Irina Rosanowski (1981-2018) Foto: Jan Sobottka
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Mein lieber Freund Krebs... Wenn ich sterbe, stirbst auch Du!

Der Nachruf auf Irina Rosanowski, geb. 1981, die Bewunderer hatte, auch Fürsprecher, aber keinen Galeristen. Und die Heilung suchte, überall.

Sie wollte sich immer schon ein Bild machen von dem, was ist, und von dem, was nicht ist. Von der Liebe, dem Grauen, der Hoffnung, dem Leiden, dem Glück, dem Unaussprechlichen. So viele Bilder, die sie malte, herzeigte, für die sie Lob erntete und Unverständnis, Häme und Beifall. All das, aber keinen Ruhm. Kein Galerist, der sich um sie bemüht hätte. Kein Kritiker, der auf sie aufmerksam wurde. Kein Sammler, der ihr großzügig den Unterhalt sicherte. Bewunderer ja, Fürsprecher, Männer, die sich ihr andienten, Versprechungen machten, Männer jeden Alters, weil sie schön war, eine Erscheinung, Muse, Undine. Männer schmückten sich mit ihr, und Frauen. Irina zeigte sich gern, tanzte auf allen Hochzeiten, fand selbst nie den Richtigen, empfand schon die Frage als Zumutung, aber nicht den Wunsch, die Sehnsucht nach einer eigenen Familie hegte sie selbst zuweilen.

Dann kam Karl. Karl war kein Mann, kein Ding, kein Dämon. Karl war ein Märchen aus dem Buch der dunklen Träume. Es war einmal ein Tumor, der hieß Karl. Der war so träge, dass ihm selbst das rasante Wachsen zu anstrengend erschien. Glücklicherweise! Er lebte am Ende einer sechsunddreißigjährigen Speiseröhre, genaugenommen an dem Muskel zwischen Magen und Speiseröhre. Warum er genau diesen Ort wählte, bleibt ein Rätsel. Kurzzeitig entschloss er sich dazu, sich fortzupflanzen. Ohne Frau. Seine kleinen Kinder quartierte er im Bauchfell ein.

Karl war die Heimsuchung, der Fluch, das Unaussprechliche, dem sie im Tagebuch ihrer Krankheit die Macht über sich entreißen wollte: Krebs-Komödie. Wie meine Krankheit mir das Leben neu erklärte. Karl zwang sie, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Er hat mir eine Brille auf die Nase gestülpt, nach der ich nie fragte. Dennoch: Dank Karl konnte ich wieder, (Achtung, jetzt wird’s pathetisch!), die Schönheit des Lebens sehen, ja, den Glanz im Scherbenhaufen. Karl brachte wahnsinnig viel Bewegung in meine Gedanken und drückte die Knöpfe für extreme Gefühle: Von aschgrauer Todesangst bis zitronengelber Euphorie. Ich kann nicht behaupten, dass ich dankbar für die Krankheit bin. Nein.

Ein Naturkind, den Elfen näher als den Menschen

Warum auch? Ihr Leben war glücklich gewesen. Irina kam aus dem Wald. So empfand sie es immer. Ein Naturkind, den Elfen näher als den Menschen, ihren Träumen verpflichtet und nicht dem Alltag. Sie hat sich gern treiben lassen, denn alles schien im Fluss. Sie kam vom Lüneburger Land, ging nach Berlin, bezog eine kleine Wohnung, die zugleich Atelier war, und malte, was sie sah: Meine Kunst ist in mir, ich brauch das Außen nicht. Sie hat nie das Gespräch gesucht: Wie findest du das?

Hinter dem Tor der Unmöglichkeit war das Terrain, auf dem ihre Einbildungskraft immer neue Traumlandschaften schuf. „Bevor es begann“, „Das Denken, und das Grübeln“, „Ein Grünes Sonstwo“, so die Titel ihrer Bilder, vor denen sich andere verwundert die Augen rieben: Ich sehe das, was du nicht siehst. War sie glücklich mit dem, was sie sah? Auf ihrer Homepage ist zu betrachten, was sie in den Wald lockte, ein seltsamer, schrecklich-schöner Zauber. Und plötzlich gewann er die schlimmste aller Gestalten. Es war Sommer. Ich war Winter: Diagnose Speiseröhrenkrebs. K.R.E.B.S.: K wie Krüppel. R wie Reue. E wie Ekel. B wie Bangen und S wie Scheiiiiiiiiiiiiße.

Wer krank ist, sucht Heilung. Überall. Aber das Diagnosetrauma lähmt den Verstand; wer kann dann noch geradeaus denken? Die Ärzte sind zur Stelle, der Therapieplan steht, die Logik der Gesundung, alles geht seinen Gang. Aber sie willigte nicht ein. Ich habe mich längst entschieden. Und zwar dagegen – gegen Chemotherapie. Ein Kind des Waldes trinkt kein Gift. „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift sei“, lehrt Paracelsus. Aber Irina misstraute den Ärzten, ihren Verkaufsgesprächen, ihrer Berufsempathie, ihrem medizynischen Gehabe.

