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Stressfreie Zone. Bei Tagesvater Harald Käsmaier im Wohnzimmer wird gespielt – in ruhiger Atmosphäre, aber bestimmt nicht zu leise. Thilo Rückeis
© Thilo Rückeis

Kinderbetreuung Spiel’s noch einmal, Harry

Eva Steiner

Von 1600 Berlinern, die Tagespflege für Kinder anbieten, sind acht Prozent Männer. Wir haben einen Tagesvater begleitet: Harald Käsmaier ist eigentlich Arzt.

Was sofort auffällt, ist die entspannte Atmosphäre, in der sich die fünf Kinder so ungezwungen bewegen wie die bunten Mollys, Guppys und Neonfische in ihrem geräumigen Aquarium auf der Fensterbank. Natürlich geht es trotzdem längst nicht leise zu: „Tooor!“, johlt der fast dreijährige Lasse, als er beim Fußballspielen mit dem 16 Monate alten Niklas den blauen Flummi unter dem Küchenstuhl versenkt. Während Niklas’ Altersgenosse Franz sich am anderen Ende des Wohnzimmers im Erklettern des Klavierschemels erprobt – und weinend scheitert, bis er liebevoll getröstet wird. Die kleine Ella bietet dem Erwachsenen, der einen müden anderthalbjährigen Jungen auf dem Schoß hält, mit freundlicher Geste eine Tasse Tee aus der Spielküche an.

Der groß gewachsene Mann inmitten der spielenden Kinder heißt Harald Käsmaier. Er ist der Tagesvater der kleinen Gruppe und ihr ruhender Pol. Seit sechs Jahren geht der studierte Humanmediziner dieser Tätigkeit nach. „Die Arbeit mit Kindern ist unglaublich spannend. Jede Minute ist sinnvoll, jeder Kontakt ehrlich und lebendig. Und ich selbst muss mich dabei stetig weiterentwickeln“, sagt der 39-Jährige, während er mit den fünf Kindern einen Turm aus bunten Bechern baut. Dann schauen sich alle, die möchten, gemeinsam mit Käsmaier ein Bilderbuch an. Für den Kleinsten lässt er die Kuh darin „muh“ machen. Dem wissbegierigen Lasse erklärt der Tagesvater an anderer Stelle lieber den Unterschied zwischen Bagger und Radlader.

Er hat selbst vier Kinder

Das Wohnzimmer im Erdgeschoss des Reihenhauses in der idyllischen Grunewald-Siedlung aus den 1930er Jahren mit ihren Kiefern und bunten Fassaden hat Käsmaier zu einer Kinderstube umfunktioniert. Die eine Ecke schmückt ein durch Gitter gesicherter Holzofen. Vor den großen Fenstern, die einen noch winterlichen Garten mit Schaukel und Sandkasten zeigen, stehen eine niedrige Sitzgruppe und ein gemütliches Sofa. Über dem Klavier hängt eine Gitarre. Es gibt viel Holz und bunte Farben und natürlich auch jede Menge Bücher und Spielzeug: ein großes Holzschiff mit Tieren, Puppenwagen, einen Korb mit Kastanien, Kisten mit Duplo-Steinen und Bauklötzen.

Mit seiner Frau Julia, die als Ärztin arbeitet, hat Käsmaier selbst vier Kinder. Niklas ist der Jüngste von ihnen und das dritte Kind der Familie, das der Vater im Rahmen seiner Tätigkeit in den ersten drei Lebensjahren selbst betreut. Die Entscheidung, als Tagesvater zu arbeiten, traf Käsmaier 2013 kurz nach der Rückkehr aus Schweden, wo seine Frau und er als Mediziner gearbeitet hatten. „Meine Liebe zu Kindern, der Freiheitsgedanke, mein eigener Chef zu sein – das hat mich gelockt“, erklärt Käsmaier. 300 Unterrichtsstunden hat er absolviert, bis er eine Gruppe von bis zu fünf Kindern betreuen durfte. Eine Geldfrage sei die Entscheidung nie gewesen – reich werden könne man so nicht, sagt Käsmaier lächelnd. „Grob gerechnet komme ich – abzüglich der Sachkostenpauschale – auf zwei Euro fünfzig pro Kind pro Stunde als reines Betreuungsentgelt.“

