Stummer Schrei. Könnte die Jacke reden, würde sie wohl flehen, nicht auf den Stapel mit den Recycling-Stoffen geworfen zu werden. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Kleider-Container in Berlin Wo unsere Altkleider landen

Marcus Ertle
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6000 Altkleidercontainer gibt es in der Hauptstadt. Sie ähneln sich. Sind aber in Wahrheit so unterschiedlich wie die Wege ihres Inhalts und die Motive ihrer Besitzer. Wer der Spur der Textilien folgt, erlebt ein Abenteuer.

Es gibt viele, die so sind wie sie. Aber das soll nicht heißen, dass sie nichts Besonderes wäre. Sie ist sehr schön und weich – so sehr, dass sie eines Tages in Saskia Wegners Hände und Kleiderschrank und vielleicht sogar ihr Herz gelangen würde. Und das, nachdem bereits eine andere Frau Ähnliches für sie getan und empfunden haben muss. Vielleicht, weil man auf die zarten Dinge besonders achtet.

Ganz am Anfang, das verrät das kleine Schildchen an der Krageninnenseite der Jacke, wird sie in Vietnam geschneidert und gelangt wahrscheinlich im Bauch eines großen Frachters nach Deutschland. Dort landet sie vermutlich in einer gehobenen Boutique. Vielleicht wird sie von einer Frau erworben, die sie, ihrer dann doch irgendwann überdrüssig geworden, an einen Second-Hand-Laden verkauft oder in einen Kleidercontainer wirft.

Berlin ist Hauptstadt der illegalen Container

So wie die 750 000 Tonnen T-Shirts, Hosen, Pullis, Jacken, Socken, Hemden und anderen Textilien, die jedes Jahr in deutschen Kleidercontainern landen und so viel wiegen wie 12 096 Leopard-Kampfpanzer, oder sechs Milliarden Äpfel. Man könnte meinen, die Container seien alle gleich. Weil sie eine Klappe haben, aus Metall sind und man mit der Kleidung, die man in sie hineinwirft, einen guten Zweck unterstützt. Könnte man meinen. Es stimmt aber nicht.

Sicher, äußerlich ähneln sich die mehr als 120 000 Container, die in Deutschland stehen. In Berlin, das bei Branchenkennern als Hauptstadt der illegalen Container gilt, sind es schätzungsweise mehr als 6000, wie viele genau, weiß niemand. So sehr sie sich ähneln, so unergründlich sind die Wege ihres Inhalts und so verschieden die Motive ihrer Besitzer.

Da gibt es zum Beispiel die gewerblichen Altkleidersammler, die keine gemeinnützigen Ziele haben und pro Jahr durch den Weiterverkauf der Textilien bundesweit zwischen 300 und 400 Millionen Euro Umsatz machen. Weil aber die Menschen ihre Kleidung ungern gewinnorientierten Unternehmen schenken, geben sich diese häufig den Anschein der guten Absicht. Und das geht so: Die gewerblichen Sammler zahlen Wohltätigkeitsorganisationen oder gemeinnützigen Vereinen eine feste Pauschale dafür, dass sie deren Logos auf ihre Container kleben dürfen.

Unabhängig davon, wie hoch der Wert der Sammlung dann tatsächlich ist. So haben die Spender beim Einwerfen ein gutes Gefühl, auch wenn in Wahrheit nur ein Bruchteil des Erlöses wohltätigen Zwecken zugute kommt. Das ist zwar legal, aber am Ende weiß niemand, wer wirklich von den Spenden profitiert.

Und dann gibt es noch die Container mit zwei Pfeilen, einer weiß, einer hellgrün, auf dunkelgrünem Grund. Das ist das Zeichen des Dachverbands „Fair-Wertung“, eines Zusammenschlusses von mehr als 130 gemeinnützigen Organisationen, darunter kirchliche Gruppen, Sozialverbände und Sozialunternehmen. Diese haben sich Standards verpflichtet, die festlegen, dass die gesammelten Altkleider umweltbewusst verwertet werden und sozialen Zwecken dienen.

