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Ferda Ataman wird auch von Migrantenverbänden vorgeworfen, Islamismus und Probleme durch Clans zu ignorieren. J. Carstensen/dpa; P. Zinken/dpa
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Kritik an Ferda Ataman Die Regierung darf die Bedenken vieler Migranten nicht ignorieren

Ahmad Omeirate

Warum Ferda Ataman sich nicht als Antidiskriminierungsbeauftragte eignet. Ein Gastbeitrag eines Islamforschers aus Berlin-Neukölln.

Ahmad A. Omeirate, 1984 in Berlin geboren, studierte Wirtschafts- und Islamwissenschaften. Er forscht zu Diversität, Islamismus, Antisemitismus und Clankriminalität.

Die Bundesregierung will Ferda Ataman zur Antidiskriminierungsbeauftragten wählen lassen – ein Posten, der gutes Personal verdient. Inzwischen wird auch einigen Abgeordneten der Koalition und Vertretern migrantischer Organisationen bewusst, dass Ataman für diesen Posten ungeeignet ist.

Offenbar versäumte die Koalition, sich mit den sich widerstreitenden Interessen von Einwanderern und ihren Kindern differenziert auseinanderzusetzen. Die Grünen machten es sich einfach und nominierten eine Frau, die sich besonders lautstark als Vertreterin aller Migranten in Szene setzte.

Bislang beschränkte sich Kritik an Ataman oft auf ihre „Kartoffel“-Äußerungen, also an dem pauschalen Reduzieren von Bundesbürgern, in deren Familiengeschichte Ataman keine Einwanderung erkennt, als „Kartoffeln“ – mithin ein Begriff, der auf Herkunft und Hautfarbe abzielt. Immer deutlicher wird nun die Kritik derjenigen, die selbst nach Deutschland eingewandert sind, deren Familien vor Verfolgung, Krieg und Armut geflohen waren.

Die Initiative „Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung“ hat die Ampel-Regierung in einem offenen Brief aufgefordert, eine geeignetere Person aufzustellen, denn Ataman vertrete freiheitliche Einwanderer eben nicht: „Anstatt den Mut dieser Stimmen zu loben, durch Kritik einen demokratischen Diskurs innerhalb ihrer sogenannten Gemeinschaften zu fördern und sich gegen Selbstjustiz in Form von Morddrohungen zu stellen, verhöhnt Frau Ataman bedrohte migrantisch gelesene Personen.“

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Zuletzt sprach der Ehrenpräsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände, Mehmet Tanriverdi, über die von Ataman übersehenen Ehrenmorde, den Islamismus und die Zwangsheiraten.

Konflikte werden nicht an der Landesgrenze abgelegt

Atamans Nominierung finde auch ich problematisch. Als Kind libanesischer Bürgerkriegsflüchtlinge wurde ich 1984 in Berlin-Neukölln geboren, bin dann in jenem Bezirk aufgewachsen, der heute gern als vielfältig und bunt bezeichnet wird.

Dabei waren Konflikte in und zwischen den verschiedenen Migrantengemeinschaften programmiert, sie wurden bei der Einreise schließlich nicht an der Landesgrenze abgelegt. Für mich bedeutete das auch, zwischen Clan-Größen und Bandenkultur aufzuwachsen – Phänomene, die bis heute von den Grünen und der Linkspartei in Neukölln geleugnet werden.

Auch Ataman brandmarkte die Berichterstattung über Clan-Kriminelle als „rassistisch“, dabei sind Opfer dieser patriarchalen, reaktionären Strukturen zuallererst Menschen, deren Familien selbst eingewandert sind. Dass die Neuköllner Sonnenallee in der arabischen Community den abwertenden Beinamen „die stinkende Straße“ trägt, wissen nur wenige. Als Schüler baten mich meine Eltern jedenfalls, alle Hausverwaltungen der Stadt anzurufen, um nach einer geeigneten Wohnung woanders zu fragen.

Später arbeitete ich in einem Jugendzentrum. Schon vor 20 Jahren hörte ich dort, wie Moscheen, in denen ein mittelalterliches Gesellschaftsbild vermittelt wurde, um Grundschüler warben. Wer auf diese Gotteshäuser aufmerksam machte, wurde in Neukölln schnell als „Abtrünniger“ bezeichnet. Aus jenen Gemeinden schlossen sich einzelne auch dem „Islamischen Staat“ an.

Islamophobie-Vorwurf – Muslimbrüder im Schulterschluss mit grünem Milieu

Heute wirkt „Abtrünniger“ harmlos, denn die Moscheen, in denen gehetzt wird, können sich längst auf Unterstützer in Politik und Öffentlichkeit verlassen: Die in Berlin aktiven Muslimbrüder wissen im Schulterschluss mit Vertretern des grünen Milieus die Vorwürfe „Islamophobie“, „Islamfeindlichkeit“ oder „antimuslimischer Rassismus“ zu nutzen.

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Ataman hält nicht viel davon, auf die Diskriminierung von Frauen, den Antisemitismus, die Homophobie und den Rassismus in Deutschlands wachsenden islamischen Gemeinschaften aufmerksam zu machen. Völlig vergessen wird ohnehin, dass türkische Rechtsextreme seit Jahrzehnten in unzähligen Vereinen in Deutschland aktiv sind und weitgehend ungestört türkische Linke, Kurden, Armenier bedrohen.

Ataman löschte Tage vor ihrer Nominierung circa 12.000 ihrer Botschaften auf Twitter. An einen Tweet erinnere ich mich besonders, nämlich als sich Ataman 2020 über Necla Kelek und Ahmad Mansour als „Kronzeug*innen der ‘Islamkritik‘ echauffierte. Die beiden werden wegen ihrer Kritik regelmäßig mit dem Tod bedroht, brauchen teilweise Polizeischutz. Hätte sich eine Antidiskriminierungsexpertin nicht eigentlich mit ihnen solidarisieren müssen?

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