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Missbrauch in Berliner Kinderheimen Senat zieht Bilanz über Heimkinder-Fonds

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Die Entschädigungsfonds für Heimkinder, denen Gewalt widerfahren ist, wurden geschlossen. Doch die Aufarbeitung muss weitergehen.

Die Senatsverwaltung für Jugend hat am Mittwoch eine Bilanz zu den am 31. Dezember geschlossenen Entschädigungsfonds für frühere Heimkinder vorgelegt. Insgesamt 72 Millionen Euro sind demnach  an mehr als 5700 ehemalige Berliner Heimkinder geflossen, die fragwürdige Erziehungsmethoden, Zwang und Gewalt erlitten haben und  in der DDR auch  in gefängnisähnlichen Einrichtungen eingesperrt waren. Im Schnitt wurden pro Person 9800 Euro für materielle Hilfen und 7000 Euro für Rentenersatzleistungen bezahlt. Die Antragsfristen für Fondsleistungen endeten 2014.

„Geld und Sachleistungen können das Unrecht und Leid nicht ungeschehen machen, das ehemaligen Heimkindern zugefügt wurde. Die Zuwendungen aus den Fonds können allenfalls zur Verbesserung ihrer heutigen Lebenssituation beitragen“, betonte Jugend-Staatssekretärin Sigrid Klebba (SPD). Das Ende der Fonds bedeute nicht das Ende der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Heimerziehung. Vielmehr müssten „Aufarbeitung und die kritische Reflexion verfehlten pädagogischen Handelns“ weitergehen, damit sich dergleichen nicht wiederholen könne.

Es gab in Berlin, ebenso wie in den übrigen Bundesländern, zwei Fonds: Rund 1350 Betroffene erhielten Geld aus dem Fonds Heimerziehung (West) und 4370 aus dem Fonds DDR-Heimerziehung. Die Betreuung der Fonds erfolgte in Berlin durch die Anlauf- und Beratungsstelle ehemaliger Heimkinder (ABeH).

Fonds dazu beitragen, erlittenes Leid anzuerkennen und Folgeschäden zu bewältigen

Die Fonds Heimerziehung in der Bundesrepublik 1949 bis 1975 und Heimerziehung in der DDR in den Jahren 1949 bis 1990 wurden 2012 in Folge des Runden Tisches Heimerziehung vom Bund, den Bundesländern und – im Fall des Fonds West – der Kirchen eingerichtet.

Sie sollten dazu beitragen, erlittenes Leid anzuerkennen und Folgeschäden zu bewältigen: „Viele ehemalige Heimkinder, die in Jugendhilfeeinrichtungen der frühen Bundesrepublik oder DDR Zwang und Gewalt erlebt haben, leiden bis heute an den Folgen“, hieß es am Mittwoch seitens der Jugendverwaltung. Vielen seien Bildungs- und Entwicklungschancen vorenthalten worden, für erzwungene Arbeit wurden keine Sozialversicherungsbeiträge bezahlt. Heute hätten Betroffene daher oft nur geringe Rentenansprüche.

Über den Fonds Heimerziehung (West) wurden in Berlin Leistungen für insgesamt rund 17 Millionen Euro vereinbart: Für materielle Hilfen wurden rund 13 Millionen Euro und für Rentenersatzleistungen rund vier Millionen Euro gezahlt. Über den Fonds DDR-Heimerziehung wurden Leistungen für insgesamt 55 Millionen Euro finanziert: Für materielle Hilfen wurden insgesamt 43 Millionen Euro bezahlt, für Rentenersatzleistungen 12 Millionen Euro.

„Kennzeichnend für die Umsetzung der Fonds in Berlin war, dass Betroffene von Anfang an eingebunden waren“, betonte Klebba. Die Tätigkeit der Beratungsstelle wurde durch einen Fachbeirat begleitet, dem neben Experten aus verschiedenen Bereichen der Jugendhilfe auch sechs Betroffene angehörten. „Neben der reinen Beratungs- und Vermittlungstätigkeit leistete die ABeH mit dem Fachbeirat einen wesentlichen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte der Heimerziehung. Zugleich war die Anlaufstelle ein wichtiger Treffpunkt für Betroffene“, hob die Staatssekretärin hervor.

Die Unterstützung soll nicht enden

Die Unterstützung für die Opfer soll jetzt aber nicht enden, sondern wird vom Nachfolgeprojekt „Treffpunkt, Beratungs- und Dokumentationsstelle für Menschen mit Heimerfahrung“ abgelöst. Träger ist der Verein ABH e.V, der von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern der ABeH gegründet wurde. Das Angebot für Menschen mit Heimerfahrung in Kindheit und Jugend umfasst unter anderem ein Café, Gesundheitskurse, Trauma- und Sozialberatung sowie Hilfe bei der Suche nach Angehörigen und eine Mediathek. Für das Nachfolgeprojekt stehen im Haushaltsjahr 2019 200.000 Euro zur Verfügung.

Das Land Brandenburg hatte bereits im Dezember eine Bilanz vorgelegt. Demnach hatten sich knapp 4300 Betroffene an die dortigen Anlaufstellen gewendet. 3530 Betroffene erhielten materielle Hilfen von bis zu 10 000 Euro und 1800 Rentenersatzleistungen für die Arbeit, die sie in den Heimen verrichten mussten.

Die Brandenburger Aufarbeitungsbeauftragte Maria Nooke, die die Anlauf- und Beratungsstelle in Potsdam leitete, sagte dazu: „Mit dem Fonds Heimerziehung in der DDR haben Bund und Länder deutlich gemacht, dass unsere Gesellschaft sich mit dem Leid und Unrecht auseinandersetzen muss, welches Kindern und Jugendlichen in den Heimen angetan wurde. In der DDR ging es nicht zuerst um Fürsorge, sondern um Umerziehung zum ‚sozialistischen Menschen‘.“

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