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Beier misshandelt die Frau bis zum Morgen, während nebenan die Kinder schlafen

Rolf Beier wurde als Kind zweimal sexuell missbraucht. Seitdem trug er immer ein Messer bei sich. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Leben nach der Haft in Berlin Die letzte Chance eines Serientäters

In Unfreiheit zu überleben, hat Beier im Heim gelernt, bevor er Lesen und Schreiben konnte. Dann, mit Anfang 20, entscheidet er sich, wenn auch unbewusst, für eine Welt, in der er einer von allen sein kann, dazugehört: das Gefängnis.

In der JVA Tegel, einer der ältesten Justizvollzugsanstalten Deutschlands, sitzt Beier Strafe um Strafe ab, umgeben von einer 1465 Meter langen Gefängnismauer und 13 Wachtürmen. Deutschlands größter Männerknast, überbelegt, veraltet, verrufen. Es gibt Zellen, in denen die Häftlinge mit 5,25 Quadratmetern und einer Toilettenschüssel mitten im Raum auskommen müssen.

Beier richtet sich ein hinter den Mauern, wo er nicht selbst sein Konto führen, sich um keine Miete oder Strom kümmern muss, um keine Krankenkasse, Versicherung, Formulare, Anträge.

Er sitzt, als er seinen Hauptschulabschluss nachholt.

Er sitzt, als er seine Lehre beginnt. Und die Prüfung zum Maler und Lackierer besteht.

Er sitzt und wird linker Verteidiger in der Gefängnismannschaft.

Und er sitzt, als er 1984 die damals 20-jährige Claudi heiratet.

Die Claudi, sagt Beier, hat er bei einer Freundin am Kurt-Schumacher-Platz kennengelernt, vor der Sache mit dem Totschlag. Danach hatte er sie freigegeben. Zehn Jahre, wer soll das schaffen? Doch die Claudi blieb.

Im Gefängnis backt er Bienenstich, verhökert die Bleche am Besuchertag

Und sie sagte: Ja. Es ist eine spartanische Zeremonie, der Gefängnispfarrer tut, was er kann, um den kargen Besucherraum mit ein paar Tischdecken und Kerzen aufzuhübschen. Beiers Mutter kommt, die Schwester Christel, „aufjetaakelt zur Feier des Tages“, es gibt Kaffee und Kuchen, dann schließt sich die Zellentür hinter ihm.

Die Claudi, sagt Beier: Die war schon top! „Jut, sie war ein bisschen kräftig, aber dit haben wa in den Griff jekriegt.“ Und zuverlässig ist die Claudi, besucht ihn, schickt ihm zu Weihnachten, Ostern und zum Geburtstag die erlaubten Fünf-Kilo-Pakete. Er zahlt, sie packt, was er bestellt, Kaffee, Tabak und Süßes. Dass sie nach vier Jahren die Scheidung einreicht, ist Pech, geht im Knast fast allen so.

„Anstaltsinsasse zu sein ist die Lebensform, die er kennt und die zu verlassen er keine längerdauernden Mühen auf sich nehmen mag.“

In der JVA, sagt Beier, wollen alle, Häftlinge und Wärter, vor allem eines: ihre Ruhe. In seiner ersten Woche muss er mal eine Ansage machen, als ihm einer dämlich kommt. Meine Zigaretten willst du? Beier geht ihm an die Kehle, drückt ihn übers Geländer, dann ist gut. Die Banden im Knast, die Türken, Russen und Araber, lassen ihn in Ruhe.

Im Haus 3E eröffnet Beier mit seinem Kumpel den „Einkaufsladen“. Für rund 110 D-Mark dürfen sie einmal im Monat über die JVA Lebensmittel bestellen. Das Geld legen sie zusammen und holen für sich selbst nur das Wichtigste. Den Rest investieren sie in Spaghetti, Tomatenmark, Kaffee, Tabak und Schokolade, schauen dann zu wie erst mal alle kochen, essen, rauchen, in wenigen Tagen verbrauchen, was sie sich selbst gekauft haben. Dann kommt die Zeit für Beiers Lager, 100 Prozent Marge, das rechnet sich. „Die Drogis verkaufen sowieso Haus und Hof.“ Ob Bargeld, Handys oder Drogen, sagt Beier, es gebe alles. Als sie aufzufliegen drohen, lassen sie das Geschäft auslaufen. Beier steigt um auf Bienenstich. Backt ganze Bleche, verhökert sie am Besuchertag. In der Woche verkauft er Döner, mit Kalbsfleisch aus der Dose.

Beier führt sich gut. Ein angenehmer Häftling. Mit guter Prognose. Am 18. Februar 1992 wird ihm, nun 34 Jahre alt, der Rest der Haft erlassen.

Vier Wochen später schlägt Rolf Beier wieder zu.

Die Wut steigt auf. Miststück. Er fesselt sie

Ja, die Sache mit dem Lutta, sagt er, als könne er es selbst nicht glauben, der totale Schwachsinn! Und fängt dann an zu erzählen: „Den Lutta kannte der Otto vom Bahnhof Zoo, wo sich Otto seine Jungen holte, wenn er Geld hatte. Der Lutta, der war schwul und lesbisch, der hing da immer rum. Der stand auf Gold, und wir haben gesagt, komm rum, wir haben Ketten und Uhren da, und das in meiner Bude, ein Schwachsinn!“

Passierte irgendwie. In der Wohnung fesseln sie Lutta mit einer Paketschnur, nehmen ihm 370 Mark und seine Scheckkarte ab. Vor Mitternacht hebt Beier die ersten 800 ab, dann trinken alle zusammen Schnaps und Cola, nach Mitternacht holt sich Beier weitere 1000 Mark. Besoffen wie er ist, bekommt es Beiers Kumpel mit der Angst zu tun, ruft heimlich die Polizei. Beier kann flüchten, stellt sich später. Das Landgericht verurteilt ihn wegen räuberischer Erpressung zu drei Jahren und sechs Monaten.

