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"Ich habe mein Leben verschenkt"

Er setzt sich in die Bahn und fährt die Stationen seines Lebens ab. Wenn es zu voll wird, zu hektisch, steigt er aus. Ist sicherer so. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Leben nach der Haft in Berlin Die letzte Chance eines Serientäters

Es ist nur ein paar Monate her, da hat er sich auf sein Fahrrad geschwungen, und ist in Spandau die Stationen seines Lebens abgefahren, allein. Das Haus der Familie, die Sonderschule, die Straßen, in denen seine Geschwister wohnten. Zu spät, alle unbekannt verzogen.

An einem kühlen Morgen im September macht er sich abermals auf den Weg. Rolf Beier, 1,75 Meter groß, grauer Schnurrbart, kastanienbraune Haare, zieht sich sein Fleecehemd mit dem Holzfällerkaro über, seine grün-grau-weiße Camouflagehose aus dem Schrank und steigt mit seinem Rucksack in die S-Bahnlinie 5. Beier setzt sich ans Fenster, wo jetzt eine Stadt vorbeizieht, die längst nicht mehr die seine ist. Dass alles anders ist hier draußen, erfüllt ihn mit „so ’ner Art Traurigkeit“, sagt Beier, denn da fühlt er es und das tut weh. „Ich habe mein Leben verschenkt.“ Unwiederbringlich.

Alex, Friedrichstraße, Hauptbahnhof.

Der Rucksack steht in der S-Bahn auf Beiers Schoß. Ein Mädchen bleibt stehen, bettelt, Beier zieht das Kinn hoch. „Wat is? Wat willste?“ Dann nestelt er ein paar Münzen aus der vorderen Tasche hervor, wo er das Kleingeld aufbewahrt, das beim Einkauf übrig bleibt, „damit ick, wenn ich Lust hab, ne kleene Spende geben kann“. Viel hat er selber nicht, 382 Euro im Monat.

Bahnhof Zoo. Einmal ist er hier ausgestiegen, hat sich um die eigene Achse gedreht – und weg, auf Nimmerwiedersehen. „Dit hat doch mit dem Zoo nüscht mehr zu tun!“ Alles so glatt, geschniegelt. Er fühle sich heute auf dem Alex wohler, „wo das normale Volk rumtippelt“.

Seine Fäuste hämmern dem anderen ins Gesicht, auf die Brust, in den Magen

S-Bahnhof Westkreuz. Wenn es voll wird in der S-Bahn, alles drängelt, schubst und drückt, steigt Beier wieder aus. Setzt sich auf eine Bank und wartet auf den nächsten Zug. Ist ihm sicherer so. Er weiß ja, was passieren kann, wenn er sauer wird. Früher war’s viel schlimmer. Konnte ja keiner sehen, dass es brodelte in ihm, wie ein Bottich heißen Öls, da genügte ein Tropfen kalten Wassers, um das zum Zischen, zum Knallen zu bringen.

Wie der Typ damals, muss 1982 gewesen sein, als er mal wieder für neun Monate draußen war. Da rempelt dieser Fremde seine Claudi auf der Straße an, geht weiter, als wäre nix gewesen. Will sich nicht entschuldigen, kommt ihm auch noch blöd. Du Sau, denkt Beier. Dann denkt er nichts mehr.

Es wird schwarz um ihn, Beier hört nur noch seinen Atem, er holt aus, seine Fäuste hämmern dem anderen ins Gesicht, rechts und links, auf die Brust, in den Magen, Sau, Sau, Sau, er hört keine Schreie, sieht nicht die Menschen, die sich um ihn scharen, er keucht, fühlt nichts, nur Wut, diese schwarze Wut ...

Rolf! Rolf, hör auf!

An den Haaren zieht Claudi ihren Freund zurück in diese Welt, wie einen tollwütigen Köter. Erst da, sagt Beier, sei er zu sich gekommen.

Wenn Rolf Beier Geschichten erzählt, Pointen setzt, lacht, so breit, dass man seine Zahnlücken sieht, lacht sein ganzer Körper mit, kichernd knufft er einen in die Seite. Alles wirkt rund und freundlich, das Gesicht, die braunen Augen. Rolf Beier blickt jetzt nicht mehr aus dem Fenster, die Bahnhöfe ziehen unkommentiert vorbei, er schaut jetzt zurück in seine Vergangenheit. Beiers Verbrechen haben nie Aufsehen erregt, weil sie nicht besonders waren, außer vielleicht besonders erbärmlich und brutal. Beier sagt: „Mir sind diese Straftaten immer irgendwie passiert.“

In der Küche liegt die Pohl in ihrem Blut

Es geschieht am 7. Februar 1983. Beier lebt damals am Kurt-Schumacher-Platz, Reinickendorf, ist chronisch pleite und hilft seiner Nachbarin zuweilen beim Einkaufen und Putzen: Edeltraud Pohl, 52 Jahre alt und nach einem Schlaganfall gehbehindert. Doch an diesem Tag, sagt Beier, sei es zum Streit gekommen – bis es wieder schwarz wird in seinem Kopf. Und er nur noch dachte: Halt die Klappe, halt deine Schnauze ...

„Er zog seine Handschuhe an und entnahm seiner Jackentasche ein Klappmesser. Mit diesem stach er Frau Pohl insgesamt zehnmal in den vorderen Brustbereich, zweimal in den Rücken und in den Hals, um sie zu töten.“

Das Zwitschern des Kanarienvogels holt ihn zurück. Da steht er im Wohnzimmer, so erzählt er es, schaut an sich hinab, sieht, dass er Handschuhe trägt und denkt: scheiße. Jetzt haste Scheiße gebaut. Wieder einmal. In der Küche liegt die Pohl in ihrem Blut. Bloß nicht durchdrehen, habe er gedacht, du musst einen Raub vortäuschen. Darum sei er von Zimmer zu Zimmer gegangen, habe die Wohnung durchwühlt. Bevor er die Tür ins Schloss fallen lässt, steckt er einen Zehn-Mark-Schein ein. Er sei aber mit der Schuld nicht klargekommen. Am selben Abend geht er in eine Telefonzelle am Kurt-Schumacher-Platz, wählt die 110 und bittet darum, verhaftet zu werden.

Aber was hatte ihn so in Wut versetzt? „Dass die Pohl behauptet hat, dass ich Caro, meine Ex-Verlobte, getötet habe und wegen Mordes verurteilt war.“

Aber dann hätte er doch gesessen?

„Eben. Aber die hat nicht aufgehört.“

Und das Messer?

„Hatte ich immer dabei.“

Die Handschuhe?

„Ich wollte den Hund einer Freundin ausführen, der zog so an der Leine.“

In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten. Weil ihm ein Raubmord nicht nachzuweisen ist, verurteilt das Landgericht Rolf Beier am 8. Juni 1983 nur wegen Totschlags. Zehn Jahre Haft.

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