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Dozentin Julia sagt beim Töpfern: "Wasser ist schön - aber gefährlich!" Foto: Mike Wolff
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Kurs-Crashen an der Volkshochschule Wie ich in einer Woche zum Universalgelehrten wurde

Altgriechisch, Kampfsport, Töpfern: Unser Autor hat an Volkshochschulen eine Woche versucht, jeden Tag etwas zu lernen. Erste Lektion: Talent wird überbewertet.

Und dann, nach drei Stunden Arbeit und mehr als zehn Produktionsschritten, kommt der große Moment. Langsam, ganz vorsichtig, hebt die Dozentin das handgeschöpfte Büttenpapier hoch, über das ich gerade die Walze der Druckerpresse gerollt habe. Zum Vorschein kommt das Bild eines Laternenfischs, scharfe Zähne, hungriges Maul, auf Beutesuche in der Tiefsee. Nicht schlecht, denke ich. Ist das jetzt Kunst?

Den Fisch habe ich an diesem Donnerstagvormittag in der Volkshochschule Kreuzberg auf Papier vorgezeichnet, dann mit einer Nadel in eine Zinkplatte geritzt, Druckfarbe mit einem Roller auf die Platte aufgetragen, die Farbe erst mit einem Gazetuch einmassiert und dann mit einem anderen vorsichtig wieder abgewischt.

Meine Fingerspitzen sind tiefschwarz, obwohl ich meine Hände in den vergangenen Stunden immer wieder gewaschen habe, mit körniger Spezialseife. Würde ich keine Schürze tragen, könnte ich meine Hose wahrscheinlich wegschmeißen.

Aber jetzt liegt da dieser Fisch vor mir. „Kaltnadelradierung“ nennt man die Technik, von der ich bis zu diesem Tag nicht einmal gehört hatte. Rembrandt hat damit gearbeitet, Munch und Picasso ebenfalls. Und jetzt auch ich.

„Sieht doch schon ganz gut aus“, sagt die Dozentin. „Gleich nochmal?“ Na klar, ich bin ja zum Lernen hier.

In diesem Jahr feiern die deutschen Volkshochschulen ihr 100-jähriges Bestehen. Jedes Jahr bieten die zwölf Berliner Volkshochschulen – jeder Bezirk hat seine eigene – insgesamt mehr als 20.000 Kurse, mehr als 800.000 Unterrichtsstunden an. Für etliche Menschen in dieser Stadt sind die Volkshochschulen wichtige Orte: Hier bilden sie sich fort, gehen Hobbys nach, lernen Gleichgesinnte und Andersdenkende kennen. Doch wer einen Kurs besucht, bekommt nur einen winzigen Ausschnitt des riesigen Volkshochschulkosmos zu sehen.

Ich will tiefer eintauchen. Der Plan: eine Woche Volkshochschule, so viele verschiedene Kurse wie möglich, Universalbildung im Eiltempo. Was lernt man da eigentlich? Wen trifft man dort? Was bedeutet Volkshochschule im Jahr 2019? Und kann ich vielleicht sogar ein paar Fähigkeiten an mir entdecken, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte? Eine Woche lang darf ich mich ausprobieren, Wissen aufsaugen, mir Fertigkeiten aneignen.

Wer sich in der Druckwerkstatt in Kreuzberg an einer Kaltnadelradierung versuchen möchte, muss bereit sein, sich die Hände schmutzig zu machen. Foto: privat Vergrößern
Wer sich in der Druckwerkstatt in Kreuzberg an einer Kaltnadelradierung versuchen möchte, muss bereit sein, sich die Hände schmutzig zu machen. © privat

TANZEN, BACKEN, AKTZEICHNEN?

Bevor meine Woche beginnen kann, brauche ich mehrere Tage, um mein Programm zusammenzustellen. Das Angebot ist riesig, allerdings ballen sich viele Kurse in den Abendstunden oder am Wochenende. Stilberatung oder Selbstverteidigung? Aktzeichnen oder tanzen? Steak braten oder Kuchen backen? Die Steuererklärung verstehen oder ein besserer Vater werden?

