Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Erfolgreiche Investorinnen unterstützen jetzt Gründerinnen. (Symbolfoto) FrédéricxCirou/ IMAGO / PhotoAlto
© FrédéricxCirou/ IMAGO / PhotoAlto

Mehr Geld für weibliche Start-ups Berliner Erfolgsfrauen helfen mutigen Gründerinnen

60 Investorinnen fördern im neuen Netzwerk „encourageventures“ gezielt weibliche Start-up Gründungen. Investorinnen aus Berlin erklären das Konzept.

Wer sagt, dass Frauen nicht groß denken können? Wären Unternehmerinnen sichtbarer, wäre das offensichtlich. Stattdessen werden sie oft unterschätzt. Das soll sich ändern. Vergangene Woche hat sich in Berlin virtuell das Netzwerk „encourageventures“ konstituiert. Es sollte ein Schritt sein in Richtung mehr Diversität beim geschäftlichen Erfolg.

Die Gründerinnen-Szene und die Investorinnen-Landschaft stellt sich neu auf. Mehr als 60 Investorinnen haben sich in den letzten Monaten zusammengefunden, um die ganzheitliche Begleitung von Start-ups, an denen mindestens eine Frau beteiligt ist, von der Idee bis zum Börsengang zu organisieren. Laut Boston Consulting Group generieren von Frauen geführte Start-ups für jeden investierten Dollar 78 Cent Umsatz – Männer hingegen nur 31 Cent, heißt es in einer Mitteilung dieses neuen Vereins.

Geplant ist unter anderem der Aufbau eines 100 bis 200 Millionen All-Female-Growth-Fonds in Zusammenarbeit mit der Beteiligungsgesellschaft Auxxo, um Gründerinnen gezielt zu mehr Erfolg zu verhelfen. Auf globaler Ebene gebe es bereits Frauennetzwerke.

„In Europa und Deutschland kennen wir etwas Vergleichbares nicht“, sagen die Unternehmerinnen Stephanie Bschorr und Anna Kaiser, die in Berlin zu den Mitgründerinnen von encourageventures gehören. „Die Resonanz war immens, die Liste der Interessentinnen wurde immer länger.“

[Konkret aus Ihrem Kiez, mit Tipps, Terminen, Bezirksnachrichten: Die 12 Tagesspiegel-Newsletter für jeden Berliner Bezirk gibt es jetzt kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de]

Jetzt kostenlos bestellen

Ein erstes virtuelles Pitch-Event im April, bei dem alle Bewerberinnen jeweils zehn Minuten Zeit hatten, sich vorzustellen, sei jedenfalls sehr erfolgreich gewesen. Dabei habe es bereits Zusagen für Investments gegeben. Der Bedarf ist da: Rund 95 Prozent der Investoren seien bislang Männer, sagen die Unternehmerinnen.

Männer geben Männern

Da sei es kein Wunder, dass der Großteil der Investitionen auch an Männer gehe. „Männer“, sagt Anna Kaiser, „geben leichter Geld an Männer.“ Ihr eigenes Unternehmen Tandemploy, das eine Software für flexible Arbeitsmodelle und neue Kollaborationsformen anbietet, hat offenbar sehr von der Investition durch Stephanie Bschorr profitiert. Da gehe es nicht nur um Geld, sondern auch um Mentoring oder Coaching.

Anna Kaiser. C. Stumpp Vergrößern
Anna Kaiser. © C. Stumpp

Das Ellbogenprinzip hat bei diesem Netzwerk keinen Platz. Es geht darum, andere Fragen zu stellen als Männer, einen anderen Blick auf die Gründerinnen zu entwickeln. Anna Kaiser nennt dazu ein Beispiel aus ihrer Erfahrung: „Wirklich passiert beim Bemühen um Investitionen: Eine Gründerin pitcht ihre Idee via Mail bei einem Investor und erhält keine Antwort. Ihr Kollege schreibt die gleiche Mail und erhält sofort Feedback.“

Martina Pfeifer. M. Wajda Vergrößern
Martina Pfeifer. © M. Wajda

Umfassende Begleitung

Die 37-Jährige spricht voller Enthusiasmus von ihrer ersten erfolgreichen Gründung nach manchen Versuchen als Studentin. Mit Stephanie Bschorr als Investorin profitiert sie nun von der umfassenden Begleitung durch das neue Netzwerk: „Es ist so wichtig, dass man auch mal jemanden anrufen und um Rat fragen kann.“ Genau das hat Stephanie Bschorr vermisst, als sie vor 30 Jahren ihr Unternehmen gründete.

