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Hurra, es ist ein Berliner! Holger Hollemann/dpa
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Lieber in Berlin entbinden Im Havelland warten Mütter jahrelang auf Geburtsurkunden

Mütter mit ausländischem Pass warten in Standesämtern im Havelland oft mehrere Jahre auf eine Geburtsurkunde. Der Landkreis hat daher mehr Stellen beschlossen.

Als Chantal Nkamgna Mbiandou im August 2017 ihre Tochter Fränzi bekam, ging die Nachricht um die Welt. Die Kamerunerin befand sich gerade im Regionalexpress der Linie 4 auf der Fahrt nach Berlin-Spandau, als die Wehen einsetzten. Das Kind machte auf Berliner Boden, kurz hinter Staaken, seinen ersten Schrei. „Zum Glück“, sagt Nkamgna Mbiandou heute. Sie wollte ihr Kind unbedingt in Berlin bekommen.

Denn die Geschichte von Chantal Nkamgna Mbiandou hat einen bizarren Hintergrund: „Ich wollte, dass mein Kind eine Geburtsurkunde bekommt“, sagt die Frau aus Kamerun. Schon bei ihrem ersten Kind habe der Vorgang im Havelland zwei Jahre gedauert. Am Ende habe man einen Anwalt eingeschaltet.

Hintergrund ist, dass es seit 2014 eine Verordnung des Landes Brandenburg gibt, die vorschreibt, dass bei allen Standesamtsangelegenheiten mit ausländischer Beteiligung die kreisliche Standesamtsaufsicht mit der Sache befasst werden muss. In allen anderen Landkreisen gibt es mit dieser Regelung kein Problem.

Im Havelland führt es dazu, dass Dinge lange dauern: „Ich kenne andere Frauen, die bis zu fünf Jahre auf eine Urkunde warten mussten“, sagt Mbiandou. Und was für Berliner Ohren, die ansonsten nur Geschichten von überlasteten Bürgerämtern zu hören bekommen, ungewohnt klingt: „In Spandau hatte ich nach zwei Wochen eine richtige Geburtsurkunde.“

Das bestätigt auch die Linken-Politikerin Andrea Johlige, die den Vorgang sowohl auf kreislicher als auch auf Landesebene thematisiert. „Es gibt diverse Betroffene, ich weiß von ungefähr 20, gehe aber davon aus, dass es deutlich mehr gibt“, sagt die Landtagsabgeordnete aus dem Havelland. „Es hängt immer an der Standesamtsaufsicht.“

Ein Ausnahmefall?

Selbst die Standesämter würden unter der Hand den Menschen schon sagen: „Fahren Sie lieber nach Berlin.“ Im Oktober 2019 hatte Johlige deswegen eine parlamentarische Anfrage an das Brandenburger Innenministerium gestellt. Darin erkundigte sie sich nach den durchschnittlichen Bearbeitungsdauern bei Standesamtsangelegenheiten mit Auslandsbezug.

Ergebnis: Das Havelland ist in Brandenburg ein Ausnahmefall. „Gleichwohl hat das Ministerium auf die Beschwerden Betroffener gegen das Standesamt Rathenow unverzüglich reagiert und die untere Fachaufsichtsbehörde des Landkreises Havelland erstmalig im Sommer 2018 auf die Probleme im Zusammenhang mit zu langen Bearbeitungszeiten bei Geburtsbeurkundungen mit internationalem Bezug hingewiesen“, hieß es damals in der Antwort des Ministeriums. „In der Folgezeit gab es weiteren Schriftverkehr zu der Arbeitssituation.“

Der Landkreis habe deswegen mehr Stellen für die Standesamtsaufsicht beschlossen und eine Mitarbeiterin aus dem Ruhestand geholt, sagt Johlige. Doch die Bearbeitungszeiten hätten sich nicht verbessert. Sie glaube mittlerweile, dass vor allem die Arbeitsabläufe in der Standesamtsaufsicht ein Problem darstellten.

„Wenn Geburtsurkunden drei bis vier Jahre dauern, wird es bei denjenigen, die auf Sozialleistungen, Krankenversicherungen oder Aufenthaltsgenehmigungen angewiesen sind, zu Problemen führen“, sagt Johlige. Dazu komme, dass beide Geburtsstationen im Havelland eigentlich zu niedrige Geburtenzahlen hätten.

„Wenn diese Frauen ihre Kinder in Nauen oder Rathenow bekommen hätten, hätte man das in der Statistik bemerkt“, sagt Johlige. „Wenn sich der Trend fortsetzt, dass Mütter wegen des Arbeitstempos der Standesamtsaufsicht zum Gebären lieber nach Berlin fahren, hilft das unseren Geburtsstationen jedenfalls nicht.“ Die Pressestelle des Landkreises Havelland war am Freitag nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

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