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Die Rüssel der Schweine sind sensible Organe, mit denen sie Nährstoffe aufspüren können. Christoph M. Kluge
© Christoph M. Kluge

Landwirtschaft in Brandenburg Afrikanische Schweinepest gefährdet Bio-Freilandhaltung

Die Brandenburger Bäuerin Anja Koch setzt auf Freilandzucht. Doch die Schweinepest ist eine Gefahr für ihren kleinen Biobetrieb.

Emsig wühlen die Schweine in der Erde. Ab und an geben sie ein tiefes Grunzen von sich. Aus einer Hütte tritt eine Sau, hinter ihr folgen sechs kleine Ferkel. Auf ihrer Weide nahe dem Dorf Gömnigk im Landkreis Potsdam-Mittelmark hält die Bio-Schweinebäuerin Anja Koch ihre Tiere ohne feste Stallgebäude. Hütten dienen ihnen als Schutz vor Wind und Regen. Doch diese Art der Freilandhaltung ist in Gefahr – durch die Afrikanische Schweinepest (ASP).

Die Rüssel der Schweine sind sensible Organe. Mit ihnen durchsuchen sie die Erde nach Nährstoffen. Die finden die Allesfresser in Pflanzen ebenso wie in Insekten oder Würmern. Vollständig können sich die Schweine aber nicht aus dem Boden ernähren, an mobilen Futterstellen stellt Anja Koch daher Getreide für sie bereit. Genau genommen handelt es sich um Getreidereste, die bei der Verarbeitung zu Brot anfallen.

Nach einigen Wochen stellt die 40-Jährige die Zäune um, dann können die Schweine ein neues Stück Weide durchwühlen. Die ständige Aktivität scheint den Tieren gutzutun. Sie wirken muskulös, geradezu durchtrainiert. Das verbessere auch die Fleischqualität, sagt Anja Koch. Fleischer seien regelmäßig begeistert von der feinen Marmorierung, die es bei schnell gemästeten Tieren aus industriellen Anlagen nicht gebe.

Koch hat ihren Zuchtbetrieb erst Anfang 2019 übernommen. Die sogenannte Jungbäuerin stammt ursprünglich aus Hessen. Doch vor ihrer Meisterprüfung zur Landwirtin hat sie beim Biohof Steinreich in Bad Belzig gearbeitet. Dort lernte sie Bernd Schulz kennen, den Vorbesitzer der Schweinezucht. Der kaufte dort Futter für seine Schweine ein. Als Schulz eine Nachfolge suchte, übernahm Koch den Betrieb.

Der Biohof Steinreich liefert nun das Futtergetreide und hilft außerdem bei der Vermarktung. Die erfolgt jetzt unter dem griffigen Label „Fläminger Weideschwein“, unter anderem über einen Online-Shop, aber auch einmal die Woche im Gömnigker Hofladen.

Die Freilandhaltung wird vor allem von kleinen Biobetrieben genutzt. Anja Koch, die aktuell 100 Schweine auf dem Hof hat, setzt auf die alten Rassen. Das sind robuste Tiere, zum Beispiel Sattelschweine. Für die Zucht hat sie außerdem einen Eber der amerikanischen Rasse Duroc.

Die Schweine auf Anja Kochs Koppel können sich frei bewegen, feste Ställe gibt es nicht. Christoph M. Kluge Vergrößern
Die Schweine auf Anja Kochs Koppel können sich frei bewegen, feste Ställe gibt es nicht. © Christoph M. Kluge

Doch die Afrikanische Schweinepest gefährdet die Existenz von Betrieben wie ihrem. Aufgrund der Hygienebestimmungen kann sie keine Besucher auf die Weide lassen. Für das Vermarktungskonzept ist es jedoch im Grunde wichtig, dass sich die Verbraucher ein eigenes Bild machen können.

