Andreja Schneider, 53, singende Schauspielerin, in ihrem Garten: dem Schlosspark Charlottenburg. Foto: Thilo Rückeis
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Kiezspaziergang mit Andreja Schneider Ein Fräulein auf Umwegen

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In der Berliner Kleinkunstszene läuft fast nichts ohne die Schauspielerin. Nun spielt sie eine Putzfrau bei RTL. Ein Spaziergang in Charlottenburg.

Mitten im Schlosspark Charlottenburg macht Andreja Schneider einen kleinen Hüpfer. Ein paar Zentimeter nur heben sich ihre weißen Turnschuhe vom gefrorenen Waldweg, mehr nicht. Ihr Regisseur ist dran, endlich. Leicht nervös hatte sie das Handy vorher ein paar Mal aus der Tasche ihres schwarzen Mantels genommen. „Ulli, mein Schatz, guten Morgen, hast du gute Neuigkeiten?“ Er hat – zumindest im Rahmen des Möglichen.

Die RTL-Serie „Beck is back“, Primetime, Dienstag, 21.15 Uhr, hat am Vorabend eine ganz ordentliche Quote gemacht: 1,75 Millionen Zuschauer, zwar nur 9,1 Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, aber es war ja auch schon wieder Champions League – „Nimmt dieser Fußball denn kein Ende?“ – Bayern München, schwierige Bedingungen. Ob es für eine Fortsetzung der Serie reicht, kann ihr Ulli Baumann an diesem kalten Mittwochmorgen, vier Wochen vorm Ende der ersten Staffel, aber immer noch nicht sagen.

Dass sich Andreja Schneider überhaupt mit solchen Dingen beschäftigt, ist allein schon eine kleine Sensation. Am zugefrorenen Teich auf der Rückseite des Schlosses setzt sie sich auf eine türkisfarbene Bank. Der Bezirk hat ihr und Katharina Thalbach eine geschenkt, eine aus grünem Gusseisen, mit verschnörkelten Ästen, weil sie seit – „man wagt es kaum zu sagen“ – zehn Jahren das Zwei-Personen-Stück „Zwei auf einer Bank“ in der Bar jeder Vernunft spielen.

Sie, die Loreley, umbuhlt vom depressiven Joachim mit dem klebrigen Mittelscheitel, komisch-charmante Musikrevue. Sie ist das Fräulein Schneider der „Geschwister Pfister“ und die Herrin des Mondes in der Operette „Frau Luna“, dem Sandkastentreffen der Berliner Kleinkunstszene. Bar jeder Vernunft, Tipi, Komische Oper, Hebbel am Ufer, das ist ihre Welt. Und nun: eine kroatische Putzfrau in einer RTL-Serie?

„Es hat mir großen Spaß gemacht und ich muss mich nicht schämen.“

Andreja Schneider lacht dieses herzliche, ansteckende Lachen, läuft noch ein paar Schritte durch den Park, den sie liebevoll ihren Garten nennt, wo sie die Jahreszeiten verfolgt, fast täglich Yoga macht, Nordic Walking oder einfach nur Frischluft tankt. Sie überlegt lange, als müsse sie die Antwort diplomatisch formulieren. Mutig sein wollte sie, was Neues ausprobieren.

„Künstlerische Berührungsängste waren natürlich da“, sagt sie, „aber dann habe ich gedacht: Das ist wieder typisch deutsch, diese Unterscheidung zwischen E- und U-Unterhaltung.“ Also mitten rein in die Welt des Privatfernsehens, die brisanten Details behält sie für sich, das Einzige, was zählt: „Es hat mir großen Spaß gemacht und ich muss mich nicht schämen.“

Sie bereut nichts, eine Abräumerrolle sei das, sagt sie, da durfte sie Autorennen fahren und über Zäune springen. „Wo darf man das schon als 53-jährige Schauspielerin?“ Dazu reizende Kollegen – und ihre Rolle, „die habe ich sehr lieb gewonnen“: Jasmina Božic, in ihrer kroatischen Heimat Richterin, putzt nun bei Strafverteidiger Hannes Beck (Bert Tischendorf), der hauptberuflich Papa von vier Kindern war, bis seine Karrierefrau ihn für den Staatsanwalt verlässt. Dann lösen Hannes und Jasmina gemeinsam Fälle, wie sich RTL-Autoren die Juristerei eben vorstellen – viel zu bunt, räuberpistolig und zeitweise völlig unglaubwürdig.

„Ich wollte nicht nach Charlottenburg“

Dass es trotzdem oft ganz unterhaltsam ist, liegt natürlich vor allem an Jasmina Božic. Wieder hat Andreja Schneider viel von ihrer Mutter hineingelegt, wie schon beim Fräulein Schneider: Der übertriebene Balkan-Akzent, das Zupackende, das Herzliche, viele der Sprüche – all das ist eine Hommage an die Mutter, die mit der Familie aus Zagreb nach Deutschland geflohen ist, als Andreja zwei Jahre alt war.

„Beim ersten Pfister-Programm hatte ich Angst, dass sie sich auf den Schlips getreten fühlt“, erzählt Andreja Schneider. Die Mutter aber habe gelacht und gerufen: Das bin ja ich! „Meine Eltern sind sehr selbstironische, herzliche Menschen.“ Nach 40 Jahren in Deutschland haben sie ihr Haus in Friedenau verkauft und sind zurück nach Kroatien, haben ein altes Steinhaus in Istrien an der Adriaküste gekauft.