Der Qi-Gong-Kurs in Lichtenberg fällt aus, genauso wie die Vogelbeobachtung im Britzer Garten. Das Elterncoaching in Treptow wird kurzfristig abgesagt. Die Teilnehmer im Kurs Instagram-Marketing möchten keinen Journalisten dabei haben, warum auch immer.

Doch es bleibt genug Programm übrig, um jeden Tag in eine neue Welt einzutauchen.

Im Deutsch-Integrationskurs A2.1 geht es um Sprache - und um Alltagsfähigkeiten. Foto: Lars Spannagel Vergrößern
Im Deutsch-Integrationskurs A2.1 geht es um Sprache - und um Alltagsfähigkeiten. © Lars Spannagel

DER, DIE, DAS. WER, WIE, WAS?

Die Woche beginnt Montagfrüh in der Volkshochschule Schöneberg am Barbarossaplatz. Im Foyer ist ein Zitat von Albert Einstein eingraviert, der früher hier um die Ecke wohnte: „Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“

In Raum 112 im ersten Stock lernen 16 Menschen aus aller Welt Deutsch: Eine Friseurin aus Russland ist dabei, ein Chirurg aus China, eine Anwältin aus Brasilien. Fremde in dieser Stadt, Neuankömmlinge – so wie ich ein Fremder, Neuer an diesem Ort bin. Deshalb bin ich hier, deshalb habe ich mir ausgerechnet diese Unterrichtsstunde als Premiere ausgesucht. Als erstes Eintauchen. Im Integrationskurs des Moduls A2.1 geht es heute um Präpositionen: vor, hinter, in, zwischen, unter. „Frau Meier geht nach der Arbeit im Supermarkt einkaufen“, sagen alle laut im Chor. „Willst du mit mir in die Disko gehen?“

Ich teile mir ein Arbeitsblatt mit Patrick aus Südafrika. Patrick grübelt und trommelt mit den Fingern auf dem Tisch. Heißt es die Kommode, das Kommode oder doch der Kommode? Und was passiert grammatikalisch mit so einer Kommode, wenn jemand etwas auf sie draufstellt oder an ihr vorbeigeht? Femininum, Maskulinum, Dativ, Akkusativ, „jetzt kommt der ,weil’-Satz mit Modalverb“, die Kursteilnehmer stöhnen. „Machen Sie das langsam!“, mahnt die Dozentin. „Den Rest bitte zu Hause! Wir korrigieren das morgen!“

KEIN DRUCK, KEINE NOTEN

Sprachkurse machen fast drei Viertel des Angebots an Berlins Volkshochschulen aus. Die Teilnehmer von „Deutsch A2.1“ sind nicht ganz freiwillig hier, sie brauchen das Zertifikat, um es bei der Ausländerbehörde oder beim Jobcenter vorzulegen. So wie Adama aus dem Senegal, der eigentlich Schweißer ist und jetzt bei Edeka arbeitet. Er ist seit zwei Jahren in Berlin, mit seiner Freundin unterhält er sich auf Deutsch, mit seinem sechs Monate alten Sohn spricht er seine Muttersprache Wolof, „damit die Sprache unserer Familie nicht verloren geht“.

Alle anderen Menschen, denen ich in der Volkshochschule begegne, sind aus freien Stücken hier. Weil sie Lust auf Lernen haben. Es gibt keine Noten, keinen Druck – wer hier sitzt, will wirklich hier sein, ein grundlegender Unterschied zu Schule, Universität und Berufsausbildung. Mir wird klar, was für ein Glück ich habe.

Beim Porträtzeichnen in Kreuzberg läuft es ganz gut - nur die Ohren sind verdammt schwierig. Foto: privat Vergrößern
Beim Porträtzeichnen in Kreuzberg läuft es ganz gut - nur die Ohren sind verdammt schwierig. © privat

EINFACH MAL MACHEN

Volkshochschule Kreuzberg am Montagabend, draußen wird es dunkel, Porträtzeichnen im Erdgeschoss. Es ist still, nur das Kratzen der Bleistifte ist zu hören, alle zeichnen, ich radiere. Wie bekommt man nur den Schatten unter den Augen hin? Wieso sieht das alles schief aus? Die Dozentin blickt mir über die Schultern und gibt Tipps. Die Unterlippe braucht man gar nicht zeichnen, es reicht völlig, den Bereich darunter zu schraffieren. „Die Kunst liegt im Weglassen“, sagt sie.

