Jutta Herbst-Oheme (r.) mit Assistentin Elisabeth in der Berliner Stadtmission am Hauptbahnhof. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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"Menschen helfen!" Raus aus der emotionalen Kälte

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In der Ambulanz der Berliner Stadtmission finden Obdachlose dringend benötigte ärztliche Hilfe – und manchmal auch ein Bett. Versichert ist keiner von ihnen, und der Unterhalt kostet Geld. Jetzt bittet die Einrichtung dringend um Spenden.

Für unsere Jubiläums-Spendenaktion zu 25 Jahre „Menschen helfen!“ haben wir in der Runde 2017/18 insgesamt 58 soziale Projekte vor allem in Berlin und Brandenburg ausgewählt. Aber auch im Ausland helfen wir wieder, mit unserem traditionellen Partner Deutsche Welthungerhilfe. In unserer Spendenserie stellen wir ausgewählte Initiativen stellvertretend für alle anderen vor, für die wir die Leserinnen und Leser um Spenden bitten. Heute: die Ambulanz der Stadtmission, die Spenden für die Finanzierung von Pflegebetten für obdachlose Menschen benötigt.

Wladimir trägt nur dünne Schuhe, aber wenigstens ist er nicht mehr in der Kälte, draußen, vor der Tür mit den Glasfenstern. Wladimir hat Probleme mit seinen Füßen, es ist leicht zu erkennen, er geht so unrund. Aber jetzt muss er erstmal warten, andere sind vor ihm dran.

Außerdem sitzt er neben den Thermoskannen. „Willst Du Kaffee oder Tee?“, fragt Maja, die junge Frau, die ein Klemmbrett gegen ihren Oberkörper presst. Wladimir brummt irgendetwas, möglicherweise hat er es nicht verstanden, er ist aus Osteuropa, egal, er greift sich einen Plastikbecher mit Kaffee. Wäre diese Frage auch geklärt. Und Maja, die junge Frau, die hier in der Ambulanz der Stadtmission ihr freiwilliges Jahr absolviert, wendet sich an den nächsten Patienten.

Michail kreist mit der rechten Hand immer um seinen Bauch. Es geht ihm nicht gut, er steht mitten im Raum, er möchte jetzt gerne ins Behandlungszimmer. „Geht leider nicht“, antwortet Maja, „aber die Frau Doktor kommt sofort.“ Die Frau Doktor Jutta Herbst-Oehme behandelt hinter der Tür einen anderen Patienten, so schnell geht das nicht, also muss Michail sich erstmal auf die Bank setzen und warten. Er kommt auch aus Osteuropa, er trägt nur Sandalen ohne Socken. Damit könnte er nie in die Kälte raus.

Muss er auch nicht. „Er ist einer der Patienten aus den Pflegezimmern, die wir oben haben“, sagt Maja, die Helferin im weißen Kittel. Insgesamt vier Pflegebetten hat die Stadtmission über dem Warte- und dem Behandlungszimmer eingerichtet. Sie sind neu, sie sind für die Patienten da, die hohes Fieber haben oder aus anderen Gründen stationär aufgenommen werden müssen. Der Betrieb dieser Betten kostet aber Geld, und mit Spendengeldern aus der Tagesspiegel-Aktion „Menschen helfen!“ möchte die Stadtmission diese Betten finanzieren.

Seit Jahren steht die 62-Jährige im Behandlungszimmer in der Lehrter Straße

Diese Betten sind belegt von Menschen, die aus der meteorologischen und emotionalen Kälte kommen. „Wir haben hier nur obdachlose Menschen, die nicht versichert und oft auch noch alkoholkrank sind“, sagt Jutta Herbst-Oehme. Sie steht in einer kurzen Pause in der Kälte vor der Ambulanz, eine Fachärztin für innere Medizin mit einer eigenen Praxis in Dahlem. Die 62-Jährige hat die medizinische Versorgung der Notübernachtung der Stadtmission organisiert, seit Jahren, seit es die Ambulanz gibt, steht sie im Behandlungszimmer in der Lehrter Straße, in der Nähe des Hauptbahnhofs.

