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Die Frau, die Hitler interviewte: die amerikanische Journalistin Dorothy Thompson. Foto: Library of Congress
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Letzte Schritte vor dem Abgrund Ein Berliner Panorama zum Ende der Weimarer Republik

Peter Walther schildert an neun Protagonisten das Ende der Weimarer Republik. Es fügt sich alles zum Drama, erzählt in Episoden, die immer hitziger werden.

Schon vor 1933 hatte Adolf Hitler von „Mein Kampf“ beinahe 300.000 Stück verkauft. Doch wer hatte die Kampfschrift tatsächlich gelesen? Dorothy Thompson gehörte notgedrungen dazu, schließlich plante die amerikanische Reporterlegende, Deutschlands künftigen Führer zu interviewen. Sie las viel über pathologischen Judenhass, hängen blieb sie bei einem Satz, in dem Hitler eine weitere Prämisse preisgab: Kolossale Lügen glaubt ein Volk leichter als kleine.

Thompson gehört zum neunköpfigen Protagonistenpersonal, das der Autor Peter Walther für „Fieber – Universum Berlin 1930–1933“ ausgewählt hat. Sein Buch ähnelt einer Familienaufstellung wie man sie aus der Psychotherapie kennt. Es sind nicht unbedingt die ganz großen Namen, die Walther hier versammelt hat, nicht Hitler oder Hindenburg. Es sind eher Stellvertreter, deren Handeln in Beziehung zum Patienten Weimarer Republik in seinen letzten drei Jahren gesetzt wird.

Die Wege der hier biografisch Skizzierten kreuzten sich in Berlin, im Reichstag, in Schwulenbars, in Hinterzimmern und auf einer Luxusjacht auf der Havel. Die Zugänge, die Walther zu ihnen findet, sind immer wieder originell. Selbst wer den Namen Heinrich Brüning noch kennt, immerhin einer der letzten Kanzler der Republik, weiß vielleicht nicht, dass er ein langes Nachleben in einem Holzhaus in Vermont hatte, wo er noch bis 1970 lebte.

Zu den Bekannteren zählen Franz von Papen und Kurt von Schleicher, die mit ihren Strippenziehereien zum Untergang beitrugen. Carl von Ossietzky wird dem Leser durch seine anglo-britische Frau Maud nähergebracht, Ernst Thälmann, letzter KPD-Vorsitzender vor dem Parteiverbot, ist in Berlin noch als Denkmal präsent, ansonsten vergessen. Walther schildert ihn als aufrechten Sturkopf, dem die Nähe zu Stalin nicht helfen wird.

Die Fülle des Personals kann einen leicht aus der Kurve tragen

Allein Anmerkungen und Literaturhinweise umfassen 50 Seiten. Walther referiert sachlich, die Fülle seines Personals kann einen leicht aus der Kurve tragen, die Art, wie Hindenburg im Hintergrund als eine Art präsidiale Großvaterfigur vergleichsweise unbefleckt aus der Geschichte kommt, mag einem nicht schmecken.

Peter Walther: Fieber. Universum Berlin 1930–1933. Aufbau-Verlag, Berlin. 364 Seiten, 22 Euro. Foto: Promo Vergrößern
Peter Walther: Fieber. Universum Berlin 1930–1933. Aufbau-Verlag, Berlin. 364 Seiten, 22 Euro. © Promo

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Wenn man dennoch dabeibleibt, die Lektüre nicht trocken gerät, dann weil sich alles im zweiten Teil des Buches zum Drama fügt, erzählt in Episoden, die immer hitziger werden. Vor allem wenn Erik Jan Hanussen auftaucht, der Hellseher, der sein Schicksal nicht voraussieht, einst ein Star war und glaubt, sich die Nazis mit Geld und sexuellen Ausschweifungen gefügig machen zu können.

Diese Selbstüberschätzung kostet ihn das Leben. Selbstüberschätzung ist ein zentrales Merkmal in diesen letzten Jahren vor der Diktatur, in denen Kommunisten den Feind bei der SPD vermuten und viele Konservative denken, die Rechtsextremisten von der schnell wachsenden Nazipartei einhegen zu können. Ein Irrtum.

Dorothy Thompson immerhin bekam ihr Interview. Nur drei Fragen waren ihr gestattet. Keine einzige hat Hitler vernünftig beantwortet.

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