Weich, nicht kratzig, anschmiegsam soll sie sein

Das rote Jäckchen jedenfalls wartet vor sechs Jahren in einem Second-Hand-Laden in Augsburg auf eine neue Besitzerin. Viele Frauen haben sie schon anprobiert, denn sie ist schön. Aber keiner passt die rote Jacke, da kann man nichts machen. Es sieht so aus, als würde sie, wenn nicht bald etwas geschieht, irgendwann im Müll landen. Das ist die Lage und sie ist traurig.

Bis Saskia Wegner in den Laden kommt. Sie ist Studentin, Anfang 20, und sie sucht eine Jacke, die nicht zu teuer sein soll. Und sie sollte auch weich sein und nicht kratzig und weil Saskia Wegner eine zierliche, kleine Person ist, auch nicht zu groß. Und zu ihren dunklen Haaren sollte sie auch passen und einen 50er-Jahre-Touch haben. Und weil all das Eigenschaften sind, die nicht so viele Jacken auf sich vereinen, hat sie die Hoffnung schon fast aufgegeben.

Inzwischen hängt die Jacke wirklich schon weit hinten in der hintersten Ecke, aber intensives Rot sieht man auch im Schummerlicht, und als Saskia Wegner sie sieht, ahnt sie, dass sie die Richtige für sie ist. Sie ist günstig, 5 Euro, aus Angora, schmiegt sich an wie eine leichte Kuscheldecke.


Saskia Wegner und ihre Strickjacke waren ein Traumpaar, gemeinsam haben sie London und New York bereist. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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So beginnt ihre Geschichte, und wäre die rote Jacke ein Mensch – hätten sie und Saskia Wegner Freundinnen sein können. Vor allem im Herbst, wenn es nicht zu warm für eine Strickjacke ist. Sie fliegen nach London, stehen vor dem Buckingham Palace, auf der Tower Bridge, fahren im Doppeldecker – Saskia Wegner schaut und die Jacke wärmt.

Im Herbst darauf fliegen sie nach New York. Manhattan, Times Square bei Nacht, Neonreklame, Glitzer, Glamour, dazwischen ein fröhlicher roter Punkt. Ein Traum. Dann nach dem Studium das Vorstellungsgespräch in Berlin. Ein Handelshaus für Biokraftstoffe sucht eine Sachbearbeiterin. Saskia Wegner ist nervös und die Jacke ist weich. Die Zusage kommt am nächsten Tag. Glücksgefühle. Umzug. Neue Stadt. Wohnung in Wilmersdorf. Das Leben ist schön. Die rote Jacke und Saskia Wegner gehen viel aus, aber irgendwann ändert sich etwas. Es fängt mit einem Knopf an.

Der Exodus aus dem Kleiderschrank

Genauer gesagt mit dem mittleren Knopf der roten Jacke. Es spannt ein wenig, wenn Saskia Wegner ihn schließt. Das ist nicht schlimm, nicht sehr, man muss den Knopf ja nicht schließen, die Jacke kann auch offen bleiben, auch wenn sie dann nicht mehr so gut wärmt. Aber wenn man es genau bedenkt – und irgendwann bedenkt Saskia Wegner Wegner es genau, dann ist die rote Jacke zu eng geworden. Als Saskia Wegner die rote Jacke seufzend in den Schrank hängt, bedauert sie das aufrichtig und hofft, dass sie wieder ein ganz klein wenig abnehmen wird, und das Problem wäre gelöst.

Viel zu lange schon hängt die rote Strickjacke ungetragen im Schrank. Sie ist zu eng geworden. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Aber zunächst bleibt es, wie es ist, und die Jacke hängt zusammen mit mehreren Hosen, einem roten Rock, einem weißen Pulli und einer gemusterten Bluse unbeschäftigt im Schrank. Monate vergehen und mit der Zeit bekommen sie neue Gesellschaft in Gestalt größerer Jacken und Pullis und Hosen und der Platz im Schrank wird langsam knapp. Und knapper und knapper und irgendwann zu knapp.