Ich fühle mich an den Kunstunterricht in der Schule erinnert und meine Ungeduld, mit der ich jedes halbwegs ansehnliche Bild irgendwann verpfuscht habe. Nach einer halben Stunde Stillsitzen braucht unser Modell eine Pause. Die Dozentin hält einen kurzen Vortrag über Anatomie und Porträttechnik. Ich notiere die Sätze „Der Schädel besteht aus Hirnschädel und Gesichtsschädel“ und „Viel Ähnlichkeit sitzt in der Nasenwurzel“, dann dürfen wir weiter zeichnen.

Die Nasenwurzel bekomme ich hin, an den Ohren verzweifle ich – leider werden die im Kurs erst in drei Wochen durchgenommen. Am Ende ist meine Skizze dem Modell aber gar nicht so unähnlich. Als ich mit dem Rad durch den Regen nach Hause fahre, halte ich den Block mit meinen Bildern an mich gedrückt wie einen Schatz.

Wenn ich nach drei Stunden zeichnen kann – was habe ich dann erst alles nach einer Woche drauf?

Dieser Ring war einmal eine Zwei-Euro-Münze. Foto: Lars Spannagel Vergrößern
Dieser Ring war einmal eine Zwei-Euro-Münze. © Lars Spannagel

700 GRAD IN ZEHLENDORF

In der Hinterhof-Werkstatt der Volkshochschule Zehlendorf werden Dienstagfrüh die Flachzangen, Stichel und Feilen ausgepackt, ein kleines Flämmchen umtanzt schon die Spitze des Gasbrenners. Die zehn Zehlendorfer Frauen – besser: Zehlendorfer Damen – haben schnell ihre Plätze vor den Schraubstöcken der Marke „Wisent“ eingenommen. Die meisten buchen den Kurs seit Jahren, eine nennt den Kurs ihre „ganz, ganz wichtige Therapiestunde“, eine andere spricht vom „Suchtcharakter“ des Goldschmiedens. Eine dritte, Filmproduzentin von Beruf, sagt voller Überzeugung, sie nehme nur Projekte an, bei denen sie Dienstag- und Donnerstagvormittag frei hat, damit sie den Kurs nicht ausfallen lassen muss. Zwischen Mai und September ist Pause, dann fehlt allen etwas.

Als die Dozentin mich fragt, ob ich versuchen möchte, eine runde Scheibe aus einem Messingplättchen herauszusägen, lachen die Damen hämisch. Als mir eine halbe Stunde später die Hände wehtun und das sechste Sägeblatt durchgebrochen ist, weiß ich auch warum. Dafür darf ich mit einer Kugelpunze, einer Art rundem Meißel, den inneren Teil aus einer Zwei-Euro-Münze herausbrechen. Die Kursleiterin schmiedet mir als Andenken daraus einen Ring, ich darf den fauchenden Brenner halten, der bei 700 Grad alles zusammenlötet.

Vom anderen Ende des Raums brüllt eine Frauenstimme: „Scheiße!“ Auch Zehlendorfer Damen können fluchen.

Altgriechisch hat etwas "Magisches", sagt eine Kursteilnehmerin in Zehlendorf. Foto: Lars Spannagel Vergrößern
Altgriechisch hat etwas "Magisches", sagt eine Kursteilnehmerin in Zehlendorf. © Lars Spannagel

VERKNALLT IN HERAKLES

Am Abend muss ich schon wieder nach Zehlendorf, im Altgriechisch-Kurs sitze ich mit einem Dozenten, zwei Frauen und drei Männern. Diese Verteilung ist ungewöhnlich: In fast allen Volkshochschulkursen sind Frauen klar in der Mehrzahl, nur rund 30 Prozent der Teilnehmer sind Männer.

