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Früher Anflug. Aktuell wird der Flugverkehr ausschließlich über die Nordbahn abgewickelt – schlecht für den Berliner Stadtrand. Foto: Patrick Pleul/dpa
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Lärm am BER Trotz Nachtflugverbot fast 100 Starts und Landungen nach Mitternacht

Die Passagierzahlen sind in der Krise um 90 Prozent gesunken. Dennoch müssen BER-Anwohner auch spätabends und frühmorgens Lärm ertragen – meist von der Post.

Seit Eröffnung des Flughafens BER gilt in Schönefeld ein Nachtflugverbot. Aber in den ersten beiden Betriebsmonaten sind in der sogenannten Kernzeit zwischen Mitternacht und fünf Uhr früh fast 100 Maschinen gestartet oder gelandet.

Die Flughafengesellschaft FBB nennt auf Tagesspiegel-Anfrage 80 Postflüge, drei Überführungen, vier Ambulanz- oder Rettungsflüge und einen Polizei- oder Regierungsflug. Hinzu kommen laut FBB drei „normale“ Nachtflüge aus den ersten drei Novembertagen, an denen die neue Südbahn noch nicht in Betrieb war und das Nachtflugverbot nicht galt.

In der gesamten Nachtzeit zwischen 22 bis 6 Uhr – also in jenen Stunden, für die die Anwohner der dicht besiedelten Einflugschneisen seit vielen Jahren vergeblich ein striktes Flugverbot fordern – waren es laut FBB bis zum Jahreswechsel sogar 622 Flugbewegungen, also etwa zehn pro Nacht. 376 davon erfolgten in der ersten Nachtstunde bis 23 Uhr, 66 bis 23.30 Uhr und acht in der halben Stunde vor Mitternacht. Morgens zwischen fünf und halb sechs waren es sieben Flugbewegungen, zwischen halb und um sechs weitere 73.

Laut der Nachtflugregelung am BER darf von morgens 5.30 bis abends 23.30 Uhr regulär geflogen werden. In den halben Stunden davor und danach sind nur verfrühte oder verspätete Flüge zulässig. Ausgenommen vom Nachtflugverbot sind laut FBB Post-, Ambulanz-, Regierungs- und Polizeiflüge sowie Überführungen.

Frachtflüge sind „Grundlage für das Online-Geschäft“

Der bisherige nächtliche Lärm um den BER war also im Rahmen des Erlaubten – was nichts an der Belästigung der Anwohner ändert. Die Frage, ob diese Flüge angesichts des binnen Jahresfrist um 90 Prozent gesunkenen Passagieraufkommens auch tagsüber stattfinden könnten, verneint die Flughafengesellschaft: Wegen der Umlaufpläne für die Maschinen sei eine Verlegung von Flügen „schon wegen der Verfügbarkeit des Flugzeuges nicht möglich“.

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Außerdem „findet ein Flug genau zu der geplanten Zeit statt, weil es dafür eine Nachfrage gibt“. Die an den Tagesrandzeiten koordinierten Frachtflüge seien „wegen der sehr kurz getakteten Lieferketten zwingend notwendig und die Grundlage beispielsweise für das Online-Geschäft“. Allerdings gibt die Flughafengesellschaft auch zu, dass sie sich gar nicht bemüht hat, mehr Verkehr tagsüber abzuwickeln.

Nordbahn: Vor allem der Berliner Stadtrand bekommt den Lärm ab

Wegen des coronabedingten Minimalbetriebes wird der Flugverkehr zurzeit wieder komplett über die Nordbahn abgewickelt, die bereits dem alten Flughafen Schönefeld diente. Damit haben die weiter südlich gelegenen Orte nach einem kurzen Intermezzo wieder Ruhe, während vor allem der Berliner Stadtrand den Lärm abbekommt.

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Ein Anwohner aus dem Köpenicker Ortsteil Karolinenhof berichtet: „Weil so wenige fliegen, ist es nicht anders als vor der BER-Eröffnung, zumal die größeren Maschinen nicht unbedingt lauter sind als die kleinen.“ Der Lärm bei Starts – die immer gegen die Windrichtung erfolgen, also bei Ostwind über den Berliner Südosten – sei sogar schneller vorbei als früher, wenn über die neue Müggelseeroute gestartet werde. Auf dieser Route drehen die Flugzeuge über Köpenick nordwärts ab – und verlärmen damit verstärkt Gebiete, die bisher kaum betroffen waren, beispielsweise Wendenschloss und Friedrichshagen.

Brandenburger Gemeinde will gegen bestimmte Starts am BER klagen

Auf der Westseite des BER sagt der Bürgermeister der am stärksten betroffenen Gemeinde Blankenfelde-Mahlow, Michael Schwuchow (SPD): „Aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger ist etwas unverständlich, warum ausgerechnet die Nordbahn in Betrieb bleibt und die Südbahn geschlossen wurde.“ Denn sonst wären weniger Menschen betroffen und die Maschinen könnten vor der Gemeinde südwärts abdrehen.

Die Gemeindevertretung Blankenfelde-Mahlow hat beschlossen, gegen nächtliche Geradeausstarts vom BER zu klagen. „Die Unterlagen erwarte ich in den nächsten Wochen“, sagt Schwuchow. Zugleich bedauere er, dass eine vom Bürgerverein Brandenburg-Berlin unterstützte Anwohnerklage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bisher völlig unabhängig von seiner Gemeinde betrieben werde.

Im Dezember hatte der Gerichtshof die Beschwerde angenommen, die darauf zielt, den Anwohnern mehr Nachtruhe zu verschaffen, die ihnen deutsche Gerichte nicht zugestehen wollten. Auch ein entsprechendes Volksbegehren in Brandenburg war erfolgreich, wurde aber auch wegen Einwänden der BER-Miteigentümer Bund und Berlin bisher nicht umgesetzt.

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