Sie suchte nach anderen Wegen, befragte Heilpraktiker, Alternativmediziner, konsultierte Dr. Google. Sie präsentierte Angelesenes, falsche Zahlen, Gerüchte, Wundergeschichten aus den Foren. So viele Kronzeugen sagen gegen die Schulmedizin aus. Selbst ein zweifacher Nobelpreisträger, Linus Pauling, der für seine „Biologische Krebstherapie“ hochdosiertes Vitamin C empfiehlt. Ruhelos starrte sie auf das Minidisplay ihres Handys, stöberte im Fundus der Chatrooms nach neuen Erklärungen. Zaubern können wäre so schön. Dem Hörensagen trauen dürfen, der Wünschelrute der Hoffnung.

Wer weiß es besser? Wem vertraue ich? Mir, mir selbst. JA, ICH WILL leben! Jetzt erst recht. Das Unmögliche: Nein, unvorstellbar war der Abgang. Zu früh! Der stärkende Zusammenhalt war ja da: Glücklicherweise hatten meine Eltern und engste Freunde eine ähnliche Vorstellung über den Ausgang. Ja, und bestimmt steckten sie mich durch ihren unerschütterlichen Glauben an, besonders in jenen apokalyptischen Tagen. Trotzig wie Kinder ignorierten wir solidarisch die Prognosen der Ärzte. Das tat gut! Das war gut! Das war wichtig! Und richtig!

Keine Zeit für Unwichtiges

Aber der Zusammenhalt bröckelte. Das Monologisieren wurde übermächtig. Die Zwiegespräche mit meinem Tumor, manchmal lustig-leicht, dann wieder tot-ernst. Mit seiner Krankheit, seinem Krebs, Kontakt zu halten, ist zumindest eine Strategie, um monströse Ängste zu bändigen: Mein lieber Freund Krebs, wenn ich sterbe, stirbst Du auch.

Was die anderen sehen, fühlen, reicht doch nie heran an die eigenen Ängste. Sie hatte keine Zeit mehr dafür. Für Unwichtiges. Abwehren. Einigeln. Die Borsten haben bedauerlicherweise die Wohlwollenden um mich herum gepiekt. Das wollte ich nicht. Wirklich nicht. Igel kommen ohne Borsten zur Welt, die allmählich wachsen, so als wüsste das junge Tier um die plötzlichen Gefahren des Lebens … Und ich, der erwachsene, kranke Igel, kugele mich bis auf Weiteres ein, eben so lange bis die unsichtbare Bedrohung vorbeigezogen ist. Egal wie lange es dauert. Kein Druck, kein Anflug von Schuldgefühl!

Sie musste alle Kraft für sich selbst aufsparen. Ich erwartete von meinen engsten Menschen zu viel: Ich hatte den Eindruck, dass ich sie aufbauen musste, sie stabilisieren, damit sie mich auffangen konnten (und nicht anders herum).

Noch gab es so viele Mittel der Stärkung. Das Ende endlos hinauszögern. Der Tod ist das geringste Übel. Der Übergang ist das Entscheidende. Wie wollen wir sterben? Ab welchem Zeitpunkt wird überhaupt vom Sterben gesprochen? Wenn die Ärzte prognostizieren, dass man nur noch zwei Monate zu leben hat, beginnt dann die Sterbezeit? Sich selbst zum Alltäglichen ermuntern. Trinken. Essen: Es war immer so verdammt demütigend, wie ich vom Wesentlichen abgehalten wurde: Vom Essen! Sich selbst ermuntern, den Ärzten zu trauen. Denn letzten Endes war es die Schulmedizin, die im akuten Fall mein Leben gerettet hat. Ja, gerettet! Sowohl die Nahrungs- und Wasserinfusionen als auch das Legen der Magensonde war ein Segen. Die Ärzte retteten sie vor dem Verhungern. Aber konnten sie auch heilen?

Ich schiele gerne an der angeblichen Realität vorbei, lasse noch viel lieber die kalten Fakten, die schwarz auf weiß gedruckten Befunde in meine imaginäre Mülltonne plumpsen, so als wäre nichts geschehen, so wie das kleine Kind, das die Augen schließt und glaubt, nun unsichtbar zu sein. Möglicherweise ist diese von mir selbst entwickelte Strategie leichtsinnig. Und es ist genau das, was ich brauche: Leichtigkeit!

Sie versuchte alles. Sie ließ sich vom Lakhovsky-Multiwellen-Oszillator bestrahlen. Sie unterzog sich einer Parasitenkur. Nahm Nahrungsergänzungsmittel in wechselnden Rezepturen. Schöpfte Hoffnung aus dem Licht, aus dem Tun ihres Hypnosetherapeuten. Sie besorgte jedes Mittel, bezahlte viel Geld, verdrängte alle Zweifel. Sie versuchte das Einatmen von Blütenstaub und das Schlucken der ätzenden MMS-Brühe, sie malte, und sie meditierte, und sie machte sich schön, wann immer sie sich zeigte. Die Ärzte gerieten ins Staunen: „Wieso leben Sie eigentlich noch?“ Da brach es aus ihr heraus: „Weil ich will!“

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