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Die Therapeuten erleben: Dass man Mörder mögen kann

Warum er das alles offenlegt? Er will beweisen, dass er kein Monster ist. Dass er sich ändern kann. Sich schon geändert hat. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Leben nach der Haft in Berlin Die letzte Chance eines Serientäters

Im zweiten Stock sitzen Tatjana Voß, die Chefin der Ambulanz, und Sandra Schauen, die Therapeutin von Rolf Beier, an einem Besprechungstisch. Sandra Schauen, 42 Jahre alt, schlank, lange braune Haare, offenes Lachen, hat früher im Maßregelvollzug gearbeitet, jetzt ist sie hier zuständig für 24 Männer. Und wie furchtbar die Verbrechen ihrer Patienten auch gewesen sein mögen, Sandra Schauen spricht nie kalt oder abschätzig über sie.

Die Fenster stehen offen, der Blick fällt auf die Gefängnismauer und auf Stacheldraht. Die Alarmknöpfe, die im Zimmer verteilt sind, neben der Tür, unter dem Schreibtisch, am Computer, mussten die Frauen nie drücken. Angst? Kennen sie nur abends aus der U-Bahn.

Heilung im klassischen Sinn gibt es für Beier nicht, die Defizite, das Opfer- und das Tätersein, bleiben in seiner Persönlichkeit verwurzelt, die Empathielosigkeit, die emotionale Instabilität, sein mangelndes Schuldbewusstsein. Mit zunehmendem Alter, der Therapie, den Medikamenten, den Erfolgen in der Fahrradwerkstatt sei Beiers gefährliche Seite „so sehr abgemildert“ worden, dass man ihn freilassen könne. „Das Gewalttätige blinkt nur noch manchmal auf“, sagt Voß. Wenn er unter Druck gerät, sich ausgeliefert oder drangsaliert fühlt. In der Ambulanz soll Beier lernen, mit Rückschlägen umzugehen.

Bei unvorbereitet Entlassenen gibt es eine Rückfallquote von 15 Prozent

Für die meisten kommt es in Freiheit erst mal dicke. Überflutet von Reizen, überfordert von der Bürokratie und oft für den Arbeitsmarkt nicht mehr geeignet: Weil die Ex-Gefangenen das Tempo und die Konzentration nicht halten können, längere Pausen brauchen, nicht mit elektronischen Kassen, Telefonanlagen und Computern umgehen können. Aber keine Arbeit bedeutet: kein Geld, keine Aufgabe, kein Halt.

Der Kriminologe Michael Alex hat in einer Studie die Rückfallquote anhand von 131 Gefangenen erforscht, bei denen die Gutachter SV gefordert hatten, diese aber wegen der Urteile der höchsten Gerichte nicht mehr verhängt werden konnte. Sein Ergebnis: Bei unvorbereitet Entlassenen ohne Nachsorge gibt es eine Rückfallquote von etwa 15 Prozent. Mit dem Programm der Ambulanz konnte das Risiko auf drei Prozent gesenkt werden.

Was erklärt, warum die Frauen so gelassen auf die Freundschaft zwischen Beier und Riese reagieren. „Wir haben mehrere Pärchen aus dem Maßregelvollzug. Die kennen sich seit Jahren, ergänzen sich gegenseitig – wie Yin und Yang.“ Viel mehr Sorgen bereitet ihnen Beiers Arbeitslosigkeit, die Einsamkeit, sein mangelndes Selbstwertgefühl – und die Aussicht, dass eine neue Frau in sein Leben treten könnte. Weil er, wie die Richter damals schon beschrieben hatten, eben immer noch so leicht kränkbar ist.

„Die Ansprüche des Angeklagten an andere sind so überhöht, dass es zwangsläufig zu Enttäuschungen kommt. Die versagende Umwelt wird deshalb als ungerecht und feindselig erlebt. Auf die ihm auf diese Weise zugefügten Verletzungen reagiert der Angeklagte immer wieder mit autoaggressiven oder fremdaggressiven Ausbrüchen.“

Was anderen unbegreiflich vorkommt, erleben Schauen und Voß immer wieder: Dass man Mörder mögen kann. Weil es Menschen sind, die zwar monströse Taten begangen haben, aber Menschen bleiben. Rolf Beier sei „ein Überlebenskünstler“, stehe immer wieder auf, stecke „mit dissozialem Charme“ Rückschläge weg. „Er hat wirklich an sich gearbeitet“, sagt Sandra Schauen.

