Klangexperte. Peter Cusack weiß, wie sich Berlin anhört. Foto: Mike Wolff
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Klangkunst Der Sound von Berlin

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Peter Cusack nimmt Alltagsgeräusche auf. Wer mit ihm durch die Stadt spaziert, hört plötzlich Dinge, die einem sonst nie aufgefallen wären.

S-Bahnen rattern vorbei, Straßenverkehr. Soundkünstler Peter Cusack hat sich das Ostkreuz als Treff auserbeten. Von hier sei es nur ein Katzensprung zur Rummelsburger Bucht, wo er spazieren gehen möchte. Schon nach ein paar Metern auf der viel befahrenen Hauptstraße biegt er in einen kleinen Weg ab, der direkt zur Spree führt.

Der Verkehrslärm ebbt ab und Cusack sagt: „Das ist das Faszinierende bei Spaziergängen in der Stadt. Ihr Sound kann sich innerhalb kürzester Zeit stark ändern.“ Er spricht von „Klanggrenzen“, die man andauernd zu überwinden habe, von unterschiedlichen „Klangbereichen“, die man durchschreite. Man möge doch darauf achten, wie nun das Rauschen der Blätter in den Bäumen zu vernehmen sei, durch die der Wind pfeife. „Die Ohren öffnen sich im Grünen“, sagt Cusack. Er scheint recht zu haben.

Field Recordings

Es ist kein normaler Spaziergang, sondern ein „Soundwalk“. Cusack arbeitet als Klangkünstler mit Sounds, mit Geräuschen, die er unterwegs aufnimmt, mit sogenannten field recordings. Seit Jahrzehnten sammelt der inzwischen 70-Jährige Geräusche in aller Welt.

Es gibt eine CD von ihm, auf der nichts anderes zu hören ist als das schmelzende Eis des sibirischen Baikalsees. Für sein Projekt „Sounds From Dangerous Places“ war er mit seinem Aufnahmegerät in Tschernobyl und an Staudämmen in der Türkei. Sonic journalism nennt er das – klingenden Journalismus.

Vor sieben Jahren kam er über ein Stipendium nach Berlin. Und ist geblieben. Die Stadt sei für einen Klangforscher wie ihn sehr interessant, sagt er. Es gebe hier mehr Natur mitten in der Stadt als daheim in London, das sorge für abwechslungsreichere Geräuschkulissen. Vor Kurzem hat er ein Büchlein mit dem Titel „Berlin Sonic Places“ herausgebracht. In diesem geht er, teilweise auch in Form von Spaziergängen, der Frage nach, wie die Stadt Berlin eigentlich so klingt. Er beschreibt hier beispielsweise den Klang der Glocke vom Rathaus Schöneberg, oder wie es sich anhört, wenn Fahrräder über das Kopfsteinpflaster der Erich-Weinert-Straße in Prenzlauer Berg rollen.

Baumarten am Klang der Blätter im Wind bestimmen

Er gelangt nun ans Wasser, an die Rummelsburger Bucht. „Da“, er hält kurz inne, „das Krächzen einer Krähe.“ Ein paar Kinder schlendern vorbei, natürlich nicht geräuschlos. „Das sind typische Berlin-Klänge“, sagt Cusack, „der Wind in den Blättern und Kinderlärm.“

Das kennzeichne auch Prenzlauer Berg, wo er wohnt. So wie ein Fotograf, der fast immer eine Kamera bei sich hat, sei auch er meist mit seinem Aufnahmegerät unterwegs. Auch jetzt trage er eines bei sich. Klängesammler wie ihn gebe es viele in der Stadt. „Berlin hat die größte Szene an Soundkünstlern weltweit“, sagt er. Wahre Spezialisten seien darunter. „Manche können allein vom Klang der Blätter im Wind bestimmen, um was für eine Art Baum es sich handelt.“

Cusack geht am Ufer der idyllischen Rummelsburger Bucht entlang. Auf dem Wasser liegen Hausboote, manche von ihnen schaukeln hörbar im Wind. Ein Jogger kommt ihm entgegen, Kiesel knirschen unter seinen Schuhen. Ist man mit Peter Cusack unterwegs, dann wandelt sich die Wahrnehmung. Man hört Dinge, die einem sonst nicht aufgefallen wären – nichts Spektakuläres, sondern Alltagsgeräusche. Man müsse wieder lernen, seine Ohren richtig zu benutzen, sagt Cusack.

Aufmerksames Lauschen hat etwas Meditatives

Der ist nicht nur Klangkünstler, sondern auch Musiker. Schon in den Siebzigern war er in der Londoner Improvisationsszene als Gitarrist unterwegs. Mit Jazzmusikern und Klangavantgardisten wie Evan Parker oder David Toop hat er zusammengearbeitet. In dieser Szene hat das Geräusch seit jeher eine besondere Bedeutung.

Instrumente werden nicht nur auf herkömmliche Art gespielt, sondern ihre Klangkörper regelrecht erforscht. Kein Wunder, dass Cusack einen besonderen Nerv für Geräusche aller Art hat.

Ein Spaziergang mit ihm hat etwas Meditatives. Weil viel gelauscht wird, herrscht meist Schweigen. Immer wieder werden Stopps eingelegt, um besser hören zu können, was um einen herum vorgeht. „Man macht selbst ja auch Geräusche, wenn man sich bewegt“, sagt Cusack. Das Röhricht am Nordostufer der Bucht ist erreicht. Hier im Naturschutzgebiet könne man Nachtigallen hören, sagt Cusack, auch mal Teichrohrsänger und Rohrammern. Mehr als das Rauschen des Schilfs im Wind ist jetzt im Herbst jedoch nicht zu vernehmen.

Zurück am Ostkreuz wirkt der Lärm hier ohrenbetäubend. Dabei sind es nur vorbeifahrende Autos. In ein paar Stunden, versichert Cusack, habe man sich jedoch schon wieder an diese Geräuschkulisse gewöhnt und nehme sie so gut wie gar nicht mehr wahr.

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