Der Gedenkkopf einer Königinmutter, erbeutet im 16. Jahrhundert aus dem Königreich Benin (Nigeria). Foto: Staatliche Museen zu Berlin/David von Becker
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Koloniale Raubkunst Berlins verfluchte Schätze

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Es wurde betrogen, gestohlen, gemordet – an vielen Kunstwerken in Berliner Museen klebt Blut. Forscher müssen sich fragen: Dürfen sie noch hierbleiben?

Stolz steht das Haupt der Königinmutter in der Vitrine. Vom Licht der Galeriefenster des Bode-Museums umspielt, wirkt sie größer, mächtiger als sie mit ihren 51 Zentimetern vom Sockel bis zur Spitze ihrer gewölbten Krone tatsächlich ist. Vermutlich stellt die Büste Idia dar, die Mutter von Oba Isgle, einem Herrscher des Königreichs Benin im 16. Jahrhundert.

Die Monarchin aus Afrika steht inmitten der italienischen Renaissance: zur Überraschung der Besucher, von denen die wenigsten wissen, welche Tragödie sich mit dem Kunstwerk verbindet. Vis-à-vis von ihr befindet sich das marmorne „Bildnis einer jungen Dame“ von da Settignano.

Die beiden Büsten bilden ein Paar in der Ausstellung „Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum“. Es ist ein Vorspiel für das Humboldt Forum, das Ende 2019 im wieder errichteten Stadtschloss eröffnet. Der Bund finanziert den 600 Millionen Euro teuren Bau.

Mit dem Ethnologischen Museum zieht außerdem das Museum für Asiatische Kunst ein, das Stadtmuseum wird eine Berlin-Ausstellung, die Humboldt-Universität ein Wissenslabor präsentieren. Damit die Schätze der Museen, die Anfang 2016 für den Umzug von Dahlem nach Mitte schließen mussten, nicht in Vergessenheit geraten, sind ihre Highlights bis dahin verteilt in anderen Museen der Stadt zu sehen.

Die koloniale Geschichte holt das Museum ein

Die Ausstellung im Bode-Museum ist zugleich ein Probelauf, wie das Ethnologische Museum seine heiklen Stücke im Humboldt Forum zu präsentieren, mit dem kolonialen Erbe umzugehen gedenkt. Größter Streitpunkt sind die sogenannten Benin-Bronzen, Gedenkköpfe aus Messing, dazu Reliefplatten und Figurengruppen, geschnitztes Elfenbein. Zu Hunderten wurden sie von britischen Truppen 1897 bei der Plünderung des Palastes vom Königreich Benin erbeutet und nach London gebracht, wo sie im Handel landeten.

Auch Idia, die Königinmutter aus dem Bode-Museum, gehört dazu. Museen kauften die Raubkunst, ein Großteil ging nach Berlin. Wie kompliziert die Hintergründe sind, welche Ansprüche eigentlich bestehen, davon erfährt der Besucher wenig. Nur knapp wird auf der Texttafel angerissen, dass die Schöne aus Benin einst einen Gedenkaltar im königlichen Palast schmückte und 1901 im Auktionshaus J.C. Stevens ersteigert wurde. Der Katalog wird erst auf den hinteren Seiten ausführlicher.

Umso näher die Eröffnung des Humboldt Forums rückt, umso dringlicher wird eine Neuausrichtung der Ethnologischen Sammlungen gefordert. Nicht nur Experten hinterfragen die einst mit Besitzerstolz gezeigten Schätze, deren Großteil vor über 100 Jahren erworben wurde. Woher stammen die Federmasken, Perlenthrone, Flechtkörbe? Wie gelangten sie ins Museum? War Gewalt im Spiel? Und: Gehören sie dann noch uns?

Macrons aufsehenerregender Vorschlag

Berlin will mit dem Humboldt Forum so etwas wie ein Kompass sein für das globale Miteinander. Seine Kapitäne befinden sich allerdings auf hoher See, seit der französische Präsident Macron im November 2017 in Burkina Faso eine aufsehenerregende Rede hielt, in der er die Rückgabe afrikanischer Kunst innerhalb von fünf Jahren ankündigte.

