Live-Protokoll So erlebte Berlin den 1. Mai


18:00 Uhr, Oranienstraße, Kreuzberg.

Ein paar wunderschöne blonde Frauen mit Perlenohrringen versuchen, halbwegs elegant ihren Döner zu essen. Ein mobiler Bierverkauf rollt vorbei, mitten durch die Menge, immer gut zu erkennen am bunten Sonnenschirm. Das is wirklich eine kreative Konstruktion: Eine Frau hat hinten an ihre Fahrradrikscha eine Theke gebastelt. Dahinter sitzt ein Typ mit Augenklappe und verkauft Bier.

17:30 Uhr, Oranienplatz, Kreuzberg. Die Sonne scheint über dem Myfest, die Massen feiern. Auf Tapeziertischen werden Getränke feilgeboten, es riecht nach Gras. Der entspannte Reggae, den eine federgeschmückte, körperbemalte Live-Band durch die Boxen schickt, ist so laut, dass die Tagesspiegel-Reporterin am Telefon kaum zu verstehen ist. Ein Vater hat seinem kleinen Sohn riesige Kopfhörer aufgesetzt, um ihn vor dem Lärm zu schützen. Der Kleine sieht aus wie Micky Maus.

17:00 Uhr, Wilhelmstraße, Mitte. Geschleuderter Protest: Es wird gemeldet, dass einige Mayday-Paradisten Farbeier auf das Bundesfinanzministerium geworfen haben. Ein Polizeisprecher sagte, die Fassade sehe "ganz schön bunt" aus. Das Ministerium sei für viele ein symbolisches Objekt, um zu zeigen, dass sie mit den derzeitigen Verhältnissen nicht einverstanden sind, erklärte eine Mayday-Sprecherin. Die Veranstalter sprachen von 60 Farbeiern. Die Polizei griff nicht ein.


16:10 Uhr, Wilhelmstraße, Mitte.

Die Mayday-Parade ist an der Kreuzung zur Leipziger Straße angekommen. "Eine reine Spaßdemo", wie unser Reporter Jörn Hasselmann befindet. Der von der Polizei befürchtete Schwarze Block nimmt nicht teil. Dafür viele Studenten und verkleidetes Volk in Clownskostümen. Auf ihren Transparenten steht: "Kein Bock auf ne prekäre Karriere" oder "Arbeit nervt", "Sozialer Wandel statt Klimawandel" oder "Ich krieg die Krise - und das nicht erst seit gestern". Ein besser gelaunter Spruch sagt: "Ihr habt Arbeit, wir haben Sommer". Von den Musikwagen wummert Elektro, Nebelmaschinen sind im Einsatz, Konfetti fliegt. Die Polizeiabsperrungen sind offenbar völlig übertrieben. Das sehen die Ordnungshüter wohl auch selbst so. Die ersten Wannen, mit denen die Querstraßen längs der Wilhelmstraße blockiert sind, werden bereits abgezogen.

15:15 Uhr, Unter den Linden, Mitte. Die Mayday-Parade setzt sich mit einigen Tausend Teilnehmern in Bewegung. Die Polizei ist massiv präsent. Von einem schwarzen Block oder gewaltbereiten Demonstranten ist allerdings nichts zu sehen. Der Demo-Zug passiert ein stark bewachtes VW-Gebäude, das in der Vergangenheit schon öfter Ziel von Vandalismus war. Auch der Zugang zur Friedrichstraße wird von der Polizei gesichert. Eigentlich sollte die Demonstrationsroute durch die Friedrichsstraße führen. Das wurde aber vom Oberverwaltungsgericht verboten.

15 Uhr. Kreuzberg, Mariannenplatz. Überall rennen Kinder mit blauen T-Shirts herum, auf denen "Räuber und Gendarm" steht. Das Quartiersmanagement hat ein Spiel organisiert. Wer gewinnt, bekommt ein solches T-Shirt. Bald sind alle Spielpläne weg. Auf allen Bühnen spielen mittlerweile Bands. Viele junge Familien sind gekommen, alle feiern friedlich bei strahlendem Sonnenschein.

14:35 Uhr. Mitte. Die Mayday-Demonstration, die vom Bebelplatz in Mitte in Richtung Kreuzberg ziehen will, hat noch nicht angefangen. Rund 500 Teilnehmer haben sich erst eingefunden. Das ist den Veranstaltern noch zu wenig. Viele Demonstranten haben sich fantasievoll verkleidet und geschminkt, humorvolle Parolen dominieren.

14:20 Uhr. Kreuzberg, Oranienstraße. Die "Revolutionäre-1.-Mai-Demo" hat sich verspätet in Bewegung gesetzt. Es sind sehr wenige Teilnehmer dabei. Das Myfest auf dem Mariannenplatz füllt sich so langsam, das Bühnenprogramm fängt an, erste Bands sind noch beim Soundcheck. (fan/svo/ho/Ha/fet/tja/dpa/J.O.)

Bis 14 Uhr berichtete Tagesspiegel-Reporter Frank Jansen live von der NPD-Kundgebung in Köpenick. Lesen Sie auf den folgenden Seiten seinen Bericht:

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