Alexa Gorman. Steven Lüdtke Vergrößern
Alexa Gorman. © Steven Lüdtke

Bei der Bank fragte man sie damals wiederholt, ob ihr Mann denn bürgen würde für das junge Unternehmen. „Was hat mein Mann damit zu tun?“, fragte Bschorr. Und wechselte die Bank, weil ihr dieser Ansatz zu dumm war. Sie musste sich durchbeißen, viele Klippen im Alleingang umschiffen und will jetzt mithelfen, dass junge Gründerinnen sich ganz aufs Geschäft konzentrieren können.

[Die Webseite des Investorinnen-Netzwerks finden Sie unter diesem Link: www.encourage-ventures.com]

Ina Schlie. Markus Winter Vergrößern
Ina Schlie. © Markus Winter


Dumme Fragen stellen

Die Fallen kennt sie gut. „Oft hakt es beim Vertrieb, auch wenn die Idee noch so gut ist.“ So vieles könne schief gehen. Es sei wichtig, jemanden zu haben, dem man auch mal vermeintlich dumme Fragen stellen kann. 

„Frauen wirtschaften erfolgreicher und nachhaltiger als Männer, das belegen Studien von BCG und McKinsey. Trotzdem sind nur wenige sichtbar, wenn sie gründen.“ Das kann auch mit verschiedenen Umgangsformen zusammenhängen.

Stephanie Bschorr. Manu Wolf Vergrößern
Stephanie Bschorr. © Manu Wolf

Die Berliner Unternehmerinnen kennen die Unterschiede genau, die manche Multiaufsichtsrätinnen erleben, wenn sie nach einem Tag voller Meetings am Abend mit den Frauen von „encourageventures“ zusammenkommen. Wenn sie davon erzählen, klingen sie geradezu begeistert.

„Alle lassen sich ausreden, in kurzer Zeit kommt ein strukturierter Zehn-Punkte-Plan zusammen, man begegnet einander auf Augenhöhe.“ Und das Beste sei, resümiert Stephanie Bschorr: „Niemand muss sich selbst darstellen, alles läuft pragmatisch und lösungsorientiert und unprätentiös ab.“ Männer, so sieht sie es, „orientierten sich eher an Zahlen, Frauen eher an der Persönlichkeit der Gründerin, daran, wie überzeugend sie ihre Geschäftsidee vertritt“.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Alexa Hergenröther. K+S Vergrößern
Alexa Hergenröther. © K+S

Mehr Geschäftsführerinnen

Anna Kaiser ergänzt, dass Frauen eher solche Fragen stellen: „Was wollt ihr? Was ist euer Ziel? Wo wollt ihr hin?“ Von einer Frau käme niemals die Frage, wie die Gründerin das alles mit zwei Kindern schaffen will. Letztlich ginge es auch darum, über diese Schiene mehr Geschäftsführerinnen in große Unternehmen zu bekommen. 

Stephanie Bschorr erinnert sich, wie sie im letzten Herbst den Anruf der Initiatorin des neuen Netzwerks, Ina Schlie, vormals SAP, erhielt, die ihr Anna Kaisers Projekt ans Herz legte. „Ich stand auf der Wilmersdorfer Straße in der Sonne und wusste, dass ich diesem Rat vertrauen kann.“ Vertrauen spielt eine große Rolle in dem neuen Netzwerk.

In der 55-jährigen Steuerberaterin und Anwältin hatte die 37-jährige Anna Kaiser ihre perfekte Sparringspartnerin gefunden und gleichzeitig eine sprudelnde Quelle nützlicher Ratschläge. Tandemploy ist inzwischen erfolgreich. 

Jetzt gehört Anna Kaiser selbst zu den Investorinnen. Mit dabei sind unter anderem noch Alexa Gorman von SAP, Sigrid Nikutta, Vorstandsvorsitzende der DB Cargo AG, TV-Moderatorin Astrid Frohloff und Vermögensverwalterin Angela De Giacomo.

Die Aufbruchsstimmung spürt man schon durchs Telefon. „Deutschland investiert immer noch nicht in Innovationen“, sagt Stephanie Bschorr. „Wer in Zukunft erfolgreich sein will, kommt an Gründerinnen nicht vorbei. Mit unseren Investments gehen wir schon mal vor.“ Sigrid Nikutta hebt besonders die offene Diskussionskultur hervor „und die 100-prozentige Bereitschaft, mit den Gründerinnen die Extrameile zu gehen“.

Zur Startseite