt.

Was sich auch total eingebrannt hat, ist Jürgen Vogels Ratschlag. Er sagte, man muss sich bei seinem Kind entschuldigen können und zwar ganz schnell und nicht erst, wenn das Kind alt ist. Das war in der Beziehung zu meinem Sohn ein Game Changer. Mittlerweile können wir uns sehr gut beieinander entschuldigen. Das finde ich sehr wichtig.

[„Die Schule meines Lebens – Weisheiten und Lebenstricks von ziemlich außergewöhnlichen Menschen“ von Matze Hielscher ist bei Piper erschienen und kostet 15 Euro.]

Und das dritte ist das besagte Gespräch mit Wolfgang Joop. Da kam so viel zusammen an dem Tag. Wir hatten uns Anfang dieses Jahres in seiner Villa in Potsdam-Bornstedt getroffen und bei Kaffee und Kuchen auf seiner Terrasse unterhalten, mit Blick auf das Schloss Sanssouci. Wolfgang erzählt mir von seiner ersten Panikattacke, bevor ich überhaupt dazu komme, meinen Rekorder anzumachen.

Er erklärt, wie er kreative Kraft schöpft und wie wichtig es ist, Illusionen über sich selbst aufzugeben – auch wenn es wehtut. Das Schöne ist, dass er so viel Tiefe hat in all der Oberflächlichkeit, die man so einem Modedesigner vielleicht mal vorwerfen könnte. Diese Szenerie, bei ihm zu sein, und dass er von seinem Unglück redet und seiner Verkanntheit – das hat mich schon sehr berührt.

Auf der Mit Vergnügen-Website nennen Sie sich „Nebenprojektjunkie“. Sie waren immer viel unterwegs, aber in Ihren Instagram-Stories klingt Ihr Leben aktuell eher ruhig.
Früher habe ich viele Projekte nebeneinander angefangen, wir hatten ja sogar mal den Club und die Eisdiele am Alexanderplatz mit „Mit Vergnügen“. Wir machen generell viel und immer viel parallel. Doch in diesem Jahr hat sich meine Arbeitsweise verändert. Ich bin insgesamt ruhiger geworden. Letzte Woche bin ich das erste Mal seit März wieder beruflich unterwegs gewesen, nach Köln. Das war ziemlich anstrengend, aber früher war das mein normales Tempo. Da gab es nur einen Abend die Woche, an dem ich Zuhause war.

Jetzt bin ich sieben Tage die Woche Zuhause. Und mir geht’s besser. Die Neugierde, die mich in all diese Projekte getrieben hat, wird heute mit dem Podcast bedient. Wolfgang, Nora, Jürgen: Das ist jedes Mal eine neue Reise irgendwohin und jedes Mal ein neues kleines Projekt. Aktuell darf ich mich mit dem Schriftsteller Joachim Meyerhoff beschäftigen. Wenn die Folge raus ist, ist das Projekt beendet.

Sehen Sie jetzt mehr von Berlin?
Ich sehe mehr meine Familie. Berlin eigentlich immer weniger. Ich muss gerade gar nicht wissen, ob es in Neukölln ein neues Restaurant gibt. Das empfehlen unsere Mitarbeiter. In der Coronakrise frage ich mich, wie lebenswert ist eine Stadt noch, wenn sie dir das, was sie verspricht, gar nicht mehr anbieten darf? Wenn Kultur und Unterhaltung kaum noch da sind.

Ich finde es toll, ins Restaurant zu gehen, das ist gar keine Frage. Aber ich möchte nicht an Orte gehen, wo ich mich wegen zu vieler Leute unwohl fühle. Durch die Krise hat sich mein Radius verkleinert und ich hab mein Tempo gedrosselt. Ich entdecke viel mehr Dinge in meiner Nachbarschaft.

Seit Kurzem gibt es einen weiteren Podcast mit Ihnen und Sibylle Berg. Werden Sie auch noch in fünf oder zehn Jahren Podcasts machen?
Ich glaube, ich werde das noch eine ganze Weile machen. Vielleicht gibt es technisch was neues in naher Zukunft, aber ganz ehrlich: das was ich mache, ist die älteste Unterhaltungsform, die es gibt. Da unterhalten sich zwei Menschen. Radio im Jahre 1950 war auch nicht anders. Nur das Medium ändert sich. Der Mensch wird für mich immer besonders und spannend bleiben.

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