Mahnwache für Mathias Puddig: 80 Menschen versammelten sich mit ihren Fahrrädern in Adlershof. Foto: Felicia Klinger
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Update Lkw überfuhr ihn auf dem Fahrrad Dreimal klingeln – Mahnwache für getöteten Journalisten Mathias Puddig

Felicia Klinger

Ein Radfahrer stand in Berlin an einer Ampel, als ihn ein Lkw traf. Der 35-Jährige hatte keine Chance. 80 Leute trauerten – und zogen vors Verkehrsministerium.

„Als Pkw-Fahrer vergisst man leicht, wie groß und unübersichtlich so ein Lkw ist. Ein Brummifahrer sitzt höher als die meisten Autodächer, sein Wagen ist fast so breit, wie ein Smart lang ist, er muss sechs Seitenspiegel im Blick behalten – und einen toten Winkel gibt es trotzdem noch. Steht dort ein Radfahrer oder auch ein Fußgänger, ist er beim Rechtsabbiegen des Lasters chancenlos – egal, ob er sich an die Straßenverkehrsordnung hält oder nicht. Ob ein Lkw mit einem Abbiegeassistenten ausgestattet ist, ist deshalb keine Frage der Bequemlichkeit oder der Kosten. Es ist eine Frage von Leben und Tod.“

Dieses waren die ersten Sätze eines Beitrags, den der Journalist Mathias Puddig am 11. Juli 2018 über Abbiegeassistenten für Lkw veröffentlichte. Auf entsetzliche Weise ist nun einmal mehr klar geworden, wie wichtig und richtig die Debatte über die Sicherheit von Radfahrern im Straßenverkehr war und ist.

Am Montag wurde ein weiteres Mal ein Radfahrer an einer Ampel von einem Lkw überfahren: Inzwischen ist klar - es handelt sich um Mathias Puddig. Er wurde mittags in Berlin-Adlershof so schwer verletzt, dass er noch am Unfallort verstarb. Mathias Puddig wurde 35 Jahre alt.

Am Mittwoch riefen Radaktivisten des ADFC und des Vereins Changing Cities zu einer Mahnwache am Unfallort auf. Gegen 17.30 Uhr versammelten sich etwa 80 Menschen mit ihren Fahrrädern an der Kreuzung von Hermann-Dorner-Allee und Ernst-Ruska-Ufer. Dreimal klingelten sie im Gedenken an den Verstorbenen, während von der Autobahnbrücke über ihnen das Rauschen des Autoverkehrs zu hören war.

Der Zorn saß tief bei einigen, die für das 40-minütige Gedenken nach Adlershof herausgefahren waren. „Eigentlich könnte ich durch die Decke gehen“, erzählte Jörg Siewert, der sich auch beim Fahrradclub engagiert. „Die Politik müsste eine andere Gangart einschalten. Ich demonstriere schon seit über zehn Jahren für Radfahrerrechte. Und irgendwann baut sich Frust auf.“ Vor seiner Brust hielt er ein Schild, das auf ein fernes Ziel verwies: Die „Vision Zero“ - null Tote im Straßenverkehr.

Radaktivisten fordern mehr Engagement des Bundes

Der ADFC stellte, wie bei jeder Mahnwache für einen Verkehrstoten an der Unfallstelle ein weißes Fahrrad auf. legte Blumen nieder und stellte Kerzen auf.

Eine Mahnung über den Tag hinaus. Foto: Felicia Klinger Vergrößern
Bei einer Mahnwache nach dem Unfall wurde ein weißes Fahrrad für Puddig aufgestellt. © Felicia Klinger

Anschließend fuhren die Teilnehmenden mit ihren Rädern zum Bundesverkehrsministerium - um dort für mehr Sicherheit auf den Straßen zu demonstrieren.

Aufbruch zum Verkehrsministerium. Foto: Felicia Klinger Vergrößern
Aufbruch zum Verkehrsministerium. © Felicia Klinger

„Verkehrssicherheit und Regeleinhaltung sind Bundesthemen. Es gibt inzwischen Assistenzsysteme, die viel mehr Möglichkeiten als nur Abbiegehilfen sind und einen rasenden LKW stoppen können. Technik kann ein Teil der Lösung sein und das werden wir vor dem Bundesverkehrsministerium zum Ausdruck bringen“, sagte Susanne Grittner, Fachreferentin Sternfahrt beim ADFC. „In diesem Fall hätte außerdem der LKW-Fahrer nicht nach rechts abbiegen dürfen.“

Was in Puddigs Fall letztlich der Auslöser für den Unfall war, ist nach Angaben der Polizei noch unklar. Nach einem typischen Abbiegeunfall sieht es jedenfalls nicht aus. Den ersten Ermittlungen zufolge wartete Puddig an der Kreuzung an einer Ampel, als ein Sattelschlepper von der Straße abkam, gegen den Ampelmasten stieß und Puddig tötete.

