Schon in der Schwangerschaft lesen viele werdende Eltern Ratgeber. Foto: Getty Images
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Kindererziehung Das sind die besten Ratgeber für Eltern

Danielle Graf

Bücher von Jesper Juul und andere Ratgeber gehören für viele Eltern zum Erziehungsalltag. Andere halten sie für überflüssig. Unsere Autorin hat mindestens 50 gelesen – und stellt die besten vor.

Das Thema Erziehungsratgeber (ich nenne sie eigentlich viel lieber „Bücher über Kinder“) spaltet die deutsche Elternschaft in drei Lager. Da sind diejenigen, die sie völlig überflüssig finden und sagen: Ich erziehe rein nach Bauchgefühl, Dann gibt es diejenigen, die sagen, dass sie eigentlich keine Ratgeber brauchen, aber bei speziellen Problemen durchaus mal gezielt dazu nachlesen, und schließlich diejenigen, die sehr gerne welche lesen.

Es wird keine Überraschung sein, dass ich der dritten Gruppe angehöre. Geplant war das eigentlich anders – ich war anfänglich davon ausgegangen, dass ich das mit dem Kinderhaben ganz locker hinbekomme und ich war fest entschlossen, einfach auf mein Bauchgefühl zu hören. Aber das ging kolossal schief und ich begann recht schnell, verschiedene Bücher zu lesen.

Mir hat es großen Spaß gemacht, mich durch diverse Literatur zum Thema Babys und Kinder zu lesen – meine „Bibliothek“ umfasst mittlerweile mehr als 50 Bücher. Dabei waren ganz großartige Bücher und ganz schreckliche. Ein Überblick über die Bücher, die mich beeindruckt, bereichert und nachhaltig positiv beeinflusst haben.

DEIN KOMPETENTES KIND

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, der gerade seinen 70. Geburtstag feierte, schreibt keine Erziehungsratgeber – er schreibt Bücher über Kinder und unsere Beziehung zu ihnen. Denn darum geht es ihm: Be- statt Erziehung. Juul geht davon aus, dass Kinder grundsätzlich mit ihren Eltern kooperieren. Tun sie das nicht, liegt der Fehler nicht beim Kind, sondern bei uns.

Dieses Buch hat viel in mir bewegt, weil es aufräumt mit gängigen Erziehungsidealen und schonungslos aufzeigt, dass das, was wir wie selbstverständlich tun, nicht immer sinnvoll ist. Das Buch ist kompakt und voller Aha-Effekte. Daher gibt es von mir eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Es gibt sehr viele Bücher von Juul – aber dieses ist für mich am besten als Einstieg geeignet, zudem sich die einzelnen Bücher thematisch überschneiden. Hier hat man ganz kompakt einen Einblick in eine für viele ganz neue Gedankenwelt, in die man meiner Meinung nach unbedingt einen Blick werfen sollte. Juul hat schon viele maßgeblich auf ihrem Weg beeinflusst.

„Dein kompetentes Kind“ von Jesper Juul, 208 Seiten, rororo, 9,99 Euro

DAS GLÜCKLICHSTE BABY DER WELT

Dieses Buch hat aus meinem Schreibaby ein einigermaßen zufriedenes, weil endlich ausgeschlafenes Kind gemacht. Ich hatte immer gedacht, dass Kinder einfach schlafen, wenn sie müde sind – dass das abendliche Schreien häufig auf Müdigkeit und der Unfähigkeit, sich selbst zu regulieren, beruht, darauf wäre ich gar nicht gekommen. In diesem Buch beschreibt Karp verschiedene Maßnahmen, mit denen man schreiende Kinder beruhigen kann. Durch die Methode löst man einen Beruhigungsreflex aus, der dazu führt, dass ein bitterlich schreiendes Baby innerhalb von Sekunden einschläft.

Das klingt nach Zauberei – aber es funktioniert zu nahezu hundert Prozent, wenn das Schreien durch Müdigkeit ausgelöst wurde. Schmerzen kann man natürlich nicht „wegkarpen“, aber die sind in den seltensten Fällen Ursache für das Schreien (ebenso wie Blähungen). Für Eltern von Schreibabys uneingeschränkt empfehlenswert, aber auch interessant, wenn das Baby nur gelegentlich unzufrieden ist.

„Das glücklichste Baby der Welt: So beruhigt sich Ihr schreiendes Kind – so schläft es besser“ von Harvey Karp, 384 Seiten, Goldmann, 9,99 Euro

DAS GLÜCKLICHSTE KLEINKIND

Nachdem mir „Das glücklichste Baby der Welt“ so weiter geholfen hatte, kaufte ich sofort auch „Das glücklichste Kleinkind der Welt“, ohne eigentlich genau zu wissen, worum es gehen würden. Dass mir das noch viel mehr helfen würde, ahnte ich damals nicht. Im Buch sind verschiedene Methoden beschrieben, wie man die Kommunikation mit seinem (trotzenden) Kleinkind verbessern kann. Sie helfen dabei, Kindern in einem Trotzanfall liebevoll begleitend zur Seite zu stehen. Dieses Buch bietet viele hilfreiche und vor allem praktische, ohne Weiteres anwendbare Mittel, die bei uns die Eltern-Kind-Interaktion so weit verbessert haben, dass „Trotzanfälle“ kaum noch vorkamen und wenn, dann dauerten sie fast nie länger als eine Minute (und meine Kinder sind durchaus sehr willensstark). Es gibt auch ein paar Dinge, die ich kritisch sehe, unter anderem die Empfehlung von Auszeiten. Aber ich denke, dass jeder das Buch mit gesundem Menschenverstand liest und das für sich Richtige herauszieht, daher ist es wirklich unbedingt empfehlenswert!

