Neukölln ist Deutschlands Corona-Hotspot. Foto: dpa
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„Manche nehmen zum Niesen die Maske ab“ Wie Neukölln zum Corona-Hotspot werden konnte

Nirgendwo in Deutschland gibt es mehr Neuinfektionen als in Neukölln. Hier berichten Einwohner, wie sie den Alltag im Risikogebiet erleben.

Partys, Drogen, Großfamilienhochzeiten – und Neuinfektionen in einer noch nicht dagewesenen Menge: Der Berliner Bezirk Neukölln steht wegen der Sorglosigkeit seiner Bewohner am Pranger. Zu Recht?

„Eine türkische Hochzeit mit nur zehn Leuten? Kommt nicht in Frage“

Tanja Toktas, 39, Festsaal Villa Müzikhol:
Seit Anfang Oktober hat bei uns keine Hochzeitsfeier mehr stattgefunden. Wir haben nun erstmal alle Termine in das erste Halbjahr 2021 geschoben. Für manche Paare war das schwer zu akzeptieren, einige müssen sogar schon zum zweiten Mal umplanen. An so einer Feier hängt, je nachdem wie traditionell sie begangen wird, auch viel dran.

Für manche Ehepaare ist ein Zusammenleben zum Beispiel erst danach möglich. Mit nur zehn Leuten aus zwei Haushalten eine türkische Hochzeit feiern, wie es jetzt erlaubt ist, das kommt nicht in Frage. Aber 100 bis 300 Gäste, in einem Saal, der so groß ist wie unserer, unter Auflagen, das wäre definitiv möglich. Bei den etwa 15 Hochzeiten, die wir im August und September veranstalten konnten, waren es aber auch nie mehr Gäste.

Die Leute haben selber gut aufgepasst – und wir haben sämtliche Vorschriften eingehalten, am Eingang Fieber gemessen und einmal in der Stunde durch unsere riesigen Dachfenster gelüftet. Für uns ist das eine schwere Zeit, wir haben im März alle Mitarbeiter entlassen und im August ein Drittel wieder eingestellt. Die Soforthilfe bringt uns nicht viel, allein die Miete für den Festsaal und die laufenden Kosten sind monatlich höher.


„Am traurigsten macht mich, wie die Schüler leiden“

Anonym, Lehrerin
Es sind viele Aufgaben für uns hinzugekommen. Man ist eine Art Kontrolleur für die Maskenpflicht. Die Schüler kommen nur langsam mit den Homeschooling-Technologien zurecht und ich muss helfen. Im Unterricht vor Ort erklären wir den Stoff viel umfassender, man kann viel besser hinführen. Wenn Leute jetzt denken, dass Lehrer wegen Quarantäne frei haben, täuschen sie sich. Aber die Isolation ist wichtig, wir wünschen uns Schutz!

Es gibt viel zu wenige Lehrer. Die Ausstattung ist schlecht und die Instandhaltung der Technik und der Gebäude müssen oft Kolleginnen und Kollegen in ihrer Freizeit übernehmen. Bildung muss höhere Priorität bekommen. Wir haben in der Krise gelernt, wie wichtig gute Krankenhäuser sind. Bei den Schulen müssen wir das auch erkennen.

Am traurigsten macht mich, wie die Schüler leiden. Ich arbeite an einer Schule mit vielen ökonomisch Schwachen und hohem Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund. Nicht allen Familien fällt es leicht, ihre Kinder beim Lernen zuhause ideal zu unterstützen. Ihnen fehlt Struktur, die sie durch die Schule bekommen.

„Manche nehmen bei uns zum Niesen die Maske ab“

Zeynep Akbulut, 25, Arzthelferin:
In unsere Praxis lassen wir zur Zeit nicht mehr als sieben Patienten gleichzeitig. Wir versuchen, die Termine noch besser zu koordinieren und stärker zu entzerren. Dennoch kommt es zu Warteschlangen im Treppenhaus.

Wenn ich die Menschen bitte, Abstand zu halten, reagieren viele mit Unverständnis. Manche fühlen sich sicher, weil sie eine Maske tragen, und denken, das reicht. Andere wollen sich einfach nichts vorschreiben und verbieten lassen, ich muss leider sagen, gerade unter den Patienten mit Migrationshintergrund erlebe ich viel Trotz.

Und Gedankenlosigkeit: Es gibt Leute, die nehmen bei uns zum Niesen die Maske ab. Mir scheint, viele tun die Gefahr ab: Alles halb so wild! Begleitpersonen dulden wir in unseren Räumen nicht mehr. Angehörige beharren dann darauf: ich muss aber übersetzen!