Den ersten Abend in Freiheit verbringt er mit Currywurst und Pommes

An der Gründung der Ambulanz war auch Prof. Dr. med. Kröber beteiligt, Beiers Gutachter, der die schlimmsten Verbrecher des Landes zu seinem Beruf gemacht hat. Seit dem Tag des Urteils sind sich die beiden nicht mehr begegnet. Im Herbst 2016 ist Kröber emeritiert, er arbeitet weiterhin als Gutachter und in der Forschung. In seinem Büro schaut er nun aus dem Fenster, während er im Stuhl vor- und zurückschaukelt und über die niedrige Rückfallquote nachdenkt. Hat ihn selbst überrascht.

Die ambulante Nachsorge nach der Entlassung sei inzwischen „mindestens so wichtig“ wie die therapeutische Arbeit hinter Gittern. Viele langjährige Kriminelle seien völlig vereinsamt, Therapeuten und Betreuer müssen erst mal Freunde oder die Familie ersetzen. „Wenn wir erreichen, dass der Entlassene uns annimmt als Gesprächspartner, für die es sich lohnt, heil durch die Woche zu kommen, haben wir viel weniger Rückfälle.“ Unter solchen Umständen, da seien sich alle Experten einig, könnten die Patienten auch zügiger aus der SV und dem Maßregelvollzug entlassen werden.

Rolf Beier verbringt seinen ersten Abend in Freiheit – und fast alle folgenden – allein. Mit einer Tasse Kaffee, Currywurst und Pommes. Er sitzt am Tisch in dem sonst noch leeren Zimmer, starrt aus dem Fenster, stundenlang. Keine Gitter, er sieht es ja, doch glaubt es nicht. Beier spürt seltsam wenig. „Ich habe es nicht richtig kapiert, nicht gefühlt.“

Draußen – im Knast klang das nach einem Ort der Verheißung, nach Zukunft. Für Rolf Beier bedeutet draußen vor allem: Arbeit. Er durchlebt mehrere Krisen, Ostern stürzt er richtig ab. Holt sich ein paar Flaschen Weinbrand und säuft drei Tage durch, dann hört er auf, meldet den Verstoß den Betreuern, der Therapeutin, seiner Bewährungshelferin. Seine Bude, sagt er, die ist sein Rückzugsort. Wenn er sauer wird und aggressiv, dann bleibt er hier. Ist sicherer so.

Wenn man Beier fragt, was er sich wünscht, zuckt er ratlos mit den Schultern. Im Urlaub war er nie, nie im Theater, im Museum oder im Konzert, im Kino das letzte Mal vor mehr als 30 Jahren, irgendwo am Ku’damm. Kommt ja alles irgendwann im Fernsehen, sagt Beier. „Auf Streife kiek ich gerne. Duisburg Nord. Medical Detective. Criminal Minds – spannend, wie die das lösen. Und neulich: Die schlimmsten Verbrecher der Welt – das is’ interessant!“

Um Rücksicht, sagen sie, darf man in Berlin nicht bitten

Bald wird auch Jörg Riese entlassen. Beier freut sich, dass er sich kümmern kann. „Drinnen war ich der Starke. Jetzt ist es Jörg. Draußen braucht er wieder meine Hilfe.“ Und Beier muss seine Abende nicht mehr allein verbringen.

Die Freunde sitzen am Kaffeetisch und klagen über den Verfall der Sitten. Goldschimmernde Kuchengabeln klappern auf blauen Glastellern. Gestern erst wieder, sagt Beier, dieser junge Kerl in der U-Bahn, schubst und drängelt, geht dann weiter, als wäre nix gewesen. Typisch, sagt sein Kumpel, aber um Rücksicht bitten dürfe man nicht, „sonst haste gleich ein Stück Metall zwischen den Rippen“. Und wenn einer tot liegen bleibt – wer ist dann angeschissen? Wir!

An der Schrankwandtür kleben Geschenkschleifen, grün, weiß, grau und kupferfarben, Überbleibsel vom letzten Weihnachtsfest. Mit einem Tannenbaum aus Plastik, den holen sie jetzt wieder raus.

So sieht es also aus, das neue Leben des Rolf Beier: 38 Quadratmeter im Osten der Stadt, zwei Männer, die an ihren Zigaretten ziehen, die Vertrautheit und Stille genießen. Sicher vor einer Welt, die ihre Freiheit so fürchtet.

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