Meine zwei Jahre Altgriechisch in der Schule sind knapp 25 Jahre her, die Buchstaben kann ich noch entziffern, das war’s aber auch. Dabei übersetzen wir gewichtige Sätze: „Es ist die Aufgabe des Tyrannen, das Volk zu beherrschen.“ Darüber könnte man jetzt noch ein bisschen nachdenken, stattdessen springen wir direkt zu Übung 11 mit dem Titel „Herakles spricht nahe des Sumpfgebiets Lerna zu seinem Neffen Ioalos“.

Der Dozent lehrt auch Latein und Philosophie, das Unterrichtsgespräch schweift vom Text ab, es geht um Buddhas nihilistische Seins-Perspektiven. Nebenan kreischt und lacht ein Englischkurs.

Hinterher habe ich kurz Zeit, einer Kursteilnehmerin die entscheidende Frage zu stellen: Altgriechisch – aber warum nur? Elena ist Business-Coach und Radiojournalistin, sie beherrscht bereits zehn Fremdsprachen. „Altgriechisch hat etwas Magisches, die Sprache öffnet den Geist“, sagt sie. Wenn sie mal keine Zeit für die Hausaufgaben hat, fehlt ihr etwas, „das ist wie frisch verknallt sein“.

Merke: Auf Japanisch heißt Cheeseburger "chiizu-baagaa". Foto: Lars Spannagel Vergrößern
Merke: Auf Japanisch heißt Cheeseburger "chiizu-baagaa". © Lars Spannagel

DOMO ARIGATO, MISTER HOTTODOGGU

Eine Viertelstunde später, ein Stockwerk weiter oben: Essen bestellen auf Japanisch, die Dozentin redet rasend schnell. Mein Sitznachbar hilft mir, einigermaßen zu verstehen, was von mir gefragt ist. Er heißt Célestin, ist 18 Jahre alt und macht gerade Abitur an der Sophie-Scholl-Oberschule. Japanisch lernt er nebenbei, weil er ab Sommer auf einem Öko-Bauernhof in Japan arbeiten will. Ich spiele mit Célestin ein Gespräch zwischen Gast und Kellner nach, bestelle Cheeseburger und Hotdog, Orangensaft und Cola: chiizu-baagaa und hottodoggu, orenji-juusu und koora. Sollte ich mal nach Japan fahren, werde ich zumindest nicht verhungern.

Und anscheinend habe ich Talent für diese seltsame Sprache, jedenfalls nickt die Dozentin anerkennend, habe ich womöglich eine Zukunft als Tagesspiegel-Korrespondent in Tokio?

Beim Kreativen Schreiben in Mitte ist auch der Mut gefragt, die eigenen Texte vorzulesen. Foto: Lars Spannagel Vergrößern
Beim Kreativen Schreiben in Mitte ist auch der Mut gefragt, die eigenen Texte vorzulesen. © Lars Spannagel

GRENZEN DER KREATIVITÄT

Am Mittwoch merke ich erstmals, dass ich mir ganz schön viel vorgenommen habe. Beim Kreativen Schreiben in Mitte schreibe ich erst einmal unkreativ. Und es kostet mich einigen Mut, meine Versuche der ganzen Gruppe vorzutragen. Kurz vor dem Ende des Kurses werden wir aus dem Raum geworfen, hier wird gleich ein Test geschrieben. Die letzten Texte lesen wir uns im Treppenhaus vor, alle lümmeln auf den kalten Steinstufen, keiner geht, bis alle dran waren.

Ich hetze nach Tiergarten, zur Besichtigung der finnischen Botschaft. Die beiden Saunen – jede finnische Botschaft weltweit verfügt über eine Sauna – bekommen wir nicht zu sehen. Es fällt mir schwer, dem Vortrag über die finnische EU-Ratspräsidentschaft zu folgen. Immerhin kann ich mich noch daran erfreuen, dass die nette Botschaftsmitarbeiterin das finnische Schulsystem als „zentralifiziert“ bezeichnet. Und das Wlan-Passwort im Konferenzraum tatsächlich Suomi123 lautet.

Am Abend bin ich noch für modernen brasilianischen Tanz angemeldet, dem fühle ich mich jetzt aber nicht mehr gewachsen. Die Kunst liegt im Weglassen, ich gehe lieber nach Hause.

