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Umstritten. Dieser Wohnblock soll im Winterfeldt-Kiez entstehen. Simulation: Promo
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Luxuswohnungen in Berlin-Schöneberg Anwohner protestieren gegen Bauprojekt und fürchten Gentrifizierung

Im Winterfeldt-Kiez soll ein großer Neubaublock entstehen. Einige lehnen das ab. Politiker streiten, wo bei der Planung Versäumnisse lagen.

Gegen das Bauprojekt in der Pallasstraße/ Gleditschstraße/ Elßholzstraße wird jetzt im Kiez starke Kritik laut. Anwohner protestieren gegen den massiven Bau. Wie in der vergangenen Woche berichtet, sind dort sieben Häuser mit insgesamt 225 Wohnungen geplant.

Obwohl noch keine Baugenehmigung vorliegt, kursieren auf dem asiatischen Markt bereits Vermarktungsunterlagen für Wohnungen, deren Kaufpreis zwischen 7400 und 12.000 Euro pro Quadtrameter angeben wurde. In Deutschland und Europa wird das Projekt noch nicht beworben.

Anwohnerin Gudrun Kirchhoff hat einen offenen Brief an Bausenator Sebastian Scheel (Linke) geschrieben sowie eine Internetpetition gestartet mit dem Titel „Wohnen muss für alle möglich sein – Keine Luxuswohnungen im Winterfeldt-Kiez“.

„Mit dem Neubau wächst die Gefahr der Gentrifizierung des derzeitigen Milieuschutzgebietes rund um die Gleditschstraße und der Vertreibung der angestammten Bewohnerschaft durch wachsenden Druck auf die Bestandsmieten durch hochpreisige Nachfrage.

Mit der jetzt geplanten Art der Neubebauung gerät das Sozialgefüge in Gefahr“, heißt es in der Petition. Wohnungen im Luxussegment lehne man ab, Berlin brauche Sozialwohnungen. Bis Mittwochvormittag hatten rund 330 Menschen im Internet unterschrieben.

Bezirk lehnt ab, Senatsverwaltung signalisiert Zustimmung 

Der Bezirk hält das Projekt in seiner Größenordnung nicht für genehmigungsfähig; bei der Senatsverwaltung unter Bausenator Scheel gab es keine grundsätzlichen Bedenken. Das Bauamt des Bezirks kritisiert sowohl die geplante Höhe von sechs Vollgeschossen und einem Staffelgeschoss. Außerdem seien durch die Mittel- und Seitenflügel die zulässigen Bebauungsmaße bei Weitem überschritten.

Wird abgerissen. Das alte AOK-Gebäude an der Pallasstraße. Foto: privat Vergrößern
Wird abgerissen. Das alte AOK-Gebäude an der Pallasstraße. © privat

Auf dem Areal steht bislang ein Gebäude der AOK, das abgerissen werden soll. Die bisherige Baufluchtlinie zur Gleditschstraße ist zurückgesetzt, wie auch bei den anschließenden Wohnhäusern aus den fünfziger Jahren. Diese zurückgesetzte Baufluchtlinie solle unbedingt erhalten bleiben, sagt beispielsweise ein Anwohner. Das würde „die Wuchtigkeit des Projekts mildern“.

Kritik von der Linken 

Der Linken-Abgeordneter Harald Gindra wirft dem Bezirksamt vor, dass die Öffentlichkeit seit Mai vergangenen Jahres nicht weiter über das Vorhaben informiert worden sei. Der Bezirk hätte – auch unter Corona-Bedingungen – beispielsweise zu einer Einwohnerversammlung einladen können. Dass Baustadtrat Jörn Oltmann (Grüne) im April 2020 im Stadtentwicklungsausschuss mitgeteilt hatte, das Projekt nicht zu genehmigen, hält Gindra nicht für ausreichend.

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In Diskussionen auf Facebook kritisieren Verordnete der SPD und der Grünen eher die Entscheidungen der von Scheel geführten Senatsverwaltung. Schöneberg habe dort offenbar schlechte Karten, schreibt der Sozialdemokrat Axel Seltz, Vorsitzender des Bezirksausschusses für Stadtentwicklung: „Erst wird das Quartiersmanagement abgewickelt, dann womöglich ein Projekt mit einer derartigen Baumasse gegen das Votum des Bezirks durchgewunken.“

Und Ralf Kühne von den Grünen warf der Senatsverwaltung vor, „dem spekulativen Bauen ohne Rücksicht auf die Belange des Gemeinwesens Tür und Tor zu öffnen“. Laut Kühne hatte der Bezirk dem Investor vorgeschlagen, ein Bebauungsplanverfahren für das Projekt einzuleiten. Das habe dieser abgelehnt. „Es ist mittlerweile ein offenes Geheimnis unter denen, die spekulativen Wohnungsbau betreiben wollen, dass sie die Bezirke an der Nase herumführen können, weil sie im Konfliktfall von SenStadtWohn immer eine freihändige Genehmigung im Widerspruchsverfahren bekommen“, schreibt Kühne.

Wie geht es weiter? Wie in der vergangenen Woche geschrieben, liegt die Entscheidung jetzt bei der Senatsverwaltung. Wann es soweit sein wird, steht noch nicht fest.

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