Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Ein Runder Tisch mit Experten hat einen Plan zur Zukunft der Friedhöfe am Halleschen Tor erarbeitet. Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

Mehr als nur Grabesruhe Berliner Innenstadt-Friedhöfe könnten als Parks genutzt werden

Historische Gebäude könnten für Gastronomie und Wege für Radverkehr genutzt werden, findet eine Stiftung. Selbstverständlich unter Wahrung der Pietät.

Dürfen Friedhöfe auch Lebensräume sein? In einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen die öffentlichen Grünflächen im Berliner Stadtgebiet teilen müssen, kann man auf die Idee kommen, die Nutzung von Friedhofsflächen als reine Grabstätten zu überdenken. Ein Konzept zur Aufwertung und Belebung der Kreuzberger Friedhöfe am Halleschen Tor hat nun die „Stiftung Zukunft Berlin“ vorgelegt. Das Zehn-Punkte-Papier nimmt auch Bezug auf die Entwicklung umliegender Gebiete wie dem Dragoner-Areal.

Bessere Zugänge mit einer Öffnung der Wege für den Radverkehr, Gastronomie in historischen Verwaltungsgebäuden oder ein barrierefreier Rundweg zu Grabmalen berühmter Persönlichkeiten – das sind nur einige der Punkte, die im Zukunftskonzept zur Entwicklung der historischen Friedhöfe stehen. Die Vision: Die Friedhöfe sollen „nach innen gestärkt, nach außen zugänglich und so noch mehr zu einem aktiven Teil der Stadtlandschaft werden.“ Selbstverständlich immer unter Wahrung der Totenruhe und der Pietät.

Der Zehn-Punkte-Plan bezieht sich auf fünf der sechs Friedhöfe am Halleschen Tor – insgesamt rund 55 000 Quadratmeter Fläche. Namentlich sind es die Friedhöfe I-III der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde, der Friedhof I der Dreifaltigkeitsgemeinde und der Friedhof der Bethlehems-/Böhmischen Gemeinde. Sie liegen zwischen Mehringdamm und Zossener Straße.

Viele berühmte Persönlichkeiten liegen dort begraben, unter anderem der Schriftsteller E.T.A Hoffmann, der Dichter Adelbert von Chamisso, 28 Mitglieder der Berliner Familie Mendelssohn und der Milieu-Maler Kurt Mühlenhaupt. Die Gräber sind von Moos und Efeu überwachsen, verzierte Eisengitter rosten vor sich hin. Angelegt wurden die Friedhöfe zu Anfang des 18. Jahrhunderts – damals noch außerhalb des Stadtgebiets.

Heute liegen sie in der Berliner Innenstadt und laut Stiftung Zukunft Berlin sind viele der bedeutenden Baudenkmäler auf den Friedhöfen von Verfall und Vandalismus bedroht. Das sollte künftig anders werden – mit denkmalgerechten Sanierungen wichtiger Erinnerungsorte und Nachpflanzungen zum Erhalt des geschützten Gartendenkmals. Das Konzeptpapier ist auch eine Aufforderung an den Senat für die nächste Legislaturperiode.

Der Bezirk nimmt nicht mehr teil

Der Zehn-Punkte-Plan ist das Ergebnis zweier Runder Tische im Rahmen des „Berlin Forums“, einer Plattform städtischer Akteur:innen zur Entwicklung Berlins im 21. Jahrhundert. Man habe alle Zuständigen, Betroffenen und Fachleute miteinbeziehen wollen, die etwas mit der Entwicklung der Friedhöfe und des umliegenden Stadtraumes zu tun haben, erklärt die ehemalige Justizstaatssekretärin und Mitglied des Forums, Birgit Grundmann. Neben der Stiftung sind es zehn Akteur:innen aus dem Bereich Kirche und Friedhöfe, aber auch anderer Institutionen umliegender Quartiere. Nur der Bezirk habe trotz Einladung beim zweiten Treffen nicht mehr teilgenommen.

Als Grund dafür teilte das Bezirksamt auf Nachfrage mit, man beteilige sich nicht „an Prozessen, die eine Bebauung von Friedhofsflächen im Bezirk ins Auge fassen“. Gemeint ist Punkt neun des Plans, der die Möglichkeit einer Bebauung benennt. Dabei geht es um eine Fläche im Nordwesten, die beim Ausbau der Blücherstraße in den 1960ern an den Friedhof ging, aber nicht Teil des Gartendenkmals ist.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Laut Stiftung Zukunft Berlin gab es bei den Vorbereitungen zur Erweiterung der Zentral- und Landesbibliothek auch eine Anfrage des Bezirks hinsichtlich einer möglichen Bebauung auf dieser Fläche. Aktuell wolle der Bezirk aber ausnahmslos „ein ‚Mehr' an Grün und Entsiegelung“ sowie „mehr Artenschutz und Klimaresilienz“ auf den Friedhofsflächen umsetzen.

Zu diesem Zweck habe man mit dem Träger und Verwalter der Friedhöfe, dem Evangelischen Friedhofsverband Berlin Stadtmitte (EVFBS), im März 2021 die Kooperationsvereinbarung „Friedhöfe – Grüne Orte der Stille, des Klimaschutzes und der Artenvielfalt in Friedrichshain-Kreuzberg“ geschlossen. Zur Umsetzung des Programms stehen etwa eine halbe Million Euro Fördergelder aus dem Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm (BEK) zur Verfügung.

Kein konkreter Bebauungsvorschlag

Der Friedhofsträger EVFBS arbeitete im Gegensatz zum Bezirk am Zehn-Punkte-Plan der Stiftung Zukunft Berlin mit und habe „hierbei keine Bedenken, da es um ein Konzept und nicht um einen konkreten Bebauungsvorschlag geht“, sagt Geschäftsführer Tillmann Wagner. Die friedhofsrechtlichen Fristen seien ohnehin sehr lang und eine Bebauung vor 2036 nicht möglich.

Neben dem Friedhofsträger, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und dem Landesdenkmalamt, haben nicht nur Akteur:innen am Konzept mitgewirkt, die man sofort mit den Friedhöfen verbinden würde. Auch Institutionen und Aktive umliegender Quartiere wie die Zentral- und Landesbibliothek Berlin und Aktive des sogenannten Dragoner-Areals (Rathausblock) waren an der Entstehung beteiligt. Diese nachbarschaftliche Zusammenarbeit passt zu einem der großen Ziele des Papiers: die Einbindung der Friedhöfe in das städtische Umfeld.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

„Durch große Straßen werden Gebietsinseln geschaffen, die im Grunde zusammen betrachtet werden müssten“, sagt Enrico Schönberg, der sich seit vielen Jahren beim Vernetzungstreffen Rathausblock für die Entwicklung des Dragoner-Areals engagiert. Er findet, der Runde Tisch sollte für eine übergreifende Planung der Gebiete genutzt werden. Doch die gewünschte Multifunktionalität der Kreuzberger Friedhöfe ist noch Zukunftsmusik, genauso wie das Zehn-Punkte-Papier eine erste Version ist, Friedhöfe und künftige Stadtentwicklung gebietsübergreifend zu denken.

Unklar ist zudem, welche Summe zur Umsetzung des Zehn-Punkte-Plans überhaupt benötigt würde. Erwähnt werden Gelder vom Bund: insgesamt 23,5 Millionen Euro, die dem Evangelischen Friedhofsverband zustünden – allerdings für 26 Friedhöfe in einem Zeitraum von zehn Jahren. Die Stiftung hofft auf eine Kofinanzierung durch den Senat und privates Sponsoring.

Zur Startseite