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Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne). Foto: picture alliance/Stephanie Pilick/dpa
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Martenstein über Kreuzbergs Bürgermeisterin Kritik kommt auf den Stapel „Ihr könnt mich mal“

Unser Kolumnist wirft Kreuzbergs grüner Bürgermeisterin Monika Herrmann vor, mit zweierlei Maß zu messen. Eine Glosse.

Wenn ich aus dem Urlaub zurück bin, schaue ich immer erst mal, was im heimischen Kreuzberg so los ist. Aha, die emsige Stadtguerilla hat mal wieder Autos angezündet, Stücker zehn. Eines stand vor der Erdgeschosswohnung eines Schlaganfallpatienten, der im Falle eines Brandes nicht hätte fliehen können. Wenn einer sein Auto beruflich braucht, womöglich einen Kredit aufgenommen hat und noch dazu schlecht versichert ist, kann so ein Feuerchen einer Existenzvernichtung nahekommen. So weit: alles wie immer.

Die Bürgermeisterin Monika Herrmann verurteilt offiziell die Brände scharf und in gewohnter politischer Korrektheit („Täter*innen“). Dann wird sie im Netz gefragt, was sie gegen diesen Teil der Berliner Folklore unternehmen will. Ihre Antwort: „Das xhainer Sonderkommando ist den Tätern auf der Spur. Sobald sich der Verdacht bestätigt, wird unsere bezirkliche Spezialeinheit den Zugriff auslösen. Die Gefängnisse im Rathaus stehen bereit. Unser Gericht wird harte Strafen verhängen. Dann ist endlich Schluss damit!“

Sie wollte wohl ausdrücken, dass sie für die Strafverfolgung nicht zuständig ist. Das hätte man weniger sarkastisch sagen können, klar. Aber ich bin die letzt*in, die aus einem unbedachten Tweet ein Riesending machen würde. Die Betroffenen sind natürlich wütend. Herrmann wird Arroganz und Häme vorgeworfen, nicht ganz zu Unrecht, auch klar. Wie reagiert sie?

Kritik wird gern mit dem Hinweis "rechts" stigmatisiert

Herrmann wirft, im Aggro-Modus, ihren Kritikern vor, auf „rechte Polemisierung“ zu reagieren und Werkzeuge von „Rechten, Konservativen, AfD und Rechtsradikalen“ zu sein. Das ist ja bekanntlich alles das Gleiche, obwohl man’s in der Schule anders gelernt hat, als noch Faschos wie Brandt und Schröder regierten. Aber was, bitte sehr, ist daran rechts, wenn man nicht in seiner Wohnung verbrennen möchte? Der Fragesteller, auf den sie so schnippisch reagiert hat, soll laut Angaben einer Konkurrenz-Zeitung allerdings einer von den Gutbürgern sein, er postet unter „#fckafd“.

Was lernt man daraus? Erstens, dass bei uns mit zweierlei Maß gemessen wird. Denn wenn (echte) Rechtsradikale vor einem Flüchtlingsheim Feuer gelegt hätten und wenn eine Politikerin daraufhin sinngemäß geäußert hätte, dass ihr dies am Allerwertesten vorbeigeht, dann wäre beides sicher ein Riesending gewesen, mit Potenzial für den „Spiegel“. Nun waren die Täter halt vermutlich links und die Opfer womöglich alte weiße Männer, so what.

Zweite Lehre: Kritik, auch von fast jedem nachvollziehbare Kritik, wird gern mit dem Hinweis „rechts“ stigmatisiert und auf dem Stapel „ihr könnt mich mal“ abgelegt. So hat man es übrigens auch in der DDR gemacht. Wer sich zu irgendwas kritisch äußerte, war damit automatisch ein Konterrevolutionär.

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