So beginnt der Exodus aus Saskias Kleiderschrank. Als Erstes müssen die Hosen weichen, was nicht weiter schlimm ist, sie sind nur ein paar Hosen unter vielen. Aber das schafft nicht viel Platz, also verschwinden auch die Bluse und der Rock, was ein wenig bedauerlicher ist, aber auch sie zählen nicht zu Wegners Lieblingsstücken. Zurück bleiben die rote Jacke und der weiße Pulli.

Es ist nicht so, dass Saskia Wegner treulos gewesen wäre, sie mag die rote Jacke und den weißen Pulli, der das Geschenk einer Tante ist. Aber dann, eines Abends, kommt ihr die Frage in den Sinn, was die beiden denn davon haben, dass sie womöglich den Rest ihres Daseins ungetragen in einem dunklen Kleiderschrank hängen. Mit diesem Gedanken geht sie nachts ins Bett und findet ihn auch am nächsten Morgen noch vernünftig. Soll sie die Jacke und den Pulli verschenken? Aber an wen denn? Da gibt es nicht so viele Freundinnen, die so zierlich sind wie sie. Und die früher vertraute Kleidung jetzt an einer Freundin sehen? Will sie das? Nein, besser ist es, ihnen ein neues ... nein, nicht Leben, aber doch eine neue Geschichte zu schenken. Und so landet die Jacke zusammen mit dem Pulli, der noch älter und abgetragener ist als sie, in einer Tüte, mit der Saskia Wegner zu einem Kleidercontainer am Nollendorfplatz geht.

Klappe zu, Jacke weg. Ein letztes Mal spürt Saskia Wegner den weichen, schmiegsamen Angora-Stoff an ihrer Haut. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Sie öffnet die Klappe, legt die Tüte hinein, schließt die Klappe – und die gemeinsame Geschichte ist zu Ende. Aber für die rote Jacke und den weißen Pulli geht die Reise weiter.

Zwischen Hosen, Mützen, T-Shirts und Putzlappen

Zwei Tage liegen die rote Jacke und der weiße Pulli im dunklen Kleidercontainer. Dann knirscht irgendwann die schwere Tür des Containers und die Jacke und der Pulli werden zusammen mit vielen hundert anderen Pullis und Hosen und Schuhen und auch T-Shirts und ein paar Mützen und auch Handschuhen und Putzlappen in einen Transporter geworfen. Wieder ist es dunkel und wieder hört man nur den Lärm des Verkehrs. Wohin fahren sie? Das wussten die Kleidungsstücke natürlich nicht. Aber wenn sie miteinander gesprochen hätten, dann hätte der Dialog vielleicht so oder so ähnlich ausgesehen:

Putzlappen (stöhnt): Schon wieder diese Scheiße, das hab ich alles schon mal erlebt.

Teures, aber altes T-Shirt: Äh, entschuldigen Sie, wie meinen Sie das denn genau, also, dass das hier wieder, also ... und dass Sie, das, äh, schon erlebt hätten?

Putzlappen (deprimiert): Na, ich bin ein Putzlappen, irgendwann enden wir alle als Putzlappen oder als Müll.

Roter, kratziger Schal (bitter): Ich bleibe immer ich. Erst große Freude ... hoho ... schöner Schal ... schön rot. Dann, wenn ich die Haut berühre: Ihhhh ... kratzig, und tschüss!

Schweigen.

Rote Jacke zum weißen Pulli (aufmunternd): Wir werden mehr Glück haben.

Weißer Pulli: Meinst du?

Nach zwei Tagen in der Dunkelheit beginnt die Odyssee. Es geht in Richtung Westen. Foto: Deutsche Kleiderkammer
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75 Prozent sind nicht mehr verwendbar

Es geht in Richtung Westen, am Tiergarten vorbei, Richtung Tegel, Auffahrt auf die A115. Raus aus der Stadt, durch das schöne Havelseegebiet, weiter nach Sachsen-Anhalt, Magdeburg, sie passieren liebliche Wälder, fahren über die ehemalige Grenze. Sind nun in Niedersachsen und schließlich 192 Kilometer vom Nollendorfplatz entfernt in Helmstedt, einer netten kleinen Stadt in Niedersachsen. Die Ladetür öffnet sich und hätten die Jacke und der Pulli in der Tüte jetzt etwas sehen können, dann wäre es eine große Lagerhalle mit Bergen von Textilien gewesen.

