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Mal in Form, dann völlig k.o.: Welcher Arbeitgeber kann das brauchen?

Migräne, Erschöpfungszustände, unstete Belastbarkeit: Sabrina, 34, ist Rentnerin, seit sie vor zwölf Jahren von der Krebskrankheit geheilt wurde. Foto: Mike Wolff
Krebs und die Folgen Das neue Tabu heißt Armut, nicht Tod

Sabrina hat einen Rückfall, eine Hirnblutung. Sie muss neuerlich in die Reha. Es ist ihre „zweite Bekanntschaft mit dem Tod“. Der Künstler aus Nicaragua, für dessen Kunst sie gesammelt hatte, kommt Sabrina in der Reha besuchen. Er malt ihr ein Bild. Es zeigt ein Dorf in Nicaragua, am Horizont ein grün bewachsener Vulkan, darüber Sabrinas Kopf in den Wolken.

Durch die zweite Reha verpasst Sabrina den Anschluss an ihren Jahrgang. In der neuen Gruppe trifft sie auf eine eingeschworene Gemeinschaft. Niemand will mit Mitschriften helfen. Die Kommilitonen verstehen nicht, dass sie etwas mehr Prüfungszeit bekommt. Sie wissen nicht, dass ihr wegen der Sehbeeinträchtigung beim Lesen leicht die Zeile verrutscht. Wenn wegen der Lähmungserscheinungen bei einem Referat Sabrinas linker Unterarm unkontrolliert nach oben zieht und die Hand sich anwinkelt, tuscheln zwei Mitstudenten.

Noch heute denkt Sabrina daran, wenn sie vor anderen sprechen soll. Bis zum Schluss freundet sie sich mit niemandem an und zieht das Studium trotzdem durch. „Um mir zu beweisen, dass es mir nichts ausmacht“, sagt Sabrina. Als sie 2010 mit einem Schnitt von 2,0 ihren Bachelor abschließt, ist die frühere Einser-Schülerin traurig. Ein Professor sagt ihr, sie sei besser als der Jahresdurchschnitt.

Sie kann nicht richtig sehen, rennt gegen Laternen

Ehrgeizig in der Schule, Leistungssportlerin. Früher war Sabrina die, die immer allen zeigen will, dass sie es kann. Die 16-Jährige, der die Ärzte wegen ihres chronischen Kopfschmerzes immer nur raten, sie solle sich mal entspannen. Sie solle autogenes Training probieren. Dann kam die Sabrina nach der Operation: die die Leute auf der Straße plötzlich angucken, weil sie den Fuß nachzieht und sich schlecht orientieren kann. Die gegen die Laterne rennt, mit Fremden kollidiert und die hört: „Hast du keine Augen im Kopf?“

Sie wurde die Sabrina, die irgendwann nicht mehr aushält, dass ihr Freund immer für sie kocht – wo doch Kochen ihre Leidenschaft war – und sich trennt. Ihre Abschlussarbeit schreibt Sabrina über das Freihandelsabkommen CAFTA zwischen den USA und den Entwicklungsländern Zentralamerikas. Sie beschreibt, wie die Zölle zwischen den ungleichen Ökonomien weggefallen sind. Wie Importe aus der hochtechnisierten US-Agrarwirtschaft plötzlich günstiger waren als lokale Produkte Nicaraguas.

Als Sabrina sich für Praktika bewirbt hat sie noch keine großen Probleme. Sie arbeitet bei Vertretungen Europäischer Organisationen in Berlin mit und nochmal bei einer Botschaft. „Lebenslauf aufpolieren“, sagt sie. Dann bewirbt sie sich um richtige Stellen, schreibt dazu, dass sie schwerbeschädigt ist, und bekommt nur Absagen, wie sie erzählt.

Für Kinder gibt es spezielle Förderprogramme, für Erwachsene nicht

Ein einziges Mal wird Sabrina eingeladen. Sie erinnert sich an ein tolles Gespräch, aber die Stelle gibt es leider nur Vollzeit. Sabrina bräuchte einen Job, in dem sie flexibel arbeiten kann. Bei dem sie zuhause bleibt, wenn ihr Migräne und Erschöpfung zu schaffen machen, und dann dafür beim nächsten Mal etwas mehr macht. Von der Bankenbranche, wo man 110 Prozent und mehr geben muss, hat sie sich mittlerweile verabschiedet. Dieses Soll könne sie nicht erfüllen. Aber Außenwirtschaft, EU? 2014 hört Sabrina auf, sich auf Stellen zu bewerben, die zu ihrem Studium und ihren Schwerpunkten passen.

„Eine Krebserkrankung ist ein Bruch in jeder Biographie“, sagt Bernhard Wörmann, Onkologe an der Charité in Berlin, „aber die, die Krebs überstanden haben, sind starke Personen.“ Wörmann bietet eine spezielle Sprechstunde für junge Erwachsene mit Krebs an. In den letzten 20 Jahren hat er beobachtet, wie Sorgen um die finanzielle Existenz seine Patienten immer stärker belasten. Dabei könne man die Defizite durch die Erkrankung bei entsprechender Förderung gut ausgleichen. Kinder mit Krebs können einen überdurchschnittlich guten Schulabschluss machen, sagt Wörmann. „Diese Idee müsste man auf die Erwachsenenwelt übertragen.“

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