„Mich wundern die Zahlen nicht“

Thomas Brown, 50, Fußballtrainer:
Ich bin sehr erschrocken über die aktuelle Entwicklung in Neukölln. Ich muss selber vorsichtig sein – schon deshalb, weil meine Mutter und meine Schwiegereltern durch ihr Alter gefährdet sind. Meine Mutter ist gehbehindert, die unterstützen wir bei der Versorgung mit Lebensmitteln. Wenn man da beim Einkaufen Jugendliche ohne Maske rumlaufen sieht, fragt man sich, ob sie vergessen haben, was hier gerade los ist.

Mich wundern die Zahlen aber nicht, man hört bei uns ja im Bezirk auch viel von den türkischen oder arabischen Hochzeiten, die gefeiert werden, da kommen zum Teil 300 bis 700 Personen. Wir haben ja nun in Neukölln einen sehr hohen Ausländeranteil, viele waren ja zwischendurch in ihren Herkunftsländern.

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Da haben die Kontrollen am Flughafen nichts gebracht, weil die zum Teil mit den Autos drüben waren. Auch die Menschenansammlungen und die Feierei im Bezirk haben bestimmt zur Ausbreitung beigetragen. Gerade in der Karl-Marx-Straße, der Hermannstraße und der Sonnenallee leben so viele Menschen dicht an dicht.

Wenn das so weitergeht, werden wir auch beim Fußball wieder einen Spielstopp bekommen. Wir trainieren gerade relativ normal, wir müssen nur schauen, dass wir beim Umziehen Abstand halten, Ansprachen halte ich im Freien – Training und Spielen ist einfach komplizierter geworden. Man merkt auch unter den Spielern eine gewisse Unsicherheit und Angst. Und die mussten schonmal eine ganze Weile ohne Fußball leben, ich glaube nicht, dass die das nochmal haben wollen.

„Corona trifft Ärmere härter“

Günter Benner, 63, Rechtsanwalt
Ich bemerke hier keine große Veränderung zu den Zeiten vor Corona, das Leben läuft fast genauso weiter. Ich gehe selten raus, aber muss natürlich einkaufen oder zu Klienten-Terminen. Das Außergewöhnliche an Neukölln ist wohl, dass es ein so dicht besiedelter und diverser Bezirk ist. Und arm, aber sexy, wie Wowereit damals sagte, das trifft auf Neukölln sicher zu. Es scheint, dass Corona Ärmere härter trifft.

Natürlich gibt es hier viele Partys. In Bars, privat oder bei Hochzeiten, auch in der Hasenheide sollen sich Leute getroffen haben. Man sieht jetzt viele Leute mit Maske. Auf der Straße tragen sie nur einige. Aber in den Cafés oder im Supermarkt wird die Pflicht gut eingehalten. Beruflich bekomme ich viele Corona-bezogene Anrufe, zuletzt wieder mehr.

Viele Geschichten haben mit Reisen zu tun: Einer hatte zum Beispiel schon ein Wohnmobil gemietet und verschiedene Standplätze gebucht. Er war gerade dabei, die Koffer rauszutragen, da wurde der Stellplatz storniert. Aus dem Vertrag kam er aber nicht raus.


„Die Leute machen weiter wie vorher“

Gerhard Jungfer, 46, Kneiper
Ich glaube nicht, dass die Situation in Neukölln so schlimm ist, wie sie dargestellt wird – aber die hohen Zahlen wundern mich trotzdem nicht, das war zu erwarten. Wenn man sich anguckt, was gerade hier in der Weserstraße – die ja als Partymeile bekannt ist - nachts und am Wochenende los ist.

Die Leute haben sich nicht geändert, die machen weiter wie vorher auch. Wir sind aber auch einer der größten Bezirke Berlins, das darf man dabei auch nicht vergessen. Ich finde aber auch die vielen Leute ignorant, wenn sie keine Maske in öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Einkaufen tragen. Ich spreche Leute auch an, wenn mir jemand zu dicht kommt zum Beispiel. Manche kommen auch ohne Maske in meinen Laden und wenn ich sie dann drauf anspreche, blöken sie rum.

Mir gehen gerade 70 Prozent meiner Einnahmen flöten. Wir versuchen uns wirklich mit aller Gewalt an alle Vorschriften zu halten, Maskenpflicht, Tische werden desinfiziert, nur fünf Leute pro Tisch.