„Das glücklichste Kleinkind der Welt“ von Harvey Karp, 384 Seiten, Goldmann, 9,95 Euro

BEDINGUNGSLOSE ELTERNSCHAFT

Dieses Buch hat meine Erziehung gründlich revolutioniert. Meine Erziehung entsprach – bis ich „Liebe und Eigenständigkeit“ las – im Grunde der allgemein praktizierten (liebevolle Konsequenz, autoritative Erziehung) – aber richtig wohl habe ich mich damit nicht gefühlt. Warum das so war, habe ich erst nach diesem Buch verstanden. Alfie Kohn – selbst Vater von zwei Kindern – fragt Eltern häufig nach den langfristigen Zielen für ihre Kinder. Es werden immer dieselben genannt: Fast alle wünschen sich, dass ihre Kinder „glückliche, ausgeglichene, selbstständige, ausgefüllte, produktive, selbstbewusste, seelisch gesunde, freundliche, rücksichtsvolle, verantwortungsbewusste, liebevolle, wissbegierige und zuversichtliche Menschen“ werden. Nur warum verhalten wir uns häufig vielmehr so, dass unsere Kinder lernen, zu gehorchen und fügsam zu sein?

Mit diesem Buch soll eine alternative Sichtweise angeregt werden. Anstatt die üblichen Erziehungsstrategien zu nutzen, die Kinder quasi wie Objekte behandeln, sollen Wege gefunden werden, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Und das soll durch die Art geschehen, wie wir uns unseren Kindern gegenüber verhalten. Alfie Kohn führt uns vor Augen, warum Erziehung häufig so konfliktbeladen ist und wie man anders erziehen kann – ohne das Kind zu erpressen, ohne zu drohen und zu strafen, aber auch ohne zu loben. Das Buch hat mich aufgewühlt, weil es mir gezeigt hat, wie unfair wir teilweise mit unseren Kindern umgehen, wie wir sie erpressen und ihre Liebe ausnutzen, um sie zur Kooperation zu zwingen. Dieses ist das beste Buch zum Thema, das ich gelesen habe. Dank Kohn bin ich mittlerweile angekommen und mit mir und der Welt zufrieden.

„Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung“ von Alfie Kohn, 304 Seiten, arbor, 19,90 Euro

KINDER VERSTEHEN. BORN TO BE WILD

Dieses gehört definitiv zu den allerbesten Büchern zum Thema Kinder – wenn man ein Buch sucht, das so ziemlich alle Themen abdeckt, sollte man dieses exzellente Standardwerk für die ersten zwei bis drei Lebensjahre kaufen. Herbert Renz-Polster betrachtet die Entwicklung unserer Kinder aus biologischer/evolutionärer Sicht und bietet Erklärungen für ihre Verhaltensweisen, die uns wirklich helfen, unsere Kinder besser zu verstehen.

Vor allem seine Ausführungen zum Babyschlaf haben mir mit meinen zwei Schlechtschläferkindern wirklich weitergeholfen. Und wenn es nur insoweit war, dass ich begriffen habe, dass es völlig normal und sinnvoll ist, dass Babys nicht alleine einschlafen wollen oder ständig aufwachen. Das gab mir viel Gelassenheit.

Renz-Polster geht auch auf Themen wie Stillen, Beikost, Schreien, Sauberwerden, Bindung, Fremdeln und Förderung ein. Das Thema Erziehung wird kaum behandelt – es geht vornehmlich um die Entwicklung.

„Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt“ von Herbert Renz-Polster, 512 Seiten, Kösel, 19,95 Euro

IN LIEBE WACHSEN

„In Liebe wachsen“ ist ein wundervolles Buch. Ich ärgere mich sehr darüber, dass es nicht in jedem Buchladen wie selbstverständlich bei den Büchern über Kinder liegt. Gonzáles erklärt, warum Kinder sich so verhalten, wie sie es tun. Warum sie schlecht schlafen, warum sie nicht alleine sein wollen, warum sie ständig auf den Arm wollen.

Darüber hinaus nimmt er gängige Vorurteile wie die Angst vor Tyrannen wegen Verwöhnens und weitere weitverbreitete Erziehungsansichten auseinander. Das Thema Erziehung wird vergleichsweise ausführlich behandelt – unbedingt lesenswert, weil es viele Dinge in ganz anderem Licht beleuchtet.

„In Liebe wachsen – Liebevolle Erziehung für glückliche Familien“ von Carlos Gonzáles, 256 Seiten, 18,90 Euro bei La Leche Liga Deutschland e. V.

Die Autorin, Danielle Graf, hat zusammen mit Katja Seide selbst zwei sehr empfehlenswerte Elternratgeber geschrieben:

„Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch Trotzphasen“ (14,95 Euro) und „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5 bis 10“ (16,95 Euro). Beide Bücher sind bei Beltz erschienen. Die beiden Autorinnen schreiben auch auf ihrem Blog gewuenschtestes-wunschkind.de über Erziehungs- und andere Eltern-Kind-Themen.

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