Wenn der Zug kommt, ist er oft voll. Der öffentliche Nahverkehr funktioniert oft nicht so wie es sich die Berliner wünschen. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
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Martenstein über Berlins öffentlichen Nahverkehr Es braucht eine Krisenkonferenz!

Der Senat will den Menschen die Lust am Autofahren nehmen, doch der öffentliche Nahverkehr wird immer unattraktiver. Alle Beteiligten müssen sich zusammensetzen - ohne ideologisches Blabla.

Der öffentliche Personen-Nahverkehr ist ein Herzensanliegen der Berliner Regierung, er soll „attraktiver und schneller werden“. Offenbar infolge dieser klaren Schwerpunktsetzung wird der sogenannte ÖPNV immer unattraktiver. Als ein Symptom dieser Entwicklung darf gelten, dass kürzlich ein Ersatzverkehr für den nicht funktionierenden Schienenersatzverkehr angeboten werden musste.

In den 20er Jahren verkehrte die Ringbahn zeitweise im Zwei-Minuten-Takt. In den 80ern und 90ern konnte man in Berlin, Ost wie West, gut ohne Auto auskommen. Heute sorgen nicht nur Wetterlagen aller Art, sondern auch die museale ÖPNV-Technik dafür, dass man ein Auto braucht. Es sei denn, man hat Zeit ohne Ende oder ist so fit, dass man auch größere Entfernungen zügig mit dem Rad bewältigen kann. Ältere, Schwangere, Kinder oder Behinderte sind da schon mal ’raus.

Berlin denkt nur an die Starken und Gesunden

Ein weiteres politisches Ziel des Senats besteht darin, den Menschen die Lust am Auto zu vergällen. Unglücklicherweise zeigt der Senat bei der Verwirklichung dieses Anliegens ein untypisches Maß an Effizienz, es gibt immer mehr Staus. Wenn aber weder der ÖPNV gut funktioniert noch der Autoverkehr, wie sollen dann Alte, Kranke, Kinder oder Behinderte irgendwo hinkommen? Mit dem Rad? Berlin denkt nur an die Starken und Gesunden.

Zu einem Nahverkehr, der angenommen wird, gehören nicht nur Züge und Busse, die oft und pünktlich fahren. Es gehört auch ein Minimum an Wohlgefühl dazu – Züge und Bahnhöfe dürfen nicht zu verdreckt sein, die Mitarbeiter müssen freundlich auftreten, man muss sich in Zügen und Bahnhöfen sicher fühlen.

Warum gibt es an Bahnsteigen keine Sperren?

In der vergangenen Woche schilderte eine Berlinerin in dieser Zeitung ihre Erlebnisse als BVG-Kundin. Interessanterweise scheinen Menschen, die in Bahnhöfen urinieren, dies nicht mehr wie einst in stillen Ecken zu tun, sie stehen, ihr Wasser abschlagend, mitten im Leben.

Die Rufe „Alter Wichser, willst du eins auf die Fresse?“ oder „Scheiß-Deutscher!“ gehören bei einer U-Bahn-Fahrt im neuen Berlin so dazu wie einst der Ruf „Bitte zurückbleiben!“ Die Forderung „Bitte zurückbleiben“ hat der Senat ja, Berlin betreffend, in vielen Bereichen bereits umgesetzt.

Die Leserin stellt die interessante Frage, warum es an den Bahnsteigen keine Sperren gibt, die Schwarzfahrer bremsen, so wie etwa in Paris oder Lissabon. Vielleicht ist der Berliner ÖPNV den Schwarzfahrern inzwischen zu unattraktiv.

Viele tüchtige Menschen arbeiten bei der BVG und tun ihr Bestes, die können auch nichts dafür. Eigentlich wäre die Zeit reif für eine große Berlin-Krisenkonferenz. Alle Beteiligten setzen sich zusammen, um tabufrei, aber sachlich und ohne ideologisches Blabla darüber zu reden, warum so wenig funktioniert und was man tun könnte.

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