Ich zeige auch Live-Fußball, beim Champions-League-Finale letztens hatte ich 24 Gäste, da kommen sonst weit über 90. Mich ärgern da Kneipen-Kollegen, die sich nicht an die Regeln halten, wobei die Infektionszahlen aus den Kneipen eher gering sein werden. Uns geht es aber alles in allem noch gut hier, wir haben was zu essen und ein Dach über dem Kopf und wir müssen nur eine Maske aufsetzen – das ist in meinen Augen keine Einengung. Das könnte man jetzt einfach mal in Kauf nehmen.

„Viele glauben, ihnen könne nichts passieren“

Christine Radziwill, 58, Pfarrerin
Wenn ich mich so umgucke, überraschen mich die hohen Infektionszahlen nicht. Am ersten Tag der Sperrstunde haben sich meine Nachbarn um 22.30 Uhr von Durstexpress kistenweise Getränke ranliefern lassen und erstmal eine Homeparty gefeiert.

Diese Angst, dass man selber zu kurz kommt, dass man sich nicht einschränken möchte, die ist hier schon sehr ausgeprägt. Auch in der Gemeinde erlebe ich eine Disbalance: Während der Gottesdienste im öffentlichen Raum bewegen sich die Menschen vorbildlich diszipliniert. Und doch entnehme ich den Gesprächen, dass viele in dem Gefühl leben, ihnen selber und ihren Kindern könne nichts passieren.

Dem entgegen steht die Beobachtung, dass immer mehr Neuköllner auch auf der Straße Maske tragen. Diejenigen aus nicht-deutschsprachigen Familien erlebe ich als tendenziell sensibler. Vielleicht auch, weil sie häufig Verantwortung für eine noch größere Familie tragen.

Überhaupt: Bei aller Ignoranz ist da auch viel Solidarität. Beim ersten Lockdown haben sich viele Junge erstmals wirklich für ihre Nachbarn interessiert und angeboten, Älteren das Einkaufen abzunehmen. Die waren jedoch häufig ablehnend: Ich lass’ doch keine fremden Leute an mein Portemonnaie und in meine Wohnung.


„Testergebnisse werden immer noch per Hand in die Kontaktliste übertragen“

Falko Liecke, Gesundheitsstadtrat
Bis vor drei Wochen konnte ich sagen, dass ich recht gehabt habe. Als für die Gesundheit zuständiger Bezirksstadtrat in Neukölln hatte ich mich im Sommer als erster in der Stadt für eine „sozial-räumliche Eindämmungsstrategie“ entschieden, in deren Folge ganze Häuserblocks unter Quarantäne gestellt wurden. Das war umstritten. Aber nach drei Wochen, in denen sich das Virus über den begrenzten Kreis der Betroffenen hinaus nicht weiter verbreiten konnte, hatten wir die Lage im Griff.

Die plötzliche Verdreifachung der Infektionszahlen Ende September ist aus meiner Sicht das Ergebnis einer Ermüdung. Viele Bürger waren die soziale Zurückhaltung einfach leid. Wütend bin ich auf jene, die ihr eigenes Lebensgefühl wichtiger genommen haben als den Schutz derer, die Schutz brauchen.

Nun haben wir es in Neukölln mit einer allgemeinen Dynamik zu tun. Sie ist mit den erprobten Methoden nicht mehr abzubremsen. Denn man kennt die Quellen für Ansteckungsherde nicht. Ich glaube allerdings, dass die Allgemeinverfügung nach den Herbstferien uns wieder die Möglichkeit gibt, Infizierte schneller rauszuziehen. Auch werden wohl verschärfte Besuchsregelungen erlassen. Aber die Konsequenzen müssten ausgerechnet die Schwächsten ausbaden.

Sicher, wenn Infektionszahlen ein Rekordniveau erreichen, fällt das in meine politische Verantwortung. Doch Versäumnisse kann ich mir nicht vorzuwerfen. Wir haben die Lage hier nicht verpennt, sondern früh unkonventionelle Schritte eingeleitet. Die Ressourcen des Gesundheitsamts habe ich schon vor der Pandemie aufgestockt, um für eine mögliche Großschadenslage gewappnet zu sein.

Aber die Ausrüstung der Behörden mit zeitgemäßen Computern, Internetzugängen, Handys und allem, was man zur digitalen Erfassung großer Datenmengen braucht, hinkt weit zurück. Testergebnisse aus den Laboren müssen immer noch per Hand in Kontaktlisten übertragen werden. Und leider hat die Stadt die Sommerzeit nicht dafür genutzt, Ordnungsämter mit dem nötigen Personal auszustatten, das jetzt Kontrollen durchführen könnte.

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