Die französischen Museen sichten nun ihre Bestände. Mit einem einzigen Auftritt stellte Macron in Aussicht, was Jahrzehnte undenkbar schien, ja von den Herkunftsländern so rigoros nie gefordert wurde. Für die europäischen Museen ändert das die Sicht auf ihr Gut. Wenn Frankreich den ersten Schritt tut, müsste das auch Konsequenzen haben für die anderen einstigen Kolonialmächte Europas, für England, Deutschland, Belgien.

Wenige Wochen später erreichte Angela Merkel ein offener Brief von über 40 Initiativgruppen, darunter Amnesty-Gruppen, das Eine-Welt-Netz, die Darfur-Hilfe, die von der Bundeskanzlerin einen ähnlichen Vorstoß wie von Macron forderten. Deutschland komme in dieser Situation eine Schlüsselrolle zu, heißt es darin.

In der Hauptstadt Berlin fand 1884/85 die berüchtigte Afrika- und Kongo-Konferenz statt, bei der die Aufteilung des Kontinents unter den Kolonialmächten ausgehandelt wurde – „die Voraussetzung für die systematische Aneignung von afrikanischen Kulturobjekten und sterblichen Überresten“.

Zu den Unterzeichnern gehört auch Christian Kopp vom Verein Berlin Postkolonial. „Man kann jetzt nicht schweigen zu Macron“, sagt er verärgert darüber, dass die erste Reaktion der Museen darin besteht, eine internationale Konferenz bilden zu wollen, um die nächsten Schritte gemeinsam zu beraten. „Das ist doch wieder eine Kolonialstrategie“, sagt Kopp. „Man setzt sich zusammen und plant, wie mit Afrika umgegangen werden soll.“

"Ich will wissen, wie viel Blut von einem Kunstwerk tropft"

Ein Vorbeben zu dieser Debatte hatte man in Berlin bereits im Sommer 2017 erlebt. Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy trat aus dem internationalen Beratergremium des Humboldt Forums aus mit dem Vorwurf, es werde nicht genug getan für Provenienzforschung: die Klärung, woher ein Stück kommt.

„Ich will wissen, wie viel Blut von einem Kunstwerk tropft“, erklärte die Berliner Wissenschaftlerin. Viele Kuratoren am Ethnologischen Museum empfanden diese Kritik als überzogen. Die Provenienzforschung steht am Beginn der Arbeit zu jedem Objekt.

Doch die Museen kommen nicht hinterher. Noch immer lagern in den Dahlemer Depots zigtausende Stücke, deren Herkunft ungeklärt ist, darunter rund 50 Kisten, die nach dem Mauerfall 1991/92 aus Leipzig nach Berlin rücküberführt wurden und deren Inhalt bislang nicht identifiziert ist. Das Ethnologische Museum hütet 500 000 Objekte.

„Man soll nicht so tun, als wäre alles zusammengeklaut“, verteidigt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und zusammen mit Neil MacGregor sowie Horst Bredekamp Gründungsintendant des Humboldt Forums, die Bestände. Er fordert vom Bund mehr Geld für Recherchen, für gemeinsame Forschungsprojekte mit den Herkunftsländern.

In Dahlem ließen sich über Jahrzehnte die Südseeboote, Totempfähle, Gemeinschaftshäuser fast sorglos genießen. Das Museum lieferte die Storys zu den exotischen Exponaten, der koloniale Hintergrund spielte eine untergeordnete Rolle.

Das Interesse der Ethnologen an der materiellen Kultur ist erst in den letzten Jahren wieder erwacht, nachdem lange die Feldforschung dominierte, beschreibt Felicity Bodenstein, die an der Technischen Universität zu Benin-Bronzen arbeitet, die Veränderungen in ihrem Fach. Die massenhaften Erwerbungen aus kolonialer Zeit verloren ihren wissenschaftlichen Stellenwert.

Heute versuchen die Museen die Zusammenhänge neu herzustellen, damit sich auch die Menschen der Herkunftsländer in den Ausstellungen wiederfinden. Der respektvolle Umgang wird auch im Humboldt Forum neu eingeübt, wozu gehört, die Ausstellungen zusammen zu konzipieren.

Im Vergleich zu Frankreich und England gibt die kürzlich von Paris nach Berlin gewechselte Ethnologin den deutschen Kollegen sogar gute Noten in Provenienzforschung: „In Deutschland gibt es eine größere Sensibilität durch die NS-Geschichte.“ Für das Humboldt Forum aber drängt die Zeit. Der Fluch, der auf Berlins Schätzen lastet, soll sich bis zur Eröffnung verflüchtigt haben.

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