Die Lagerhalle gehört zur Zentrale der Deutschen Kleiderstiftung in Helmstedt. Hier werden die Kleidungsstücke aus den Containern sortiert. Es gibt den sogenannten Second-Hand-Anteil, das sind die Textilien, die man an die gleichnamigen Shops verkaufen oder an Kleiderkammern weitergeben kann oder die auf einen Hilfstransport dürfen. Diese Kleidung macht ungefähr 25 Prozent aller Textilien aus, die im Container landen. Die nächste Kategorie ist „internationales Hilfsgut“, dazu zählen Kleidungsstücke mit kleinen Makeln, die aber ansonsten sehr gut weiter tragbar sind. Was zu diesen beiden Kategorien gehört, darf bleiben, was es ist.

Die weiteren Kategorien, Recycling und Müll machen rund 75 Prozent aus und sind als Kleidung nicht mehr verwendbar. Mit diesen Textilien lässt sich kein Geld verdienen. Im Gegenteil: Die Verwertung oder Entsorgung kostet die Sammler Geld. Für die Deutsche Kleiderstiftung bedeutet das: Je mehr Second-Hand-Ware, desto mehr können sie den Menschen helfen. Für kommerzielle Sammler gilt: Je mehr Second-Hand-Ware, desto mehr Gewinn. Je mehr vom Rest, desto weniger Gewinn. Zumindest, wenn man sich an das Gesetz hält.

Ausfahrt Helmstedt. Wo früher die Transitstrecke endete, ist heute für viele ausgemusterte Textilien Endstation. Foto: Deutsche Kleiderstiftung
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Wenn nicht, wird die unrentable Ware von manchen gewerblichen Sammlern auch gerne mal im Wald aussortiert. Oder es läuft so wie vor ein paar Jahren in Duisburg. Dort mietete ein Unternehmen eine große Lagerhalle, sortierte ein halbes Jahr lang emsig, zahlte irgendwann keine Miete mehr und hinterließ dem verdutzten Vermieter eine Halle, die bis unters Dach mit unrentablen Textilien vollgestopft war.

Gewerbliche Sammler verkaufen auf Märkten in Osteuropa

Der Second-Hand-Ware dagegen steht eine längere Reise bevor. Während bei den gemeinnützigen Sammlern die gespendeten Textilien an soziale Einrichtungen gehen, landet bei den gewerblichen Sammlern Kleidung dieser Qualität auf den Märkten Osteuropas und Afrikas. Früher hieß es oft, die Kleiderspenden machten den dortigen Markt kaputt. Mittlerweile sind in vielen Ländern die gebrauchten Kleider aus Europa aber vor allem Konkurrenz für Billigimporte aus Asien. Mit ihnen wird Handel getrieben, sie werden umgearbeitet und schaffen somit Arbeitsplätze.


Stummer Schrei. Könnte die Jacke reden, würde sie wohl flehen, nicht auf den Stapel mit den Recycling-Stoffen geworfen zu werden. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Jetzt tut sich etwas. Die Tüte wird geöffnet. Licht. Die rote Jacke wird hochgehoben und eine blonde Frau mit warmen Händen betastet sie mit geübten Griffen. Sie lächelt. Das fängt gut an. Die blonde Frau hebt die rote Jacke hoch. Größe 38. Das ist klein, aber die Jacke ist auch schön und sehr weich mit zierlichen Knöpfen und ein wenig duftet sie noch nach Saskia Wegners Parfum, „Lipstick On“.