ADFC: In der Umgebung schon mehrere tödliche Unfälle

„Die spezielle Kreuzung war bisher nicht als Gefahrenstelle bekannt“, sagt Lisa Feitsch vom ADFC Berlin, „im Umfeld von Hermann-Dorner-Allee und Ernst-Ruska-Ufer in Treptow-Köpenick gab es jedoch bereits mehrere Unfälle, bei denen Lkw-Fahrende Radfahrende töteten.“

Sophia Lattke, Vorstand im Verein Changing Cities, sagt, dass sich insbesondere an dieser Kreuzung zeige, wie sehr die Verkehrswende im Südosten der Stadt verschleppt werde. Durch getrennte Ampelphasen könne man die Kreuzung für Radfahrende, Autofahrende und Fußgänger zügig sicherer machen.

Radaktivistin: „Viele Unfälle könnten verhindert werden“

In diesem Jahr kamen nach Angaben der Polizei bereits elf Fahrradfahrende auf den Berliner Straßen ums Leben. Im gesamten vergangenen Jahr 2019 starben sechs Radfahrende im Hauptstadtverkehr. Unfälle geschehen täglich im öffentlichen Raum. Doch dieser solle „allen gleichberechtigt gehören“, sagt Kerstin Leutloff von Changing Cities.

[Wo besonders gefährliche Kreuzungen sind: Alle schlimmen Verkehrsunfälle in Berlin auf einer interaktiven Karte.]

„Viele Unfälle könnten verhindert werden, mit sichererer Infrastruktur und verpflichtender Technik, die Leben schützt“, ergänzt ADFC-Aktivistin Feitsch. „Lkw sind nach wie vor Hauptursache für tödliche Radunfälle.“

Ein Drittel der getöteten Radfahrer in Deutschland durch Abbiegeunfälle

Für Deutschland schätzt die Unfallforschung der Versicherer, dass etwa ein Drittel der jährlich im Straßenverkehr getöteten Radfahrer bei Abbiegeunfällen durch rechtsabbiegende Lkw ums Leben kommen. Häufig werden die Radfahrer vom Lkw überrollt. Deshalb ist auch der Anteil der getöteten Radfahrer bei diesen Unfällen sehr hoch. Derartige Unfälle sind selten von Fahrradfahrern verschuldet.

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Pro Jahr sterben demnach rund 30 bis 40 Menschen durch abbiegende Lkw. Neue Lang-Lkw müssen seit dem 1. Juli mit einem Abbiegeassistenten mit blinkenden Seitenmarkierungsleuchten ausgestattet werden. Diese Pflicht gilt ab dem 1. Juli 2022 auch für sogenannte Bestandsfahrzeuge.

Fuhrgewerbe-Innung: Immer mehr Lkw mit Assistenzsystem

„Ich kann nicht quantifizieren, wie viele Lkw im Stadtverkehr mit einem Assistenzsystem ausgestattet sind“, sagte Gerd Bretschneider, Geschäftsführer der Fuhrgewerbe-Innung Berlin-Brandenburg, am Mittwoch dem Tagesspiegel. „Aber in den letzten zwei, drei Jahren hat die Anzahl der ausgerüsteten Lkw deutlich zugenommen.“ Bretschneider wies auch darauf hin, dass die Fahrer zu Schulungen zur Verkehrssicherheit verpflichtet seien. Zugleich betonte er, dass bei dem jüngsten Unfall gar nicht klar sei, ob es ein Abbiegeunfall gewesen sei.

Puddig berichtete aus Berlin für die Neue Berliner Redaktionsgesellschaft. „In seinem letzten Leitartikel beschrieb er das Fernweh, das uns in Coronavirus-Zeiten so hart trifft, und berief sich dabei sowohl auf die Schlagersängerin Nana Mouskouri wie den Historiker Bodo Mrozek“, schreiben seine Kollegen der „Märkischen Oderzeitung“ in einem Nachruf.

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