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Eltern wollen Hinweise auf Missbrauch festgestellt haben - und seien in den beiden Kitas zunächst abgewimmelt worden, kritisieren sie. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
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Missbrauchsverdacht Sieben weitere Anzeigen gegen Kita-Erzieher in Berlin-Spandau

Die Vorwürfe gegen den 32-Jährigen häufen sich. Nun haben sich auch Eltern einer Einrichtung im Ortsteil Hakenfelde an die Polizei gewandt.

Der Fall des Erziehers, der im Verdacht steht, in einer Spandauer Kita Kinder missbraucht zu haben, weitet sich aus. Mit Stand von Mittwoch lagen gegen den Mann sieben weitere Anzeigen vor, die Eltern einer Kita in Spandau-Hakenfelde erstattet hatten, sagte Thomas Scheunemann, der Vorsitzende des Kreisverbands Spandau der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Zwei Anzeigen hatten zuvor schon Eltern der Kita in Staaken erstattet. Die AWO Spandau betreibt die beiden Kitas, es sind zwei von insgesamt sechs der AWO im Bezirk.

Der Erzieher, angestellt bei einer Leiharbeitsfirma, hatte von Mitte April bis Mitte Juni in der Kita in Hakenfelde gearbeitet. Was dem Erzieher in den Anzeigen genau vorgeworfen wird, konnte Scheunemann nicht sagen. „Wir kennen den Inhalt der Anzeigen nicht“, sagte er.

Anfang der Woche sind rund 20 Elternvertreter der Hakenfelder Kita vom Landeskriminalamt (LKA), einer Kinderschutz-Organisation und AWO-Vertretern informiert worden. „Es ging darum, die Eltern zu beruhigen und ihnen zu erklären, wie sie sich mit ihren Kindern altersgerecht und sensibel unterhalten sollen, so dass die Kinder nicht nachträglich einen Schaden erleiden“, sagte Scheunemann.

Bei diesem Treffen habe das LKA mitgeteilt, dass es bereits sieben Anzeigen von Eltern der Kita in Hakenfelde gebe, sagte Scheunemann.

„Eltern waren sichtlich beunruhigt“

Bei der Versammlung habe es keine Vorwürfe gegen die Erzieher der Kita gegeben, sagte der AWO-Kreischef. „Die Eltern waren aber sichtlich beunruhigt, nachdem sie erfahren hatten, dass der Erzieher auch an ihrer Kita gearbeitet hatte.“ Scheunemann sagte, er habe sofort bei der Leitung dieser Kita nachgefragt - er habe wissen wollen, ob es in der Zeit, in der dieser Erzieher dort tätig war, Beschwerden oder Verdachtsfälle gegeben habe. „Das war nicht der Fall“, sagte Scheunemann.

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Auch von den Elternvertreter hätte es bei der Versammlung keine Hinweise auf Vorfälle gegeben. „Es kann aber natürlich sein, dass jene Eltern, die Anzeige erstattet hatten, nicht anwesend waren“, sagte Scheunemann. Auch aus der AWO-Kita in Staaken seien keine konkreten Beschwerden von Eltern an die Kitaleitung herangetragen worden.

Allerdings erklärten Eltern inzwischen öffentlich, dass sie genau solche Hinweise durchaus gegeben hätten. Sie hätten bei ihren Kindern ungewöhnliches Verhalten festgestellt, in einem Fall auch eine Rötung im Intimbereich und dies auch dem Personal mitgeteilt. Der „B.Z.“ und der „Bild“ schilderten sie konkrete Fälle und Beispiele. Sie seien in der Kita aber abgewimmelt worden oder hätten harmlose Erklärungen erhalten.

AWO weist öffentliche Anschuldigungen scharf zurück

Scheunemann weist diese öffentlichen, konkreten Anschuldigungen scharf zurück. Eltern hätten lediglich von einem „unguten Gefühl bei diesem Typen“ gesprochen. Sie hätten aber dieses Gefühl auf Nachfrage nicht präzisieren können. So jedenfalls sei er von den Kitaleitungen informiert worden. Er selber habe auch bei Eltern nachgefragt und gebeten, sie sollten ihm Details der Vorwürfe schildern. „Aber bis jetzt haben wir beim Kreisverband keinen konkreten Fall auf dem Tisch.“

Die Kitaleitung habe nach den Hinweisen auf das „ungute Gefühl“ ein Gespräch mit dem Erzieher über das Spannungsverhältnis von Nähe und Distanz geführt und ihn zudem bei seiner Arbeit beobachtet.

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Die erste Anzeige gegen den Erzieher hätten Eltern, deren Kind in der Staakener Kita betreut wird, am 24. August gestellt. Beim Landeskriminalamt kam diese Anzeige aber wohl nur verzögert an.

Scheunemann sagte, die AWO und die Kitaleitung von Staaken seien am 31. August über die Anzeige informiert worden. Zu diesem Zeitpunkt war der reguläre Arbeitsvertrag des Erziehers mit der Kita in Staaken aber bereits ausgelaufen. Die betreffenden Eltern hätten die Kitaleitung nicht über die Anzeige informiert, sagte Scheunemann, weil das betreffende Kind inzwischen eingeschult worden sei.

Am 31. August erfolgte die zweite Anzeige

Am 31. August habe es eine zweite Anzeige gegen den Erzieher gegeben, wieder von Eltern der Kita in Staaken. Erst nachdem Eltern der Kita in Hakenfelde darüber informiert worden seien, dass der Erzieher auch an ihrer Kita gearbeitet hatte, habe es die sieben Anzeigen gegeben. „Vor dem 24. August gab es dort nie klare Beschwerden oder konkrete Hinweise auf Vorfälle“, sagte Scheunemann.

Er sieht sich inzwischen heftigen Vorwürfen von Eltern ausgesetzt. Der AWO wirft man vor, nicht sorgfältig genug Personal auszusuchen und Hinweise auf Verdachtsfälle nicht bemerkt zu haben. Am Mittwochnachmittag fand in Spandau vor beiden Kitas eine Demonstration statt, Motto: „Kinder schützen, nicht die Täter“.

Ob gegen den Erzieher schon früher wegen des Verdachts des Missbrauchs ermittelt wurde, ist unklar. Die Polizei gibt dazu keine Auskünfte. Die Kitas in Staaken und Hakenfelde sind derzeit geschlossen. „Unsere Mitarbeiter sind traumatisiert, weil sie massiv kritisiert werden und weil in ihren Einrichtungen so etwas vorgekommen sein soll“, sagte Scheumann, „das stecken die nicht so einfach weg. Wir müssen sie jetzt auch schützen.“ Möglicherweise würden die beiden Einrichtungen in der kommenden Woche wieder geöffnet.

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