Alleinerziehende Mütter suchen gezielt nach einem Mann

Rund 1600 Tagespflegepersonen arbeiten in Berlin, allein oder im Verbund. Nur acht Prozent sind Männer. Dass Käsmaier so zu einer Minderheit gehört, hat den Sohn eines Landwirtes aus Bayern nie gestört. Und geschlechtsbezogene Ressentiments hat er kaum zu spüren bekommen. „Manche Eltern, zum Beispiel alleinerziehende Mütter, suchen sogar gezielt nach einem Mann als weitere konstante Bezugsperson“, sagt Käsmaier. Macht er denn etwas grundsätzlich anders als eine weibliche Betreuerin? „Das kann man auf keinen Fall verallgemeinern. Vielleicht bin ich als Mann ein bisschen risikobereiter, lasse die Kinder mehr ausprobieren und leite weniger an“, sagt der Tagesvater. Lasses Vater Jan Specht jedenfalls ist von Käsmaier, den alle Eltern liebevoll nur „Harry“ nennen, vollauf begeistert: „Er hat viel Vertrauen in die Kinder. Gleichzeitig kann er als Mediziner Risiken gut einschätzen. Die Kinder kommen viel in die Natur, und was das Wichtigste ist: Sie sehen alle unglaublich glücklich aus“, schwärmt der 40-Jährige. Sein Sohn hat das Fußballspiel inzwischen unterbrochen. Als wolle er die Worte seines Vaters bestätigen, untersucht Lasse in der kleinen gemütlichen Küche der Käsmaiers an der Spüle gerade enthusiastisch und auf eigene Faust die Funktionsweise eines Teesiebes.

Stressfreiheit ist für Kinder wichtig

Die sicht- und spürbare Zufriedenheit der Kinder hängt für Käsmaier nicht zuletzt von der kleinen Gruppengröße und der häuslichen Betreuung ab. Seine Frau Julia nennt dieses Umfeld eine „stressfreie Zone“. „Und Stressfreiheit ist für Kinder in den ersten Lebensjahren unglaublich wichtig“, betont Käsmaier. Die Betreuung in vielen Kitas beurteilt er wegen der großen Belastungen und der schlechten Bezahlung im Erzieherberuf kritisch: „Auf dem Papier ist der Betreuungsschlüssel für unter Dreijährige in den Kitas ähnlich wie in der Tagespflege. Im Kitaalltag sieht es aber aufgrund von Krankheit, hoher Fluktuation und pragmatischer Arbeitsteilung oft ganz anders aus.“ Allein der Lärmpegel, dem Kinder und Erzieher ausgesetzt seien, sei aufgrund der deutlich größeren Kinderzahl in der Kita um ein Vielfaches höher. „Die Politik müsste dringend etwas dafür tun, dass Eltern die Chance haben, sich zwischen den Modellen Selbst- oder Fremdbetreuung frei zu entscheiden, und nicht auf ein Doppeleinkommen angewiesen sind. Zum Beispiel durch erschwingliche Mieten“, fordert Käsmaier. Derzeit könnten sich viele Eltern gar nicht leisten, einen Kitaplatz abzulehnen. Auch dann nicht, wenn die Einrichtung keinen guten Eindruck auf sie mache. Bei ihm werden im nächsten Jahr voraussichtlich zwei bis drei Plätze frei. Rund zwanzig Anfragen dafür hat er dafür schon.

Mit Musik. Harald Käsmaier findet, die Betreuung von Kindern habe viel mit dem Erlernen eines Instruments gemeinsam: „Eine Kunst, in der man nie auslernt.“ Thilo Rückeis Vergrößern
Mit Musik. Harald Käsmaier findet, die Betreuung von Kindern habe viel mit dem Erlernen eines Instruments gemeinsam: „Eine Kunst, in der man nie auslernt.“ © Thilo Rückeis

Als der Morgen fortschreitet, geht Käsmaier mit den Kindern in die Küche, wo sich jedes Kind eine Sorte Obst für die Vormittagspause aussuchen kann. Es dauert, bis alle, besonders die Kleinsten, auf den Kinderstuhl geklettert sind und ihre Auswahl aus dem Obstkorb getroffen haben. Doch nicht nur Käsmaier wartet geduldig. Auch die Kinder scheinen von seiner Gelassenheit beeinflusst, keines drängelt. Die Betreuung von Kindern lasse sich mit dem Erlernen eines Instruments vergleichen, findet Käsmaier. „Es ist eine kleine Kunst, in der man nie auslernt“, sagt er mit seiner ruhigen Stimme.

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