Zweimal pro Woche öffnet die Ambulanz, jeweils vier Stunden ist ein Arzt anwesend. Vier ehrenamtliche Mediziner teilen sich die Aufgaben, dazu kommen noch Schwestern und junge Menschen, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. „Besser wären mehr Sprechstunden", sagt Jutta Herbst-Oehme, „aber das ist derzeit nicht möglich.“

Die Klientel in der Ambulanz würde in Dahlem, in der Praxis von Jutta Herbst- Oehme, für Aufsehen sorgen. Schon vor der Eingangstür sitzen vier Menschen in verschlissenen Kleidern, die Spuren eines harten Lebens in den Gesichtern eingekerbt. Sie halten sich mühsam warm, mit Decken, Jacken, Mänteln. Sie haben Läuse, deshalb müssen sie in der Kälte warten, es geht nicht anders.

Aber immerhin, ihnen wird geholfen, mit einem enormen physischen Einsatz und mit viel Empathie. Rund 20 Patienten pro Sprechstunde werden hier versorgt, sie haben nicht bloß den üblichen Querschnitt an gesundheitlichen Problemen, sondern sind gezeichnet durch lebenstypische Krankheiten. Obdachlose liegen selten längere Zeit, meist sitzen sie oder stehen oder sie schlafen im Sitzen. „Dadurch können die Venen das Blut nicht mehr richtig zurückführen, es kommt zu Problemen“, sagt Jutta Herbst- Oehme.

Patienten, die so krank sind, dass eine Notfall-Medizin allein nicht reicht, die werden in die Pflegebetten , eine Etage höher geschickt. Für die Patienten sind diese Betten ein Segen. Hier können sie erstmal zur Ruhe kommen und sich auskurieren. Dinge, die für Normalsterbliche zum Alltag gehören, sind für Obdachlose Privilegien.

Die meisten Patienten kommen aus Osteuropa

Nur sind die vier Betten ständig belegt. Patienten, die trotzdem ein Bett benötigen, profitieren von dem Netzwerk der medizinischen Experten der Stadtmission. „Wir kooperieren sehr, sehr gut mit dem Bundeswehr-Krankenhaus, der Charité und dem Krankenhaus Friedrichshain“, sagt Jutta Herbst-Oehme. „Wir sind diesen Häusern sehr dankbar.“ Die Häuser gestatten vielen Patienten einen kurzzeitigen Aufenthalt.

Im Warteraum sind alle Sitzplätze belegt, osteuropäische Sprachen dominieren. „Zu 80 Prozent", sagt Jutta Herbst- Oehme, „kommen unsere Patienten aus Russland, Polen, den baltischen Ländern, Bulgarien oder Rumänien.“ Aber es gibt eine Schwester, die fließend russisch spricht, eine, die polnisch kann, eine, die auch bulgarisch und rumänisch zumindest teilweise beherrscht. Und zur Not fungieren Patienten als Dolmetscher.

Außerdem hat Jutta Herbst-Oehme ihre eigene Kommunikationstechnik entwickelt. „Man bekommt mit der Zeit einen Blick für bestimmte Dinge“, sagt sie. Und es gibt ja auch noch die Mimik. Trotzdem stößt sie ständig an Grenzen. Wie soll sie mit Gesten klarmachen, dass sie wissen will, wann der Patient zum ersten Mal bewusstlos wurde? Oder wann die Operation stattfand, bei der diese Narbe zurückblieb. Aber irgendwie schafft man es doch, mit Dolmetschern, mit viel Mühe, irgendwie, es muss ja weitergehen.

Sie will es so. Sie will zeitweise raus aus ihrem klar geordneten Alltag, rein in die Welt der rauen Gesetze. „Mit diesem Job in der Ambulanz“, sagt sie, „verliert man nicht den Bezug zu dieser Welt.“ Den engen Kontakt zu dieser Welt, den hat sie zum Beispiel, als Michail dann doch noch in ihr Behandlungszimmer kommt.

Das Spendenkonto der neuen Aktion 2017/18, die am 1. Advent gestartet ist: Empfänger: Spendenaktion Der Tagesspiegel e.V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse, BIC: BELADEBE, IBAN: DE43 1005 0000 0250 0309 42. Bitte Namen und Anschrift für den Spendenbeleg notieren. Auch Online-Banking ist möglich.

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