Die Frau mit den warmen Händen ist Bärbel Prüß. Sie arbeitet seit acht Jahren bei der Deutschen Kleiderstiftung und vor der kleinen roten Jacke, die sie gerade in den Händen hält, hat sie schon Tausende, nein viel mehr, sicher einige hunderttausend Sachen in den Händen gehabt und viele davon waren nicht schön und nicht weich und, na ja, über den Geruch will Bärbel Prüß erst gar nicht reden. Warum gar nicht so wenige Menschen gebrauchte Windeln und schmutzige Unterhosen in den Container werfen, weiß Bärbel Prüß bis heute nicht. Sie rümpft inzwischen nur noch kurz die Nase, hält die Luft an und wirft die Windeln in den Müll.

Manchmal stellt sie Vermutungen darüber an, wo die Liebe der Kinder hin ist, deren Stofftiere hier landen, so wie der graue Elefant, der so groß ist wie ein großer Hund und dem der Rüssel fehlt. Könnten die Stofftiere reden, würden manche wahrscheinlich weinen. Aber vielleicht ist die Lagerhalle für sie auch der Anfang von etwas Besserem. So wie für Bärbel Prüß selbst. Sie fing hier als Ein-Euro-Jobberin an, wurde aus der Arbeitslosenstatistik sortiert. Die Arbeit ist nicht leicht. Eine Hose oder eine Jacke wiegen nicht viel, aber Hunderte und Hunderte Hosen und Jacken haben ihr Gewicht, wenn man acht Stunden am Tag am Sortiertisch steht und einem irgendwann der Rücken wehtut.

Aber Frau Prüß mag ihren Job. Sie ist stolz darauf, weil sie weiß, dass sie etwas Gutes tut, so einfach ist das manchmal. Inzwischen ist sie fest angestellt und auf ihre Art eine Modeexpertin geworden. Wenn Kleidung out ist, landet viel davon auf ihrem Tisch. So wie jetzt die kleine rote Jacke, aus der, das entscheidet Frau Prüß sekundenschnell, kein Putzlappen werden wird. Aber wo ist der weiße Pulli? Frau Prüß legt die kleine rote Jacke zu anderen gepflegten Kleidern und sortiert jetzt sehr schnell weiter:

Einmal Waschen und Trocknen. Und weiter geht es

Graue Hose, verschlissen, Recycling. Blaue Jeans, abgewetzt, Recycling. Unterhose ungewaschen, Müll. Putzlappen, Müll. Malerhose mit diversen Farben gesprenkelt, Müll. T-Shirt, mal teuer, jetzt alt, Recycling, Roter Schal, schön, in Wahrheit kratzig, Second-Hand. Elefant ohne Rüssel, Müll. Weißer Pulli, Recycling.

Zwei Tage und zwei Nächte vergehen. Dann wird die kleine Jacke zusammen mit Pullis, Hosen, Schuhen und Hemden, alle sehr gepflegt, in eine große Waschmaschine geworfen, gewaschen, getrocknet und am Ende in einen großen Sack gesteckt. Und weiter geht die Reise.

Kennerblick. Acht Jahre bei der Deutschen Kleiderstiftung haben Bärbel Prüß zur Modeexpertin gemacht. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Und zwar dahin, wo sie hergekommen sind. Nach Berlin, nach Pankow, in ein Kloster. Dass es in Berlin ein Kloster gibt, klingt ein bisschen merkwürdig. Und man sieht es dem Backsteinkomplex in der Wollankstraße auch nicht an. Keine Mönche in braunen Kutten aus grobem Stoff, kein Kreuzgang, keine Glocke, die zum Gebet ruft. Stattdessen viele Menschen, die geduldig in einer langen Schlange stehen, die sich vom Hof des Klosters über eine Treppe durch einen Flur in einen Raum mit Sitzbänken hin zu einer Suppenküche erstreckt.

Vor einem großen dampfenden Topf voll Königsberger Klopse mit Kapernsauce, die hier bald ausgegeben werden sollen, steht Herr Backhaus. Er ist Angestellter und neben den fünf Mönchen und einem Dutzend Ehrenamtlicher verantwortlich für Suppenküche und Kleiderkammer. Seine Kunden sind meist Männer, manchmal auch Frauen, und meist sieht man ihnen die Art von Armut an, die durch keine Statistik und in keiner Talkshow wegdefiniert werden kann.