A fish is born. Die Kaltnadelradierung ist tatsächlich etwas geworden. Foto: privat Vergrößern
A fish is born. Die Kaltnadelradierung ist tatsächlich etwas geworden. © privat

WERKSTATTGESPRÄCHE

Während ich am Donnerstag in der Kreuzberger Druckwerkstatt an meinem Tiefseefisch arbeite, erzählt mir die Dozentin von ihrer Lieblingsbegegnung in einem ihrer Kurse. Vor ein paar Jahren radierten hier ein Punk und ein Angestellter der Bundesversicherungsanstalt gemeinsam. Irokesenfrisur und dunkler Anzug, die beiden hatten nichts gemein, ihre Wege kreuzten sich in der Volkshochschule, nach dem Kurs gingen sie gemeinsam Bier trinken. Und dem Versicherungsanzugsmenschen fiel erst zu Hause auf, dass er seine Schürze gar nicht ausgezogen hatte.

Vor dem Töpfern immer erst Fingernägel schneiden! Foto: Mike Wolff Vergrößern
Vor dem Töpfern immer erst Fingernägel schneiden! © Mike Wolff

IMMER IM KREIS HERUM

Warum bin ich Freitagfrüh schon wieder in Steglitz-Zehlendorf? Was hat es zu bedeuten, dass ich keinen einzigen Kurs in Neukölln oder Spandau ausgesucht habe? Egal, neuer Tag, neues Glück, neue Schürze. Das Exemplar in der Töpferwerkstatt in Lichterfelde ist schwarz und mit Ton bekleckert.

Eigentlich hasse ich klebriges Zeug an den Händen, Teig kneten, Matschburgen bauen. Doch die Töpferscheibe rotiert hypnotisch, Dozentin Julia – Tuch über den Haaren, spanischer Akzent – zeigt mir, wie man aus einem Klumpen eine Schale formt. Vorher hat sie mich angewiesen, meine Fingernägel zu schneiden, damit ich den richtigen Druck geben kann. Sie zeigt mir, wie man den Ton anfeuchtet, ohne ihn zu weich werden und einstürzen zu lassen: „Wasser ist schön – aber gefährlich!“

Der Matsch läuft mir jetzt die Unterarme runter, Julia ermahnt mich, den Ton mit Geduld und Fingerspitzengefühl zu bearbeiten. „Machst du mit ganz Liebe, ja?“, sagt Julia. Klar, ohne ganz Liebe wird das alles nichts.

Bevor das Fleisch gebraten wird, muss die weiße Schokolade für das Dessert schmelzen. Foto: Sven Darmer Vergrößern
Bevor das Fleisch gebraten wird, muss die weiße Schokolade für das Dessert schmelzen. © Sven Darmer

RANDVOLL IN WEISSENSEE

Fünf Stunden später spritzt das Fett durch die Lehrküche der Volkshochschule Pankow, Außenstelle Weißensee. Mein Kurs am Freitagabend heißt „Das perfekte Steak“. Chefkoch Ulrich fragt trotzdem zwischendurch: „Vegetarier sind keine hier, oder?“ Dozentenhumor. Ich schmelze weiße Schokolade für den Nachtisch und rühre im Topf mit der Sauce Hollandaise, Ulrich mahnt: „Jedes Steak verhält sich anders.“ Nach den Experimenten der vergangenen Tage, den Ausflügen ins Unbekannte, erscheint mir Kochen fast profan. Auf dem weiten Rückweg aus Weißensee – nach Rindersteak, Schweinesteak, Kartoffeln, drei Soßen, Eis und zwei Gläsern Rotwein – schlafe ich in der Tram beinahe ein. Ich sehne mich nach einer eisgekühlten koora und frage mich, wieso das Berliner Volkshochschulsystem nicht wenigstens ein bisschen zentralifiziert sein kann.

