Wer ist lauter als grölende Junggesellen auf E-Rollern? Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP
© Doris Spiekermann-Klaas TSP

„Lasset die Rollerspiele beginnen!“ E-Scooter sind des Teufels? Autos sind schlimmer!

Von Straßenkampf ist die Rede, sogar Punks pöbeln gegen die E-Roller. Doch warum richtet sich nicht euer Furor gegen all die fetten Karren? Eine Polemik.

Abends in Friedrichshain. Ein Punk schlendert hinter zwei unangeleinten Hunden her. Ein Mann fährt auf einem orangefarbenen E-Scooter vorbei. Zwischen ihnen liegt ein halber Meter. Es kommt zu keiner Berührung. Trotzdem schreit der Punk: „Fahr mir doch gleich über den Fuß mit deinem Scheiß-Teil.“

Seit vier Wochen sind Elektroroller im deutschen Verkehr erlaubt. Und seit vier Wochen schreiben Zeitungen vom „Straßenkampf“, reden ehemals vernünftige Menschen vom „Krieg auf dem Bürgersteig“. Sogar Punks (ey, übrigens: Leinenpflicht!) werden beim Anblick eines E-Rollers zu Ordnungshütern. Was für eine Verdrehung der Tatsachen!

Klar ist es bedenklich, dass in Berlin mit den Elektrokleinstfahrzeugen bereits 21 Unfälle mit 19 Verletzten gemeldet wurden. Richtig auch, dass die Dinger rabiat beschleunigen (und Geschwindigkeiten von bis zu 20 Stundenkilometern erreichen), teuer sind (15 Cent pro Minute) und optisch eher bescheiden daherkommen (als hätte das in Berlin je gestört).

Nur: Wer ist lauter als grölende Junggesellen auf E-Rollern? Autos! Wer zerstört unseren Planeten nachhaltig? Autos! Und wer ist hierzulande für 3265 Verkehrstote 2018 verantwortlich?

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Die Debatte erinnert an die Hysterie der Windkraftgegner. Von verschandelten Landschaften war die Rede – als hätten das die Straßen, von denen aus man sie betrachtet, nicht längst erledigt. Die türkis- und apricotfarbenen Roller gibt es deutschlandweit bloß ein paar Zehntausend Mal. Autos hingegen: 47 Millionen.

Erstaunlich also, wie viel Energie die Leute plötzlich aufbringen, um über Roller zu schimpfen, die Gehsteige „vollmüllen“. Wetten, dass sich mit dem Elan eine Menge Plastik aus dem Tiergarten aufsammeln ließe? Warum richtet sich der neue Furor nicht gegen die fetten Karren, die mit ihren Hecks lebensgefährdend auf die Radwege ragen?

Angeblich sorgen sich zwei Drittel der Deutschen um den Klimawandel, angeblich will jeder Dritte das Auto weniger nutzen. Natürlich steigt niemand vollends auf den Scooter um. Doch als eines von vielen Share-Angeboten macht er das Auto zunehmend überflüssig. Die Wege zwischen Wohnung und U-Bahn, zwischen Kneipe und Bushaltestelle schrumpfen dank Mikromobilität. Die Roller könnten ein Steinchen im Mosaik der Mobilitätswende sein.

Bestimmt muss die Politik nachjustieren, eine Helmpflicht wäre sinnvoll. Doch wie viele Kinder fliegen beim ersten Mal Radfahren auf die Nase? Wie viele Fahrschüler verdanken ihr Überleben dem Eingreifen des Lehrers? Auch E-Rollern muss die Menschheit erst lernen. Dann könnte es mehr werden als Spaß für Touristen.

Apropos Spaß. Selten hat man in Berlin so viele Menschen lächeln gesehen. Jauchzend sausen sie die Alleen entlang. Kommentatoren befürchten gleich den Rückfall ganzer Orte in die Kindheit (spätestens seit „Fridays for Future“ vielleicht eine gute Idee). Unerhört, dass da junge Menschen in unserer Stadt Spaß haben!

Abends in Friedrichshain. Von der Straße her dringen seltsame Laute. Ein Pärchen, nebeneinander auf E-Rollern. Ahaha, ohoho, ihihi, holpern sie übers Kopfsteinpflaster und lachen. Wie schrieb Astrid Lindgren? „Nichts sollte sie daran hindern, gerade hier und jetzt mit dem Glücklichsein anzufangen. Denn es war Sommer.“

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