Alles, was es auch in einem guten Second-Hand-Shop gibt

Es gibt aber auch solche, die man auf der Straße niemals für hilfsbedürftig halten würde. So wie den Mittfünfziger mit der roten Funktionsjacke und den geputzten Schuhen, der zwar nur gebrochen Deutsch spricht, aber seit Jahren mit Begeisterung die aktuellen Leistungen deutscher und italienischer Fußballvereine kommentiert. Oder die alte Frau, die Weihnachten immer irgendeine Kleinigkeit als Geschenk mitbringt, manchmal ein paar Schokoweihnachtsmänner, manchmal Nüsse. Oder der ältere Mann mit der Seemannsmütze, der, so sagt er, schon auf fast allen Weltmeeren war und jetzt hier ist und lobt, dass das Essen und die Kleidung hier am besten seien und der wie zum Beweis seine Seemannsmütze lüftet und fröhlich ruft: Erste Qualität!

Berlin-Pankow, Wollankstraße 19. Im Franziskanerkloster erwartet das Jäckchen eine Wiedergeburt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Die Frauen sind in den Warteschlangen, die in den vergangenen Jahren immer länger wurden, die Minderheit. Sie sind gepflegter als viele der Männer, halten den Anschein aufrecht oder ihre Würde.

Währenddessen liegt die rote Jacke irgendwo im Dunkeln der Kleiderkammer unter einem Berg anderer Textilien. Bei dem Wort Kleiderkammer könnte man an einen Ort denken, in dem nur nützliche Dinge lagern, die vor Kälte schützen und sich nicht so schnell abnützen. Aber das ist ein Irrtum, sonst wäre ja die rote Jacke jetzt nicht hier. Es gibt dort alles, was es auch in einem guten Second-Hand-Laden gibt: Markenhemden, Stiefel, Halbschuhe, modische Jacken, Jeans in Slim-fit und in Regular, vielleicht sogar schöne Schals, die in Wahrheit kratzig sind.

Der nächste Tag. Herr Backhaus ist da und auch Tina Lyson, die den Menschen bei der Suche nach der richtigen Kleidung hilft. Sie ist eigentlich Kunsthistorikern, merkte aber irgendwann, dass die Arbeit hier erfüllend ist und die Menschen dankbarer sind als ein Arbeitsmarkt, der für Kunsthistoriker nur wenig zu bieten hat.

Die Schüchternheit der Armen

Die Türen zur Kleiderkammer gehen auf und Suchende strömen hinein. Die kleine rote Jacke hängt auf der Kleiderstange.

Aber will die überhaupt jemand? Natürlich, die Männer können sie nicht gebrauchen, und Frauen mit Saskia Wegners Statur gibt es nicht im Dutzend. Also Warten. Und wenn sie einfach dableibt? Als allzu schönes Aschenputtel? Und immer wieder werden Hände über ihren weichen Stoff streichen, sie in die Höhe heben, an ihr schnuppern und sich dann doch für den robusteren Stoff entscheiden, weil Not und Schönheit sich nicht gut vertragen. Schüchternheit der Armen. Vielleicht wird ihr am Ende ihre Besonderheit zum Verhängnis.

Aber dann fällt sie auf. Einer kleinen blonden Frau mit Augenschatten und leicht gebeugter Haltung. Sie sieht die Jacke an und streicht über den weichen Stoff und geht nicht weiter. Sie nimmt sie in die Hand, schnuppert daran und schaut Tina Lyson fragend an. Die nickt und die kleine Frau nimmt die rote Jacke in die Hand und geht mit ihr zur Ausgabetheke. Sie heißt Milena und kann kaum Deutsch. Sie kommt von weit her, aus Bulgarien, wo es viele Felder mit Mohnblumen gibt, die dasselbe Rot haben wie die kleine Jacke. Milena lächelt – und wäre die kleine rote Jacke ein Mensch, würde sie jetzt wahrscheinlich auch lächeln.

Wird die Jacke einen neuen Besitzer finden? Jemanden, der sie so liebt wie einst Saskia Wegner? Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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