"Axt und Brecheisen habe ich heute zuhause gelassen", sagt Kursleiter Antony. Foto: Lars Spannagel Vergrößern
"Axt und Brecheisen habe ich heute zuhause gelassen", sagt Kursleiter Antony. © Lars Spannagel

FIGHT CLUB FRIEDRICHSHAIN

Zum Selbstverteidigungskurs in Friedrichshain hat Dozent Antony am Samstagvormittag Pistolen, Messer, Schlagstöcke, Ziegelsteine und Schraubenschlüssel mitgebracht – alles aus Gummi, aber täuschend echt. Unwillkürlich suche ich das Arsenal nach einer Kugelpunze ab. Die Waffen wollen nicht so recht zu den Gymnastikbällen passen, die an der anderen Wand des Raums aufgereiht sind. Wahrscheinlich findet hier sonst Schwangerschaftsgymnastik statt, ich will heute kämpfen lernen, weil ich das auch einmal ausprobieren möchte (,weil’-Satz mit Modalverb).

Antony teilt uns in Paare ein, wir sollen versuchen, unserem Gegenüber an die Schultern und die Oberschenkel zu fassen, der andere soll das verhindern. Wir torkeln und schubsen uns durch den Raum. Dann kommen Schläge dazu, Antony verteilt Box-Pratzen. Wir sollen uns gegen zwei Angreifer zur Wehr setzen, im Stehen und im Sitzen, Schweiß und Adrenalin, Herakles und Ioalos, ich kassiere Treffer auf Nasenwurzel und Hirnschädel.

Direkt auf die Nasenwurzel: Selbstverteidigung in Friedrichshain. Foto: privat Vergrößern
Direkt auf die Nasenwurzel: Selbstverteidigung in Friedrichshain. © privat

In einer Pause erzählt eine Teilnehmerin, dass sie am Görlitzer Park wohnt und auf der Straße Angst hat. Antony verspricht: „Wir wollen, dass ihr nachher hier rausgeht und euch wohl fühlt.“

Antony ist zwei Köpfe kleiner als ich, aber er war Ausbilder bei der Bundespolizei und Leibwächter saudischer Diplomaten. Jetzt kommt er auf mich zu, ich soll ihm als Übung nur mit meinen Augen vermitteln: bis hierhin und nicht weiter! Antony hält erst an, als wir fast Brust an Brust stehen. Hat er denn das Stoppzeichen in meinen Augen nicht gesehen? „Das war eher eine Einladung“, sagt Antony und grinst.

Die Frauen haben zunächst Hemmungen, richtig zuzuhauen. Alle bis auf Katja. Die Krankenschwester macht den Kurs schon zum dritten Mal. Früher war sie sehr schreckhaft, erzählt sie. Heute hat sie mit aggressiven Patienten keine Probleme mehr. „Ich gehe ins Zimmer und sage: Was ist denn euer fucking Problem? Die sind dann lammfromm.“ Auf ihren linken Oberarm ist Konfetti tätowiert.

MIT KOPF UND HAND

Der Selbstverteidigungskurs soll über zwei Tage laufen, jeweils fünf Stunden lang. Doch dafür fehlt mir nach einer Woche Volkshochschule die Kraft, ich verabschiede mich von Katja, Antony und den anderen. Völlig verschwitzt trete ich auf die Frankfurter Allee, auf meinen Unterarmen zeichnen sich jetzt schon blaue Flecken ab. In Lichterfelde wartet meine Tonschale darauf, glasiert zu werden. Ich muss nochmal nach Kreuzberg, meinen Laternenfisch einsammeln. Wie er wohl aussieht, wenn die Farbe trocken ist?

Mit meinen Händen habe ich in den vergangenen Tagen gezeichnet und gekratzt, gesägt und gelötet, gematscht und geschrieben, geboxt und geschnippelt. Ich habe Dinge ausprobiert, für die ich kein Talent zu haben glaubte, ohne jede Vorbereitung. Sachen, die man nicht lehren kann, die man machen muss. Als universalgelehrt würde ich mich nicht bezeichnen, aber mein Kopf hat bewiesen, was er alles aufnehmen und verarbeiten kann.

Das heißt nicht, dass ich mich zum neuen Semester im Januar sofort für „Nähen leicht gemacht“ oder „Keine Angst vor Musiktheorie“ anmelde. Aber wer weiß, jedes Steak verhält sich anders.

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