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Setzt eine reflexhafte Religionskritik Versuche auf Spiel, den Unterricht für verschiedene Lebensrealitäten zu öffnen? Foto: dpa/Monika Skolimowska
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Konflikte seien bloß „religiös codiert“ Experten widersprechen Neuköllner Schul-Studie

Ein Lehrer am Campus Rütli und Islamismus-Experten berichten von ihren Erfahrungen. Problem sei nicht der Islam, sondern Rassismus.

Müssen Muslime in Tromsö, im nördlichen Norwegen, verhungern und verdursten im Ramadan? Denn die Sonne geht nördlich des Polarkreises entweder gar nicht, oder nur für sehr kurze Zeit unter, das Fastenbrechen entfiele. Doch man muss es natürlich nicht so streng sehen. Sie richten sich nun pragmatisch nach der Zeit in Mekka – trotz Sonne.

„Da stellt sich die Frage: Gibt es den einen Islam? Oder nicht eher viele Interpretationen“, sagt Tobias Nolte, Lehrer am Campus Rütli in Neukölln. Über das Dilemma der norwegischen Muslime hat er mit seinen Schüler:innen einen Text gelesen und ebendiese Frage debattiert.

Die meisten in seiner Schule hätten eine Migrationsgeschichte – und das große Bedürfnis, im Unterricht über Religion zu sprechen. „Viele definieren sich stark über ihre Zugehörigkeit zu Religionen. Aber das heißt nicht, dass das zu Konflikten führen muss.“ Sie bräuchten vielmehr die „Sicherheit, dass man es grundsätzlich gut mit ihnen meint“.

Braucht es die Registerstelle für „konfrontative Religionsbekundung“ wirklich?

Für religiöse Konflikte in Neukölln soll es nach dem Willen des Bezirksbürgermeisters Martin Hikel (SPD) in Zukunft eine eigene Registerstelle für „konfrontative Religionsbekundung“ geben. Berlins Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) kann sich auch ein landesweites System zur Erfassung solcher Fälle vorstellen. Aber braucht es das wirklich?

Das bezweifeln die Bildungswissenschaftlerin Ellen Kollender und die Islamismus-Experten Werner Schiffauer und Götz Nordbruch sowie Tobias Nolte bei einem Pressegespräch des Mediendienstes Integration am Dienstag. Sie bekräftigen damit die Kritik, die rund 120 Wissenschaftler an der geplanten Meldestelle und einer Studie des Berliner Vereins Demokratie und Vielfalt geäußert haben.

Mehr noch: Sie berichten aus der Praxis als Pädagogen, als Träger von Jugendarbeit und aus Gesprächen mit muslimischen Jugendlichen und deren Eltern, deren Sicht in der Debatte bislang zu wenig vorkomme. Und machen deutlich, wie komplex das Problem wirklich ist.

„Auch Schule muss sich anpassen“, fordert Götz Nordbruch, der den Jugendhilfe-Träger „ufuq.de“ mitbegründet hat. Die vorhandene Diversität bilde die Schule zu wenig ab. Nachdem ein islamistischer Jugendlicher den Lehrer Samuel Paty 2020 ermordete, sei den Schulen etwa „von oben herab eine Schweigeminute verordnet worden“. Die Ängste der Schüler:innen vor rassistischer Gewalt erhielten dagegen oft weit weniger Raum.

Lehrer Nolte: biographische Bezüge ernst nehmen

„Wir haben auch zu den Anschlägen in Christchurch und Hanau Schweigeminuten durchgeführt“, sagt Lehrer Nolte – aber auf eigene Initiative. Er verstehe die Ablehnung vieler Schüler:innen auf solches verordnetes Gedenken: „Die denken dann: Jetzt geht’s mal um einen von euch, aber wenn unsere Leute angegriffen werden, passiert nichts.“

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Er macht auf auch die „andere Grundemotionalisierung“ aufmerksam, die gerade Schüler:innen mit palästinensischen Wurzeln in Bezug auf den Nahost-Konflikt mitbrächten. Seine Schule habe daher einen eigenen Kurs zum Thema „Naher Osten“ eingerichtet. „Man muss die biographischen Bezüge ernst nehmen.“

Bildungswissenschaftlerin: Konflikte werden vorschnell auf Religion zurückgeführt

Sie machten es nötig, solche sensiblen Themen mit ausreichend Zeit zu beleuchten. Der Kurs umfasse die neunte und zehnte Klasse. „Wenn die schon kleine woke Erwachsene wären, müssten wir uns weniger Gedanken machen. Aber an dem Punkt setzt unser Job ja gerade an.“

Es gehe nicht darum, Probleme und Mobbing an Schulen kleinzureden, sagt die Bildungswissenschaftlerin Kollender. Aber Konflikte drohten „vorschnell auf die Religion zurückgeführt zu werden“. So könne ein Klima entstehen, „in dem muslimische Schüler und Eltern unter Generalverdacht gestellt werden“. Das löse mögliche Radikalisierungen erst aus.

Der Ethnologe Werner Schiffauer gibt Beispiele für solche übereilten Einordnungen: etwa wenn die Fronten eigentlich zwischen ethnischen Gruppen verliefen, wie zwischen türkischen und arabischen Jugendlichen. Mobbing werde „religiös codiert“ – auch von Jugendlichen selbst. Denn sie seien „Experten in provokativem Verhalten“, und spürten, was Lehrer:innen am meisten empöre. Zum Beispiel, wenn einige von ihnen gegen die Schweigeminute für Samuel Paty protestiert hätten, nur um ihre Lehrer:innen „auf hundertachtzig zu bringen“.

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