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Die Rente reicht schon jetzt nicht - und keine Aussicht auf Besserung

Migräne, Erschöpfungszustände, unstete Belastbarkeit: Sabrina, 34, ist Rentnerin, seit sie vor zwölf Jahren von der Krebskrankheit geheilt wurde. Foto: Mike Wolff
Krebs und die Folgen Das neue Tabu heißt Armut, nicht Tod

Weil Unterstützungssysteme und Arbeitsplätze auf solche Biographien nicht ausgelegt sind, irren viele zwischen Krankenversicherung, Rentenversicherung, Versorgungsamt und Arbeitsämtern hin und her. Sie werden von einem Kostenträger zum anderen geschoben. Mit einer Krebserkrankung landet man heute schneller in der Erwerbsminderungsrente, beobachten Ärzte und Beratungsstellen, und damit finanziell unter dem Existenzminimum. Nicht mehr der Tod, sondern die Armut von Krebserkrankten ist das neue Tabu.

811,06 Euro im Monat

„Wo ist das Problem?“, fragt man sich kurz, wenn man Sabrina heute in ihrer 55-Quadratmeter-Wohnung in Pankow besucht. An den Wänden hängen Holzfische in Rosa, Gelb, Grün und Blau. Rundliche Frauen aus Ton – Erinnerungsstücke an Nicaragua, wo Sabrina vor ihrer Erkrankung ein halbes Jahr Spanisch lernte – tragen buntes Obst vor der Brust her. Leben, Tod, schwarz, weiß. Sabrina trägt eine zart grüne Bluse, passend zu ihren Augen. Die 34-Jährige wirkt selbstbewusst, kompetent. Gemütliches Sofa, volles Bücherregal. An der Wand ein Kochbuch neben dem anderen.

Dann sagt Sabrina: ihr Kühlschrank ist leer. Bis auf Milch für den Kaffee hat sie keine Lebensmittel zu Hause. Zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen geht sie zu ihren Eltern, die ein paar Häuser weiter wohnen. 743,41 Euro betrug Sabrinas Rente ursprünglich, nach Anpassungen sind es jetzt seit Juli 811,06 Euro im Monat. Ihre Miete beträgt 430 Euro, dazu kommen Kosten für Telefon und Computer, Haftpflicht, Strom, GEZ.

Seit 2012 gilt Sabrina als vom Krebs geheilt. Sie hat häufig starke Migräne, kann sich schlechter konzentrieren, tageweise fühlt sie sich so stark erschöpft, dass man ein eigenes Wort dafür braucht. Als Folge der massiven OP am Gehirn ist sie linksseitig leicht gehbehindert und kann mit ihrer Hand nicht mehr greifen. Ihr linkes Blickfeld ist eingeschränkt. Auch mit den Hormonen gibt es seit der Therapie Probleme. Damit muss sie leben, sagt Sabrina, dafür ist sie am Leben. In einer Tabelle sieht sie sich aber bei den Kosten, „und da steht ein großes schwarzes Minus davor.“

Besonders jungen Leute droht der finanzielle Absturz

12,5 Prozent der 171 000 neuen Erwerbsminderungsrentner im Jahr 2014 hatten Krebs. Bis auf geringfügige Anpassungen wurden diese Renten seit 2000 stetig gekürzt, sagt Jürgen Walther vom Sozialdienst des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen in Heidelberg. Wer heute neu Erwerbsminderungsrente beantragt, bekommt im Durchschnitt 630 Euro pro Monat und liegt somit deutlich unter der Armutsgrenze.

Soziale Fragen werden in den Krebsberatungsstellen und Sozialdiensten der Krankenhäuser immer wichtiger. Besonders junge Erwerbstätige, Familien und kleine Selbständige bringe eine Erkrankung finanziell in Gefahr. „Vielen droht ein Sturz ins Bodenlose“, sagt Walther. „Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente reicht nicht aus, um den in gesunden Tagen entworfenen Lebensplan zu realisieren.“

Zurück zum Plan, das hatte sich Sabrina gewünscht. Nach einer Reha beginnt sie 2004 wieder zu studieren. Zwar nicht in Frankfurt – ihre Ärzte, ihre Ergotherapeuten, ihre Freunde und ihre Familie, alle, die für sie da sind, sind in Berlin – dafür „International Business“ in Karlshorst. Ein Studiengang auf Englisch. „Ich wollte was Anspruchsvolles“, sagt sie. An der Uni findet sie Freunde, die sie unterstützen, deren Mitschriften sie verwenden darf, weil sie selbst nicht so schnell mitschreiben kann. Sie lernen gemeinsam. Am Wochenende verkauft sie sogar noch auf Märkten Postkarten, um ein Giebelwandbild eines Künstlers aus Nicaragua an der Lichtenberger Brücke zu erhalten. Ein Praktikum in der Botschaft Venezuelas... Es wird viel zu viel.

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