Beier führt sich wieder gut. Macht keinen Ärger. Ein angenehmer Häftling. Mit guter Prognose. Die Justiz bereitet den Mann, auf den da draußen nichts und niemand wartet, der da draußen nichts und niemand ist, wieder auf die Freiheit vor.

„Am 19. September 1996 hatte der Angeklagte von 14 bis 22 Uhr Ausgang. Er trug eine Lederjacke, in deren Ärmel er wie gewöhnlich bei seinen Ausgängen ein etwa 30 cm langes Brotmesser versteckte. Nach jedem Ausgang versteckte er das Messer vor seiner Rückkehr in die Justizanstalt vor deren Eingang im Gebüsch.“

An diesem Tag fährt Beier mit dem Rad herum, geht in eine Pizzeria, trinkt, was verboten ist, zwei Flaschen Bier. An einem Zeitungskiosk kauft er eine Flasche Weinbrand, zwei Dosen Cola und zwei Überraschungseier. Er beschließt, Doris zu besuchen, die Frau seines Gefängniskumpels Bifi. Sie ist im sechsten Monat schwanger. Beier weiß bis heute nicht, was er erwartet hat, die Frau will nichts von ihm wissen, irgendwie entgleitet alles, die Wut steigt auf, blödes Miststück, er fesselt, vergewaltigt sie.

„Danach verhielt er sich freundlich, entschuldigte sich für sein Verhalten und erzählte aus seiner Kindheit. Er gab an, ihrem Mann ,eins auswischen’ zu wollen. Dann wurde sein Blick plötzlich wieder starr und hart, er schlug der Zeugin mehrfach ins Gesicht.“

Beier misshandelt die junge Mutter bis zum nächsten Morgen, während nebenan die zwei Kinder schlafen.

Die 4. große Strafkammer des Landgerichts verurteilt ihn in 20 Prozesstagen zu sechs Jahren Freiheitsstrafe und ordnet die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Der Bundesgerichtshof hebt das Urteil auf und gibt den Fall ans Landgericht zurück. Am 29. Juni 1999 schließt sich die 2. große Strafkammer in der Revision der Einschätzung des „Sachverständigen Prof. Dr. med. Kröber“ an. Sie verurteilt den Angeklagten, zu neun Jahren Haft plus SV.

Er will nicht im Gefängnis sterben. Ums Verrecken nicht

Für die Haft nach der Haft gibt es damals ein eigenes Gebäude in Tegel: Haus 5, Endstation. In dem Altbau leben die SVler, Zelle an Zelle, jede acht Quadratmeter groß. Eine Verwahranstalt für jene, die die Justiz als unverbesserlich einstuft.

„Bei der getroffenen Maßregelanordnung hat die Kammer berücksichtigt, dass ein milderes Mittel nicht ersichtlich ist, zumal die bislang durchgeführten Therapiemaßnahmen ohne erkennbaren positiven Einfluss auf den Angeklagten geblieben sind.“

Da sind die Verwahrlosten, die kaum noch aus dem Bett kommen, Hospitalisierungsgeschädigte, die, das macht sie auch gefährlich, unfähig sind, noch selbstbestimmt in Freiheit zu leben. Und dann sind da die Psychopathen, die, noch fit und voller Tatendrang, nur auf ihre nächste Chance lauern, rauszukommen, zuzuschlagen. Und es gibt noch die, die nichts mehr zu beweisen haben, müde geworden sind, sich ein paar ruhige Jahre in Freiheit wünschen.

Doch wer ist wer? Und wie kann man das vorher wissen?

Es gibt wenig, was Richter und Anstalten so fürchten, und die Öffentlichkeit so erregt, wie der Rückfall eines freigelassenen Gewaltverbrechers. „Fast jeder zweite Straftäter wird rückfällig“, titelten im Sommer 2016 wieder Zeitungen. Dabei betrifft diese Quote vor allem Diebe, wie eine Langzeituntersuchung des Max-Planck-Instituts und der Georg-August-Universität Göttingen 2016 ergab. Von den wegen Mordes oder Totschlags Verurteilten kamen zwar 34 Prozent wieder vor Gericht – allerdings nicht wegen ähnlicher Verbrechen: nur 0,4 Prozent erneut wegen eines Tötungsdelikts. Bei Sexualdelikten liegt die Quote für einschlägige Rückfälle bei rund drei Prozent.

Beier will nicht ins Haus 5, ums Verrecken nicht. Er sagt sich: „Wenn ick jetzt nix ändere, schlage ich noch einen tot und sterbe im Knast.“ Der Tod hinter Gittern, die größte denkbare Niederlage. Ein Leben, für nichts.

Erst ist es vermutlich weniger ein Entschluss, mehr ein Reflex. Wie bei einem Ertrinkenden, der sich mit letzter Kraft vom Untergrund abstößt und an der Oberfläche gierig nach Luft schnappt.

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