Ungefähr zur selben Zeit musste Andreja Schneider aus ihrer Wohnung in Kreuzberg raus, ein Freund bot ihr seine an, drüben im Danckelmann-Kiez. „Ich wollte nicht nach Charlottenburg“, sagt sie, die schon überall gewohnt hat von Tiergarten bis Mitte. Direkt nach der Wende hat sie mit zwei Freunden eine Wohnung am Gendarmenmarkt bezogen, 250 Quadratmeter für 350 Euro, Blick auf den Dom, neben ihnen Tamara Danz. „Da haben wir ein Jahr lang gewohnt, bis die Verhältnisse geklärt worden sind.“ Nun also Charlottenburg, sie hat es nicht bereut, tolle Wohnung und: Himmel, dieser Kiez!

Über den Spandauer Damm geht es rüber zum Klausenerplatz, links in die Danckelmannstraße. Hier sieht es aus wie im schönsten Prenzlauer Berg, verschnörkelte Altbauten, Low Fashion for Kids, Kunsthandwerk aus Nepal, Ökoläden und überall Cafés. „In den 70er Jahren waren das besetzte Häuser“, sagt Andreja Schneider, „der Kiez ist immer noch wahnsinnig links, da wird über alles abgestimmt.“ Sie nennt es das Wendland von Berlin, ein verkehrsberuhigtes Öko-Biotop. „Hier laufen noch mittelalterliche Barden rum.“

"Hier gibt es die besten Weißbiere der Stadt"

Bei Nummer 16, Eingang zum Hinterhof, hat jemand „STOPP Drogendealer draußen bleiben“ mit Kreide auf den Boden gemalt, Gleiches gilt für Hunde – hier leben Lunetta, Kira, Karuso und Hertha. „Die Ziegen waren schon immer hier“, sagt Schneider, „eine Uralt-Einrichtung.“ Nebenan gibt es Crêpes mit Nutella „und überall leckeres Eis“, man kann sich vorstellen, was hier im Sommer los ist. Eine Ecke weiter, links rein in die Seelingstraße, verkauft der Brotgarten die Sonnenblume für 3,80 Euro und die Seeling-Kruste für 2,50 Euro. Vor mehr als 40 Jahren war es eine der ersten Biobäckereien der Stadt, ein Kollektiv mit Ausbildungsbetrieb, heute ist es schwieriger geworden wegen der großen Bioketten.

Weiter die Danckelmann hinunter und rechts in die Knobelsdorffstraße, vorbei am Weiß Blau, Nummer 37, bayerische Feinkost, „hier gibt es die besten Weißbiere der Stadt.“ Heute wird das Weißwurstfrühstück ausgelassen, obwohl sie ein Fan der Hausmannskost ist, aber es geht ein paar Häuser weiter zu Giro d’Espresso, betrieben vom ehemaligen Radrennfahrer Stefan Raisner, der nun in Kaffeekultur macht. Im Fenster Rennräder, drinnen Espresso und Wein, den ganzen Tag schnulzen italienische Schlager aus dem Radio.

Andreja Schneider bestellt Kräutertee und ein Glas Wasser, löst eine Aspirin Complex darin auf, frische Luft allein reicht derzeit nicht – auch wenn sie jeden Morgen einen frischen Saft trinkt aus allem, was das Gemüseregal so hergibt, seit 25 Jahren, lange bevor der Smoothie zum Lebensgefühl wurde. Fünfmal die Woche spielt sie derzeit wieder „Frau Luna“ im Tipi, „wenn ich krank werde, fällt die Vorstellung aus.“

Natürlich würde Andreja Schneider im Zweifel immer die Bühne wählen, „die Bühne macht mich wirklich glücklich.“ Und dennoch hofft sie auf eine zweite Staffel „Beck is back“, allein schon, weil sie sich vier Monate im Sommer freihalten musste, dafür ein anderes Projekt abgesagt hat.

„Sonst lerne ich halt Gitarre und lebe von Fertigsuppe“, sagt sie lachend, denn das ist natürlich völlig übertrieben. Sie hat schon zwei Jahre im Voraus verplant: Verfilmung des Udo-Jürgens-Musicals „Ich war noch niemals in New York“, neues Pfisters-Programm – Arbeitstitel: „Businessclass – die Geschwister Pfister im Sitzen“ –, ein Hörbuch für Kinder, und dann das nächste große Ding, noch geheim natürlich, nur so viel: Katharina Thalbach, Meret Becker, Anna Fischer und Anna Mateur und eben sie – fünf Frauen als „arschcoole Cowboys“, die fünf glorreichen Sieben oder so. Schon wieder so ein Klassentreffen. Irgendwas ist ja immer. Ob mit oder ohne RTL.

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„Beck is back“ läuft noch bis zum 20.3., dienstags um 21.15 Uhr, auf RTL. „Frau Luna“ läuft noch bis zum 11. März im Tipi am Kanzleramt, Große Querallee, Tiergarten, Karten ab 20 €. tipi-am-kanzleramt.de

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