„Eigentlich bin ich gerade in der Umstellungsphase“, sagt Koch. Der Vorbesitzer hatte vor allem Ferkel produziert und dann verkauft. Koch füttert die Schweine nun länger, bis sie vollständig ausgewachsen sind. Dann werden sie geschlachtet. Und das soll möglichst ohne lange Wege in der unmittelbaren Region geschehen. Schwierig sei es, einen Fleischer in der Nähe zu finden, sagt Koch. „Ich bin schon beim fünften.“

Kritik an der Freilandhaltung

Viele Fleischermeister stünden kurz vor der Rente und fänden keinen Nachfolger. Weil die Fleischer nicht biozertifiziert sind, kann Koch kein Biosiegel für das Fleisch bekommen. Umso schwerwiegender ist es, dass der direkte Kontakt zum Kunden unter den aktuellen Corona-Bedingungen kaum möglich ist. Wegen der ASP müsste Anja Koch ihre Schweine jetzt eigentlich im Stall unterbringen. Doch sie hat keinen.

„Einige konventionelle Schweinebauern fordern bereits ein Verbot der Freilandhaltung“, sagt Koch. Auf Versammlungen sei ihre Form der Haltung als besonders riskant bezeichnet worden. Doch Koch vermutet, dass manchen Schweinebauern die Biokonkurrenz ohnehin ein Dorn im Auge sei und sie die Gelegenheit nutzen wollten, um sie loszuwerden.

„Die Hygieneregeln müssen konsequent umgesetzt werden“, sagt Ulrich Pohlschneider, Sprecher der bundesweiten Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands, der sowohl konventionelle als auch Bioerzeuger angehören. Das gelte grundsätzlich für alle Betriebe, ob Stall- oder Freilandhaltung. „Aber die Haltung auf der Weide bedeutet natürlich höhere Risiken“, sagt der Sprecher.

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Brandenburg ist besonders hart getroffen von der ASP. Im gesamten Bundesland wurden laut Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz (MSGIV) insgesamt 172 Fälle von ASP bei Wildschweinen gemeldet (Stand 24. November). Betroffen sind vor allem die östlichen Landkreise, dort wurden umfangreiche Eindämmungsmaßnahmen ergriffen. In Potsdam-Mittelmark gab es bislang noch keinen Fall.

Hygiene ist das A und O

„Unachtsamkeit von Menschen gilt als Hauptübertragungsquelle“, warnt das MSGIV auf seiner Website. Denn die Afrikanische Schweinepest kann nicht nur direkt von Tier zu Tier übertragen werden, also zum Beispiel durch ein Wildschwein, das am Gehege nach Futter sucht. Die Übertragung ist auch indirekt möglich, zum Beispiel durch Schuhe, Fahrzeuge oder Lebensmittel.

Um die strengen Hygieneregeln einzuhalten, hat Anja Koch einen Bauwagen zu einer Schleuse umgebaut. Dort wechselt sie die Kleidung bei jedem Betreten und Verlassen der Koppel. Um die Weide hat sie außerdem einen zusätzlichen Schutzzaun aufgestellt, der Wildschweine fernhalten soll. Diese Sicherheitsmaßnahmen hat sie in Absprache mit der Fachdienststelle Veterinärwesen beim Landkreis Potsdam-Mittelmark umgesetzt.

Mit seinem Wagen verkauft Bernd Schulz "Lecker Backschwein" auf Wochenmärkten in Berlin und Brandenburg. Christoph M. Kluge Vergrößern
Mit seinem Wagen verkauft Bernd Schulz "Lecker Backschwein" auf Wochenmärkten in Berlin und Brandenburg. © Christoph M. Kluge

Anja Koch versucht nun, einen Teil der Schweine zu verkaufen, auch wenn das einen wirtschaftlichen Verlust bedeutet. Doch es gibt kaum Nachfrage nach lebenden Tieren. Denn momentan versuchen auch viele konventionelle Betriebe, ihre Kapazitäten herunterzufahren. Schon vor dem Ausbruch der ASP hatten Schlachthofschließungen nach Corona-Ausbrüchen zu regelrechten Schweine-Staus geführt.

Zum Glück für Anja Koch gibt es Bernd Schulz, den Vorbesitzer. Mit einem Verkaufswagen steht er auf Wochenmärkten und bietet „Lecker Backschwein“ an. Das Biofleisch von Kochs Koppel serviert er mit saftigem Schlachtekraut und Biohanfbrot für acht Euro. Damit ist Bernd Schulz in der Markthalle IX in Berlin-Kreuzberg ebenso ein bekanntes Gesicht wie auf Berliner Wochenmärkten in Weißensee und Hermsdorf oder dem Molkenmarkt in Brandenburg (Havel). Auf Wunsch serviert er auch einen Schnaps dazu: den „Backschwein-Schluck“.

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